Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 4. Fastensonntag
(Jahreskreis B, 2. April 2000)

L 1: 2 Chr 36,14-16.19-23; L 2: Eph 2,4-10; Ev: Joh 3,14-21
oder: L 1: 1 Sam 16,1b.6-7.10-13b; L 2: Eph 5,8-14; Ev: Joh 9,1-41

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wenn wir heute die Kirche betreten haben, dann haben wir wohl alle das Weihwasser genommen und damit das Zeichen des Kreuzes über uns gemacht. Vielleicht tun wir das einfach so, weil wir es gewohnt sind, und sind uns des eigentlichen Sinnes zu wenig bewußt. Wir Christen haben ein „Erkennungszeichen“, ein Bekenntniszeichen für unseren Glauben, und das ist das Kreuz! Gerade in der „Österlichen Bußzeit“ (= Fastenzeit) als Vorbereitung auf das Osterfest tritt uns die Bedeutung des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus wieder deutlicher vor Augen.

Es ist recht, wenn wir das Zeichen des Kreuzes anbringen in unseren Häusern, wenn wir es an einem Kettchen um den Hals gehängt tragen und wenn es kunstvoll eingeht in die Gestaltung unserer Kirchen und Altäre. Dies alles soll uns aber nicht vergessen lassen, daß im Kreuz für die Menschen zur Zeit Christi ein unerhörtes Ärgernis lag: Es war der Verbrecher-Galgen, die Hinrichtungsstätte für jene, die das Gesetz verletzt hatten (vgl. Dtn 21,22 f). Somit war es keine Ehre für jemanden, am Kreuzespfahl zu sterben, sondern bedeutete höchste Schmach, Verlassenheit und Verworfenheit – für ihn selbst sowie für die Hinterbliebenen.

Und ausgerechnet da entspricht es der Logik der Liebe Gottes, gerade dieses Zeichen der Schmach umzuwandeln in ein Zeichen des Heiles und der Erlösung, ja in ein Zeichen der Freude! Gott wählte dazu nicht irgendeinen der großen Propheten aus - und wäre er noch so bedeutend -, sondern er sendet seinen Sohn zu uns. Dieser kommt, obwohl er der Sohn Gottes ist, als Mensch zu den Kindern der Menschen, denn er ist der „Menschensohn“. Selbst ist er ohne Sünde, und doch nimmt er stellvertretend für die Sünden der Menschen alle Schuld auf sich. Er tat nur Gutes und setzte sein Leben ein aus Liebe für die Menschen – und eben deshalb wurde er von ihnen zum Tode verurteilt und mußte er den schmachvollen Tod am Kreuz erleiden!

Welche Umkehrung der Werte liegt doch in diesem Handeln Gottes! Wie sehr stellt er unsere rein menschliche Ordnung „auf den Kopf“! Was Sünde war, wird verwandelt in Gnade; was Verlorenheit und Gottverlassenheit bedeutete, wird zum Ort des Heils und der Zuflucht bei Gott. Am Kreuz wurde der Menschensohn erhöht, „damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“

Es sei Torheit, meinten die heidnischen Griechen, so etwas zu glauben. Sie konnten sich einen Gott, der sich aus Liebe zu den Menschen entäußert und herabsteigt ins tiefste Elend, nicht vorstellen. Ja, es ist Torheit, so können wir sagen. Aber eine „Torheit der Liebe“, die auch das Ungeeignete wählt zum Ausdruck ihrer Zuwendung und Nähe. So sehr hat Gott die Welt geliebt, „daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ In dieser scheinbaren Torheit erweist sich Gott weiser als alle Menschen. Diese Liebe, die bis zum Äußersten geht, besiegt allen Haß und alle Ungerechtigkeit der Sünde und alle Bedrohung ewigen Todes.

Denn Gott möchte uns „Leben“ schenken – Leben in Fülle, Gnade und Segen, Heil in Ewigkeit, Freude und Seligkeit. Das Ziel der göttlichen Initiative, des göttlichen Heilshandelns, ist nicht das Gericht über die Welt, sondern daß die Welt durch den Sohn Gottes gerettet wird. Ein neuer Himmel und eine neue Erde sind uns verheißen, in denen die Gerechtigkeit wohnt und der Friede herrscht, wenn Gott einst alles vollenden wird. Daß er dies auch tut, erhoffen wir voll Zuversicht. Das Schicksal Jesu Christi, an den wir glauben, ist uns dafür ein Unterpfand. Denn er wurde hingegeben wegen unserer Sünden, am dritten Tage aber von den Toten auferweckt. In seiner Auferstehung hat er auch uns den Weg zum Himmel geöffnet. Darauf baut unser Glaube auf, und darauf gehen wir zu, besonders jetzt, wenn wir uns auf Ostern vorbereiten!

Liebe Gläubige! Auch unser Leben kennt Stunden, in denen wir mit Kreuz und Leid konfrontiert sind. Da stellt sich uns immer wieder die Frage: „Warum? Wieso ich?“ Eine Antwort können wir uns nicht selber geben. Wir werden sie aber finden, wenn wir versuchen, zum Kreuz des Herrn aufzublicken. Die Botschaft lautet: Genau hier findest Du Liebe. Gottes Liebe ist Dir besonders nahe. Du mußt nur daran glauben und vertrauen, dann wird Gott alles zum Guten wenden, dann wird er Dir den Frieden des Herzens und die Freude und Seligkeit des Himmels schenken. In diese Haltung des Glaubens und Vertrauens sollen wir uns immer wieder einüben. Daß uns das gelingt, dafür wollen wir beten, und in Einheit mit der ganzen Kirche feiern wir jetzt das Opfer Christi, bei dem wir uns zu Tod und Auferstehung des Herrn bekennen, bis er wiederkommt in Herrlichkeit. Amen.

 

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at