Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 4. Adventssonntag
L 1: 2 Sam 7,1-5.8b-12.14a.16; L 2: Röm 16,25-27; Lk 1,26-38
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
"Nahe ist der Herr!" Das dürfen wir heute, am 4. Adventssonntag, nur mehr wenige Tage vor dem Fest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, mit Freude bekennen. Er ist uns zeitlich nahe; ob er auch unserem Geiste nahe ist, hängt davon ab, ob wir auf ihn hören und ihm öffnen, wenn er an die Tür unseres Herzens klopft!
Gemeinsam sollen wir heute nach dem Willen der Kirche überlegen, wie jenes Geheimnis begonnen hat, sich zu vollziehen, das wir in wenigen Tagen feiern werden. Das "Geheimnis der Menschwerdung" ("mysterium incarnationis") – seit Ewigkeit verborgen in Gott - nahm seinen zeitlichen Anfang neun Monate vor der Geburt Jesu in Bethlehem. Es war unfaßbar für die Menschen, unscheinbar und verborgen vor den Augen der Welt, was Gott Großes wirkte durch das freiwillige Ja-Wort jener Frau, die schon von Ewigkeit her erwählt war, dem Messias eine menschliche Mutter zu sein.
Was uns beim heutigen Evangelium vor allem ergreifen soll, ist nicht der außergewöhnliche Umstand, daß ein Mensch, noch dazu ein Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren, "Besuch" bekam von einem himmlischen Boten, einem Engel. Das ist zwar nicht alltäglich, und auch Maria, die Jungfrau, erschrak, als der Engel bei ihr eintrat und sie mit den Worten anredete: "Sei gegrüßt, voll der Gnade, der Herr ist mit dir." Wieso widerfährt mir das, wird sie sich gefragt haben, als sich ihr Erschrecken gelegt hatte: Bin ich denn etwas Besonderes? So ganz und gar demütig fühlte sich Maria und keineswegs erhaben über andere Menschen. Und doch wußte sie, daß Gott Großes wirken kann durch jene, die arm sind vor Gott und die ihm bedingungslos vertrauen, indem sie alles von seiner Liebe erwarten.
Das eigentlich Große ist aber die Botschaft, die durch das Ja-Wort Marias zur Wirklichkeit werden sollte, jene Botschaft, die da lautet: "Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben." Bei diesen einzigartigen Worten muß Maria begriffen waren, daß Gott jetzt – in diesem Augenblick – durch sie und ihre freiwillige Mitwirkung jenes schon lange versprochene Erlösungswerk verwirklichen und erfüllen wollte, das die Propheten des Alten Bundes vorausgesagt hatten und die Menschen voll Sehnsucht erwarteten. Sie, ausgerechnet sie, die unbekannte Jungfrau aus Nazareth sollte die Mutter des Messias sein, auf den alle voll Sehnsucht warteten! Was konnte es für eine jüdische Frau, für ein jüdisches Mädchen Größeres geben, als von Gott erwählt zu sein, diesen einzigartigen Dienst zu leisten! Mit Freuden würde eine jede sofort ihr "Ja" sagen, so denkt man. Was geschieht in Marias Herz? Sie sagt kein unüberlegtes und schnelles "Ja", sondern nimmt sich die Zeit, die sie zum Überlegen braucht. Und dann äußert sie in Freimut ihre Frage: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?"
Eine unnötige Frage? Wohl kaum, da Maria die Frage nicht deshalb stellt, weil sie etwa unentschlossen wäre, ob sie Gott dienen möchte oder nicht. Auch ist es keine Frage des Unglaubens oder des Zweifelns an Gottes Verheißung. Was hat die Frage aber dann für einen Sinn? Maria spricht das aus, was in ihrem Herzen lebendig ist: Gott hat in ihr bereits den Entschluß zu einem jungfräulichen Leben grundgelegt, das sie gemeinsam mit Josef, ihrem Verlobten, in einer zukünftigen Ehe verwirklichen will. Eben darin hat sie bisher für sich und ihren Verlobten den Willen Gottes gesehen, so ungewöhnlich und einzigartig das auch auf dem Hintergrund der damaligen Zeitumstände gewesen sein mag. Nun scheint Gott das Gegenteil zu verlangen, wenn es nach dem natürlichen Lauf der Dinge gehen soll: Um Mutter eines Kindes zu werden, ist die biologische Mitwirkung eines Mannes nötig. Beides zugleich scheint ausgeschlossen: die Jungfräulichkeit zu bewahren und Mutter zu werden. Daher ihre Frage: "Wie soll das geschehen?"
Maria ist also nicht ein "naives und einfältiges Geschöpf", das noch nicht aufgeklärt ist und nichts weiß über die Gesetze des Lebens, sondern trotz ihrer Jugend zeigt sie sich hier als die kluge und verständnisvolle Jungfrau, die von Gott belehrt wird, wie sich das Wunder der Menschwerdung ereignen wird: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten."
Nachdem Maria klargeworden ist, daß nach dem Willen Gottes beides zugleich geschehen soll – sie bleibt Jungfrau und empfängt Jesus, ihr Kind, vom Heiligen Geist -, da sagt sie aus ganzem Herzen ihr Ja-Wort. Es ist ihr Glaubensbekenntnis an die Allmacht Gottes: "Mir geschehe, wie du es gesagt hast." Denn für Gott ist nichts unmöglich.
Und überall, wo Glaube ist, liebe "Gläubige", wirkt Gott Großes. Haben wir das nicht schon erfahren? Folgen wir der demütigen Jungfrau Maria und trauen wir Gott zu, daß er Großes wirkt auch in unserem Leben. Er tut es, und er wartet auf unser freiwilliges Ja dazu. Amen.