Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis (B)
23. Januar 2000
L 1: Jona 3,1-5.10; L 2: 1 Kor 7,29-31; Ev: Mk 1,14-20
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Könnten Sie sich vorstellen, daß der Prophet Jona heute unter uns genausoviel Glauben und Aufmerksamkeit finden würde wie nach der Erzählung des alttestamentlichen Buches Jona in der großen Stadt Ninive? Er hatte einen für ihn persönlich sehr unangenehmen und schwierigen Auftrag von Gott erhalten: die Menschen von Ninive auf ihr sündhaftes Leben aufmerksam zu machen, ihnen die Konsequenzen ihres Tuns vor Augen zu stellen, indem er die Zerstörung der Stadt ankündigte, und sie auf diese Weise zur Umkehr zu bewegen. Wie würde man heute wohl reagieren? Wie würden wir reagieren? Sagen wir nicht so einfach und selbstsicher: Wir würden uns ganz sicher bekehren!
Auch Jesus beginnt seine öffentliche Lehr- und Predigttätigkeit mit einem Aufruf zu Buße und Umkehr, ähnlich wie die Propheten des Alten Bundes und wie zuletzt Johannes, der ins Gefängnis geworfen worden war. Bei Jesus fällt auf, daß er nicht gleich vom Gericht als Straffolge für die Unbußfertigkeit der Menschen spricht. Er fordert zwar mit großem Ernst die nötige Umkehr zu Gott, was die Abwendung von allem Bösen mit einschließt. Dieser Aufruf ist aber von großer Liebe durchdrungen. Ihn bewegt die erbarmende Zuwendung zu den Sündern, wenn er auf die Notwendigkeit von Buße und Umkehr hinweist. Nichts Angstmachendes und Bedrohliches klingt in seinen Worten mit, sondern vor allem möchte er den Menschen Mut und Hoffnung haben: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Diese ganz neue Perspektive, die wirklich „frohe Botschaft“ heißt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ Die Schönheit dieser neuen Beziehung zu Gott ist es, die das Herz des Menschen zum Guten hin wenden soll, wodurch er die Kraft erhält, sich von allem Bösen zu trennen.
Was ist die Aufgabe der Kirche in unserer Zeit? Hat sie nicht ähnlich wie die Propheten ein Wächteramt in unserer Gesellschaft auszuüben? Ist sie nicht auch von Gott beauftragt, den Menschen Wege zu weisen, die sie aus der Verstrickung in Schuld und Sünde und der Gefahr der Verzweiflung befreien? Eben darin steht sie in der Nachfolge aller Gottesboten, noch mehr aber in der Nachfolge Jesu Christi, ihres Herrn und Meisters. Denn die Kirche ist dazu aufgerufen, die Sendung Jesu fortzusetzen und den Menschen die Frohbotschaft vom Reich Gottes, vom „Himmelreich“, zu verkünden. Ganz verschiedene Reaktionen wird die Kirche dabei erfahren: Da sind die einen, die sich durch den Hinweis auf Gottes Gebot und die nötige Umkehr in ihrem Wohlleben gestört fühlen, die sich die „Grabesruhe ihres abgetöteten Gewissens“ nicht zerstören lassen wollen und die darum mit allen möglichen Mitteln versuchen, die Botschaft der Kirche als lächerlich und nicht mehr zeitgemäß hinzustellen oder sie gar offen bekämpfen. Aber es gibt auch andere Menschen, die voll Freude darüber sind, daß Gott die Welt nicht verlassen hat und daß er auch uns Wege des Heiles zeigt und uns die Kraft gibt, sie zu gehen. Sie nehmen das Wort Gottes bereitwillig an und halten daran fest.
Liebe Gläubige, stehen wir da gleichsam neutral „dazwischen“? Sind wir bloß Beobachter in diesem Schauspiel der menschlichen Entscheidung für oder gegen Gott? Leben wir wie auf einem fernen Stern, von dem aus wir beobachten, was auf der Erde geschieht? Natürlich nicht. Wir sind mitten hineingenommen in das Drama der Entscheidung, in das göttliche Angebot der Erlösung, in das göttliche Liebeswerben um uns Menschen. Auch uns – ob wir nun Priester, Ordensleute oder Laien sind – gilt immer wieder der Aufruf des Evangeliums: Kehrt um und glaubt! Davor können wir uns nicht drücken. Da sind wir ganz persönlich herausgefordert und können uns nicht auf andere hinausreden.
Aber aufgerufen sind wir nicht nur zur persönlichen Umkehr, sondern auch dazu, dieses Evangelium, diese frohe Botschaft von der Nähe Gottes und seiner absoluten Liebe zu uns auch weiterzugeben an andere. Wäre es nicht herzlos und egoistisch, nur selber alle Gnaden empfangen zu wollen und nicht bereit zu sein, diese auch für andere Menschen einzusetzen? Was wir empfangen haben, das sollen wir großherzig weiterschenken. Dies gilt von unserem Glauben, der durch Wort und Tat verkündet werden soll. Nicht nur die amtlichen Verkünder wie Bischöfe, Priester und Diakone sind hierzu aufgerufen, sondern alle Menschen, die an Jesus Christus glauben. Sie sollen Zeugen der frohen Botschaft sein durch ihr Leben und ihr ermutigendes Wort. Nutzen wir die je gegenwärtige Stunde, damit wir das Heil empfangen, das Gott uns schenkt in dieser Zeit der Gnade. Seine Liebe hat Bestand für Zeit und Ewigkeit! Amen.