Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 3.
Fastensonntag
(Jahreskreis B, 26. März 2000)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In dieser vergangenen Woche hat unser Papst Johannes Paul II. das Heilige Land besucht. Es ist jenes Gebiet, in dem das von Gott auserwählte Volk Israel wohnen durfte, als es von der Knechtschaft der Ägypter befreit worden war und nach seinem 40 Jahre dauernden Zug durch die Wüste das „Gelobte Land“ erreichte. Es ist das Land, in dem der verheißene Messias, unser Herr Jesus Christus, geboren wurde, in dem er gelebt hat und in dem er gestorben und von den Toten auferstanden ist. Wenige Wochen zuvor war unser Heiliger Vater in Ägypten und am Berg Sinai, dem Ort, wo Gott dem Mose die zehn Gebote mitgeteilt hat. Veranlaßt durch das Beispiel des Papstes soll in diesem Heiligen Jahr 2000 eine neue geistliche Hinwendung aller Christen zu den Orten und Geheimnissen unseres Glaubens erfolgen.
Wir wollen heute über den Inhalt der ersten Lesung nachdenken: Darin wird uns das Gebot Gottes dargelegt, so wie es an die Israeliten ergangen ist und für die ganze Menschheit zu allen Zeiten und Orten Geltung besitzt. Eine verbreitete Einstellung bei manchen Menschen ist doch: „Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe. Ich weiß selber, wie ich mein Leben gestalte. Daher lehne ich es ab, mir (von außen / von oben) Weisungen und Gebote auferlegen zu lassen.“
Wer so spricht, hat den Sinn dieser Gebote Gottes nicht verstanden. Sie sind ja überhaupt nicht als eine Form der Knechtschaft zu verstehen, sondern im Gegenteil Ausdruck der Befreiung und ein Weg zur wahren Freiheit des Menschen. Als Israel den Ägyptern entkommen war, schloß Gott mit dem Volk einen Bund der Liebe und der Freundschaft. Das Gesetz dieses Bundes sind die Gebote Gottes. So wie Gott allezeit treu ist und sein Volk – das sind alle, die an ihn glauben – niemals verläßt, so sollen auch die Menschen sich bemühen, Gott in Liebe und Treue zu dienen. Der Ausdruck dessen und die Verwirklichung geschieht in einem Leben nach den Geboten Gottes.
Manchmal hört man den Einwand, viele würden sich ohnehin nicht an die Gebote Gottes halten. Daher wäre es ehrlicher, gleich auf sie zu verzichten oder sie zumindest ein wenig abzuschwächen. Aber überlegen wir: Welchen Sinn haben denn die Gebote? Nützen sie etwa Gott, der doch selber alles hat und auf uns Menschen nicht angewiesen ist und uns dennoch in unendlicher Liebe immer wieder annimmt? Vielmehr sind sie doch zum Wohl der Menschen von Gott gegeben worden. Der Mensch wird geschützt in allen seinen wichtigen Lebensbereichen. Es handelt sich um grundlegende Richtungsweisungen für ein Leben in wahrer Frömmigkeit und in Achtung der menschlichen Würde.
So beziehen sich die ersten drei Gebote direkt auf Gott und die restlichen sieben – also das 4.-10. Gebot – auf das rechte Verhältnis zu unseren Mitmenschen und zur übrigen belebten und unbelebten Schöpfung.
Wir sollen Gott als unseren einzigen Herrn anerkennen und daher keine anderen Götzen neben ihm haben. Auch heute gibt es solche falschen Götzen wie das Streben nach Macht, Ehre und Reichtum oder die Genußsucht. Der Name Gottes ist heilig. Diese Ehrfurcht erweisen wir Gott vor allem im Gebet. Der Tag des Herrn soll sich von den übrigen Tagen der Woche unterscheiden durch die Teilnahme am Gottesdienst, mehr Zeit füreinander und durch Vermeiden unnötiger Arbeiten.
Dies ist kurz gefaßt der Inhalt der ersten drei Gebote, die sich auf Gott beziehen. Die Gebote, die unser Verhalten zu den Mitmenschen regeln, beziehen sich auf die rechte Ordnung der Kinder zu ihren Eltern und auch umgekehrt der Eltern zu ihren Kindern. Das menschliche Leben ist heilig und unverletzlich und darum schützenswert von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Die eheliche Treue ist ein derart hohes Gut, daß sie keine Verletzung und Unachtsamkeit erfahren darf. Auch Unverheiratete dürfen sich nicht einer zügellosen Begierde ausliefern, sondern sollen in Keuschheit ihren Leib und ihre Seele auf Gott hinordnen. Das Eigentum der Mitmenschen ist schützenswert. Hochgehalten werden soll die Wahrheit im täglichen Umgang miteinander. So soll der gute Ruf aller vor Verleumdung bewahrt und das Vertrauen gefördert werden.
Nur die wichtigsten Grundzüge der Gebote sollten hier in Erinnerung gerufen werden. Jesus Christus hat diese dem Volk Israel gegebenen Gebote nicht aufgehoben, sondern sie bestätigt, vertieft und vollendet. Er schenkt uns im Heiligen Geist ein neues Herz und einen neuen Geist. So gibt uns Gott die Kraft, daß wir das Gute tun und im Leben verwirklichen - nicht aus äußerem Zwang, sondern aus innerem Antrieb und aus Überzeugung.
Haben wir Mut und Vertrauen, selbst wenn wir immer wieder versagen! Das Bemühen um das Gute zählt, der gute Wille ist entscheidend; Gottes Liebe stärkt uns dabei. Bitten wir besonders die Heiligen um ihre Fürsprache. Die seligste Jungfrau Maria, die selber ohne Sünde war, ist die Zuflucht aller Sünder und die Mutter der Barmherzigkeit. Ihrer liebevollen und mütterlichen Hilfe vertrauen wir uns aufs neue an. Dann wird unser Lebensweg einst sicher das ewige Ziel erreichen, das uns Gottes Liebe im Himmel bereitet hat. Amen.