Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis (B)
16. Januar 2000
L 1: 1 Sam 3,3b-10.19; L 2: 1 Kor 6,13c-15a.17-20; Ev: Joh 1,35-42
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wie lernen wir andere Menschen kennen? Das Leben besteht ja aus unzähligen Begegnungen mit Menschen. Eine gute Möglichkeit, mit einem Menschen bekannt zu werden, besteht darin, daß man jemandem vorgestellt wird. Wenn die Vorstellung jener Person in einer freundlichen und respektvollen Weise erfolgt, ist bereits eine gewisse Grundlage des Vertrauens geschaffen, die es uns ermöglicht, mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen und eine Beziehung der Wertschätzung aufzubauen.
Ein solcher Mittelsmann zum Kennenlernen einer bestimmten Person war auch Johannes der Täufer. Er hatte Jünger, die ihn ständig begleiteten und die sein Leben mit ihm teilten. Weil er selber sich aber seiner Vorläufigkeit bewußt war, hatte Johannes kein anderes Ziel, als die Menschen auf die Ankunft des Messias vorzubereiten. Die Gelegenheit ergab sich, daß Jesus vorüberging. Johannes richtete seinen Blick auf ihn und sagte zu zweien seiner Jünger: „Seht, das Lamm Gottes!“ Damit waren sie auf Jesus aufmerksam geworden. Es war nicht bloß ein äußerlicher Hinweis, irgendein Spruch, den Johannes da von sich gab. Als Prophet Gottes war er vom Heiligen Geist erleuchtet und erkannte ganz klar, daß hier jener vorbeiging, der hinwegnimmt die Sünde der Welt, der freiwillig geopfert wird wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und keinen Widerstand leistet.
Wie reagierten die Jünger? Standen sie einfach verständnislos oder gar uninteressiert da und kümmerten sich nicht weiter um das von Johannes über Jesus Gehörte? Nein! Die Worte des Johannes und noch mehr die Person dessen, der da vorüberging, müssen auf sie einen so tiefen Eindruck gemacht haben, daß sie sich aufmachten und Jesus folgten. Sie wollten ihn näher kennenlernen, und als Jesus sie fragte: „Was wollt ihr?“, da antworteten sie mit einer Gegenfrage, die ihre Sehnsucht ausdrückte, mehr über ihn zu erfahren: „Meister, wo wohnst du?“ In der Seele der beiden Jünger war genau jene Bereitschaft vorhanden, die nötig ist, um das Reich Gottes aus ganzem Herzen aufzunehmen, das Jesus Christus verkündigen wollte. So nahm er sie an als seine Jünger, die das Leben mit ihm teilten und in seiner Gegenwart die Größe der Liebe Gottes kennenlernten.
Der eine Jünger hieß Andreas. Er hatte einen Bruder, Simon. Dem erzählte er voll Begeisterung von Jesus und sagte zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden.“ Das war eine Nachricht, für die auch Simon gleich Feuer und Flamme war. Andreas führte ihn zu Jesus. Er ermöglichte ihm die Begegnung mit jenem, zu dem auch er durch Johannes den Täufer hingeführt worden war. Bezeichnend sind die Worte, die Jesus gleich zu Beginn zu Simon spricht: Er sagt: Du bist Simon, doch du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Fels – Petrus. Ohne daß dieser es versteht, wird ihm hier bereits sein besonderes Amt angekündigt, Fels der Kirche zu sein und den Glauben an Jesus den Christus zu bekennen. Nichts geschieht zufällig, und so haben diese Jünger in der Begegnung mit Jesus Christus den Heiland der Welt gefunden. Ihm werden sie gläubig folgen und das Leben mit ihm teilen. Nachdem Jesus gestorben und auferstanden war, zogen die Jünger Jesu in die ganze Welt hinaus, um die Menschen zum Glauben an Gott zu führen, der sich uns mitgeteilt hat in seinem Sohn Jesus Christus.
Er ist der Messias, der Gesalbte des Herrn, der Christus. In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit (vgl. Kol 2,9). Wenn wir Gott nahekommen wollen, dann müssen wir auf Christus hören. Lassen wir uns von ihm faszinieren! Gehen auch wir unseren Lebensweg in Einheit mit dem Erlöser der Menschen. Schon vor uns sind viele Menschen ihm gefolgt. Sie haben ihn gefunden als das wahre Leben und das Licht der Menschen. Sein Licht strahlt auch nach 2000 Jahren in der Geschichte. Tragen wir seine Liebe in das neue Jahrtausend! Er ist uns nahe und beschützt uns. Ihm dürfen wir uns anvertrauen für Zeit und Ewigkeit. Amen.