Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigtimpuls für den 19. Januar 1997
Lesejahr B, 2. Sonntag im Jahreskreis.
L 1: 1 Sam 3,3b-10.19; L 2: 1 Kor 6,13c-15a.17-20; Ev: Joh 1,35-42
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die Lesung aus dem ersten Buch Samuel schildert die Berufung des jungen Samuel zum Propheten durch Gott. Seine Mutter hatte ihn schon früh dem Dienst am Heiligtum geweiht. Sein Lehrer war der Hohepriester Eli. Samuel schlief nun im Tempel des Herrn. Da rief Gott den Samuel, und dieser ging zu Eli und antwortete: „Hier bin ich.“ Er meinte nämlich, jener habe ihn gerufen. Eli schickte ihn wieder schlafen. Dreimal wiederholte sich die Szene. Dann aber merkte Eli, daß es Gott war, der gerufen hatte. Er sagte also zu Samuel, er solle antworten: „Rede Herr, dein Diener hört.“ Der kleine Samuel tat dies, denn er hatte die innere Offenheit und Bereitschaft für das Wort Gottes. Freilich mußte ihm dieses erst von einem Gottesmann - Eli - erschlossen werden.
Im Evangelium hören wir von der ersten Begegnung zweier Jünger mit Jesus. Johannes der Täufer hatte sie auf Jesus aufmerksam gemacht, indem er sagte: „Seht, das Lamm Gottes!“ Die Jünger wollten Jesus näher kennenlernen und folgten ihm. Sie durften für einen Tag bei ihm sein. Bei diesem ersten Zusammensein mit Jesus machten sie eine wichtige Erfahrung für ihr Leben: Jesus ist der Messias, der Gesalbte (= Christus), auf den sie als gläubige Juden schon lange gewartet haben. Andreas, einer der beiden Jünger, erzählt von dieser Begegnung daher gleich seinem Bruder Simon und führt auch ihn zu Jesus. Jesus blickt ihn an und sagt: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels - Petrus.“
Auch heute beruft Jesus Christus Menschen in seine Nachfolge. Jeder Mensch hat eine eigene Lebensberufung. Keiner lebt umsonst. Denn Gott hat einen Plan der Liebe mit einem jeden von uns. Wir sollen daher unsere eigenen Vorstellungen und Pläne zurückstellen, um Gottes Willen mit uns zu bejahen. Das fällt uns oft nicht leicht. Wir meinen, zu kurz zu kommen in unserem Leben, wenn wir auf unseren eigenen Lebensentwurf verzichten. Aber trifft diese Befürchtung wirklich zu?
Viele Menschen haben schon die Erfahrung gemacht, daß Großes an ihnen geschehen ist, nachdem sie in Freiheit ihr Ja zu Gottes Willen gesprochen haben. Die Jungfrau Maria ist durch ihr freies Ja zum Plan Gottes die Mutter Gottes und unsere Mutter geworden. Vielleicht sind diese Menschen - sie werden auch die Heiligen genannt - eine Einladung an uns, dem Ruf Jesu zu folgen, der an jeden von uns ergeht, wo immer wir stehen: Es ist der Ruf zu einem Leben der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Diese Liebe kann und soll in jedem Lebensstand verwirklicht werden. Mit anderen Worten: Heiligkeit ist überall möglich!
Darüber hinaus gibt es noch die besondere Berufung zur Nachfolge Jesu im Priester- und Ordensstand. Auch heute ruft Gott Menschen in diese engere Weggemeinschaft mit ihm. Helfen wir mit wie Eli oder Johannes, daß junge Menschen diesen Ruf hören. Ermutigen wir sie, dem Ruf der göttlichen Liebe bereitwillig Folge zu leisten. Begleiten wir sie mit unserem Gebet!
Ich selber hätte meinen Weg zum Priestertum sicher nicht gehen können, wenn nicht Menschen durch ihren Glauben und ihre Liebe ein Vorbild für mich gewesen wären. Sie haben mich begleitet, unterstützt und ermutigt, in Freiheit mein Ja zu sagen für Gott. Wer Christus nachfolgt und auf manche Annehmlichkeiten verzichtet, geht keineswegs leer aus. Gottes Liebe ist stets größer, als ein menschliches Herz zu fassen vermag. Im Dienst des Herrn Jesus Christus und seiner Mutter Maria erfahren wir übergroße Freude!
Jede Berufung als Dienst für Gott ist zugleich ein Dienst für andere Menschen. Die Kirche ist ja der geheimnisvolle Leib Christi. Wie es in einem Leib verschiedene Glieder und damit verschiedene Aufgaben gibt, so sind auch in der Kirche Christi verschiedene Gaben des Geistes Gottes vorhanden. Jeder ist auf den anderen angewiesen und braucht ihn. Gemeinsam sollen wir alle dem Aufbau der Kirche dienen. So gehen wir miteinander unserem ewigen Ziel bei Gott entgegen. Amen.
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