Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 2. Sonntag nach Weihnachten
(2. Januar 2000, Lesejahr B)

L 1: Sir 24,1-2.8-12; L 2: Eph 1,3-6.15-18; Ev: Joh 1,1-18

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Schon mehrmals haben wir in dieser Weihnachtszeit das Evangelium vom Wort, das Fleisch geworden ist, gehört. Wenn uns die Liturgie der Kirche auch an diesem Sonntag diesen wichtigen Text wieder hören läßt, dann soll uns das nicht ermüden oder langweilen, sondern darauf hinweisen, wie zentral das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes in unserem christlichen Glauben ist.

Die Menschen suchen seit Anfang ihres Daseins auf Erden nach Gott. Als die ersten Menschen durch den Ungehorsam ihrer Sünde die Freundschaft mit Gott verloren hatten, gerieten sie in die Finsternis des Irrtums. Dennoch blieb die Sehnsucht nach dem guten Gott, den sie im Paradies erfahren hatten, stets lebendig. Was haben die verschiedenen Völker nicht alles ersonnen, um in die Nähe Gottes zu kommen und mit Gott versöhnt zu werden. Dabei stellten sie sich den Bereich des Göttlichen oft ganz nach irdischer Art vor: So kam es, daß sie die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern vertauschten, die einen vergänglichen Menschen und fliegende, vierfüßige und kriechende Tiere darstellten (vgl. Röm 1,23).

Gott erbarmte sich der Menschen. Er offenbarte sich den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob; er gab sich dem Mose kund mit einem unaussprechlich heiligen Namen ("Jahwe" – Ich bin da: für euch); er schloß mit dem Volk Israel einen Bund, der in der Übergabe der "Zehn Worte" (Dekalog) am Sinai und in der feierlichen Annahme der Bundesverpflichtung durch das Volk besiegelt wurde.

So hat Gott auf vielerlei Weise einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; "in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat" (Hebr 1,2). Im Sohn Gottes geschieht die Vollendung der Offenbarung. Jesus Christus ist das letzte Wort Gottes an uns; in diesem Wort hat Gott uns alles gesagt; er hat sich selber ausgesagt in seinem Wort, er hat sich uns geschenkt im menschgewordenen Sohn Gottes, im fleischgewordenen Wort.

Wenn das Alte Testament noch das Gebot kannte: "Du sollst Dir kein Bild von Gott machen", dann war dies auf jener Stufe der Offenbarung berechtigt. Die Menschen machten sich ja alle möglichen irdischen Bilder von Gott und verfälschten so das wahre Gottesbild. Denn Gott ist immer größer als unsere menschliche Vorstellung und unser Denken. Als aber Gott selbst im Fleisch erschienen war durch die Geburt aus der Jungfrau Maria, da hat er selber uns ein Bild von ihm geschenkt, das alles bisher Ausgedachte und Vorgestellte unendlich übertrifft. So ist Christus wirklich der "Abglanz von Gottes Herrlichkeit" und das "Abbild seines Wesens" (vgl. Hebr 1,3). Wenn wir ein Bild Gottes suchen, eine "Ikone Gottes", dann finden wir diese im Sohne Gottes. Wir brauchen nicht mehr fürchten, uns darin zu täuschen. Denn erschienen ist die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters (vgl. Tit 3,4).

Vorbei ist die Zeit des bangen Zweifelns, ob es wohl noch einen Weg der Rückkehr zu Gott gibt aus der Verlorenheit der Sünde und des Todes, vorbei ist die Zeit des ungewissen Wartens und Hoffens auf einen Retter. Denn angekommen ist der Heiland der Welt, der allen Menschen die Erlösung verheißt. Jeder, der glaubt und ihn auf diese Weise aufnimmt, erhält die Macht, ein Kind Gottes zu werden. Und das ist etwas Größeres, als wir zu ahnen vermögen!

Halten wir also in Dankbarkeit fest an diesem Ja-Wort, das Gott in seinem Sohn zu uns Menschen gesprochen hat. Weil Gott uns angenommen hat, können auch wir uns selber und andere in Liebe annehmen. So geschieht das Heil, so gehen wir der Vollendung entgegen. Wir wollen Gott bitten, uns ein offenes Herz wie das Marias zu schenken, die als Jungfrau den Sohn Gottes in mütterlicher Liebe umfing und ihn so den Menschen schenkte. Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at