Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am Zweiten Sonntag der Osterzeit
30. April 2000 (Lesejahr B)

L 1: Apg 4,32-35; L 2: 1 Joh 5,1-6; Ev: Joh 20,19-31

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Vielleicht ärgert sich der eine oder andere über den „ungläubigen Thomas“ des heutigen Evangeliums. Wie uneinsichtig war er doch! Warum konnte er nicht den übrigen Aposteln vertrauen und mußte für sich einen „Sonderweg“ beanspruchen, der ihm dann von Jesus auch prompt erfüllt wurde?

Doch so paradox es klingt: Hätte Thomas nicht gezweifelt, dann wäre ihm Jesus nicht eigens erschienen. Dann hätte er ihm nicht ein derart wunderbares Zeichen seiner Auferstehung gegeben, als er den Thomas aufforderte, mit seinen Fingern seine Hände zu berühren und seine Hand in seine Seite zu legen. Dann wäre auch uns nicht das Große dieser Erscheinung Jesu vor Thomas durch den Evangelisten Johannes mitgeteilt worden, und vor allem: Wir hätten nicht gelesen und gehört, welch eindrucksvolles Glaubensbekenntnis der Apostel Thomas vor dem auferstandenen Herrn ablegte, als er sagte: „Mein Herr und mein Gott!“

Vielleicht ist gerade dem modernen Menschen dieser Apostel in seiner fragenden und suchenden, ja sogar zweifelnden Art sehr vertraut und irgendwie sympathisch. Denn auch der durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und die Errungenschaften der Technik beeindruckte und „aufgeklärte“ Mensch von heute sagt immer wieder: „Ich glaube nur das, was ich selber sehen kann.“ Oder: „Ich nehme nur das als wahr an, was sich ‚wissenschaftlich’ beweisen läßt. Für mich gilt nur das, was man durch das Experiment nachweisen kann.“

Eine solche Haltung hat tatsächlich etwas für sich. Sie bewahrt uns mitunter davor, daß wir zu leichtgläubig und unkritisch sind gegenüber den Vorgängen in der Welt und den Abläufen in der Natur. Wieviel haben gerade Wissenschaftler und Forscher durch eine solche Vorgangsweise herausgefunden an neuen Erkenntnissen, in denen sie der „methodische Zweifel“ gleichsam vorangetrieben hat hin zu einer größeren Wahrheit über Welt, Mensch und Natur! Wievieles an Vorurteilen und Mythen, an Aberglauben und unzureichenden Vorstellungen konnte so überwunden werden!

Doch auch die Gefahren einer derartigen Einstellung sind sichtbar geworden: Es gibt Menschen, die sind gleichsam „wissenschaftsgläubig“ geworden und übersehen dabei, daß es andere Bereiche der Wirklichkeit gibt, die ihnen entgehen. Bestimmte Werte, die unser Leben erst richtig lebenswert machen, wie Achtung voreinander, Ehrfurcht vor dem Menschen, der Natur und dem Schöpfer, Staunen, Dankbarkeit, Hingabe und Einsatz für andere, Opferbereitschaft, wahre Nächsten- und sogar Feindesliebe und natürlich der ganze Bereich der religiösen Werte, all das wird ausgeblendet oder geht verloren, wenn wir einer Einstellung vertrauen, die sich nur auf Wissenschaft und Technik gründet. Wer sagt, er glaubt nur das, was er sehen und betasten kann, was ihm durch experimentelle Erkenntnis zugänglich ist, der sieht am Ende weniger als der, der fähig ist, wie ein Kind zu glauben und zu staunen!

Wenn wir das heutige Evangelium von der Erscheinung Jesu vor Thomas, dem zweifelnden Apostel, hören, dann sollen wir auch bedenken, daß er, der vorher so skeptisch und ungläubig war, nachher zu einem der eifrigsten und glaubensstärksten Apostel geworden ist. Sein Bekenntnis vor Jesus: „Mein Herr und mein Gott!“ übertrifft in seiner Tiefe das aller übrigen Apostel. Er hat begriffen, daß er seine Beschränktheit auf die äußeren Sinne überwinden muß, will er zu dem gelangen, der ihm das Leben geben kann: zu Jesus Christus, dem Sohne Gottes. Denn er ist der Messias, durch den wir das Leben haben, wenn wir an ihn glauben!

Das Wort Jesu galt dem Thomas, aber es gilt auch uns: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Gewiß, wir sehen den auferstandenen Herrn noch nicht in seiner Größe und Herrlichkeit. Und dennoch glauben wir an ihn, vermittelt durch das Zeugnis jener Menschen, die vor uns schon geglaubt haben. Denn das ist Kirche: Gemeinschaft der Glaubenden, die eintritt für die Wahrheit von der Auferstehung des Herrn.

Bleiben wir dem Osterglauben treu, den wir empfangen haben! Er ist kostbarer als alles Gold der Erde. Zuletzt wird allein der Glaube uns retten, der durch die Liebe wirksam wird und sich in der Tat bewährt. Denn das „ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube“, haben wir im ersten Johannesbrief gehört.

Eine, die von Anfang an geglaubt hat und die diesen Glauben auch durchgetragen hat in der Dunkelheit von Leiden und Tod Jesu Christi am Kreuz, ist seine Mutter Maria. Von ihr wird nicht ausdrücklich berichtet, daß ihr Jesus nach der Auferstehung erschienen sei. Und doch dürfen wir es annehmen. So wurde auch ihr Herz von Freude erfüllt, nachdem sie all das Leid mit ihrem Sohn geteilt und mitgetragen hatte. Wenn wir in die Schule des Glaubens gehen wollen, dann müssen wir auf Maria, die Mutter des Sohnes Gottes, blicken. Ihr Beispiel gebe uns Kraft, und ihre Fürsprache helfe uns, daß wir das Ziel des Glaubens erreichen: unser Heil. Amen.

 

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at