Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank
Predigtimpuls für den
Zweiten Sonntag der Osterzeit
(Weißer Sonntag) - 6. April 1997 (Lesejahr B)
L 1: Apg 4,32-35; L 2: 1 Joh 5,1-6; Ev: Joh 20,19-31
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
„Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“ So charakterisiert der Apostelschüler und Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte die Gemeinde der Gläubigen kurz nach der Auferstehung des Herrn.
Worin liegt das Geheimnis dieser tiefen Einheit in der Kirche, die auch wir so sehr ersehnen und die immer wieder gefährdet ist durch Besserwisserei, Unfrieden und Egoismus? In niemand anderem liegt der Ursprung und die Quelle dieser Einheit als im auferstandenen Herrn Jesus Christus selbst!
Nicht wir Menschen können aus uns selber diese Einheit des Geistes und des Herzens schaffen und erreichen. Es ist ein Geheimnis der Gnade Gottes! Freilich ist diese Gnade nicht nur für die Zeit der Apostel und der christlichen Urgemeinde bestimmt, sondern für jede Epoche der Kirchengeschichte, also auch für uns. Wir sollen uns also für das Geschenk der Einheit öffnen!
In der Kirche gibt es nach dem Willen des Herrn Platz für jeden und jede. Wir alle sind in je persönlicher Eigenart nach dem Bilde Gottes geschaffen und durch das kostbare Blut Jesu Christi erlöst worden. Jeder Mensch hat eine unverlierbare Würde, die ihm Gott selber geschenkt hat. Es kommt für uns darauf an, die Gaben zu entdecken, die der dreifaltige Gott gerade mir und dir persönlich geschenkt hat, um sie fruchtbar werden zu lassen im Dienst an den Brüdern und Schwestern. Wir brauchen unsere Persönlichkeit nicht zu verleugnen. Jeder darf so sein, wie Gott ihn erschaffen und gewollt hat. Von Gott haben wir also keineswegs eine Einengung und Verarmung unseres Lebens zu befürchten. Im Gegenteil: Je mehr wir uns seiner Liebe anvertrauen und uns ihm ganz schenken, desto mehr werden wir beschenkt von ihm und finden unser wahres Leben!
In der Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus hat uns Gott befreit von aller Sünde und allem Bösen und uns das Leben neu geschenkt. Wir dürfen in dieser neuen Freiheit der Kinder Gottes leben. Und da ist es ein Wunder der Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der als Ostergeschenk des Auferstandenen über die Apostel und die ganze Kirche ausgegossen wurde, daß in der Kirche trotz der Vielheit der Völker und Nationen, der Charaktere und der Temperamente eine wunderbare Einheit im Glauben und in der Liebe möglich ist!
Nur wenn wir gemeinsam immer wieder auf den schauen, der uns zusammenhält, werden wir die Einheit finden und bewahren: Es kommt darauf an, in Glaube und Liebe mit Jesus Christus verbunden zu sein. So werden wir den Frieden des Auferstandenen empfangen. Auch wer um den Glauben noch ringt, ist in der Kirche willkommen - so wie Thomas, der trotz seines Apostelamtes anfangs Schwierigkeiten mit dem Osterglauben hatte.
Er wollte sozusagen einen handgreiflichen Beweis für die Auferstehung des Herrn Jesus Christus haben. Und unvorstellbar: Jesus geht darauf ein. Er erscheint ihm persönlich und fordert ihn dazu auf, die Finger auszustrecken und seine Hände zu berühren. Er soll auch die Hand ausstrecken und sie in die Seite Jesu legen und nicht mehr ungläubig sein, sondern gläubig!
Als Thomas auf diese Weise Jesus begegnen darf, da bleibt er freilich nicht beim Sichtbaren und Vordergründigen stehen. Sein darauf folgendes Glaubensbekenntnis zeigt, daß er erkannt hat, wer Jesus wirklich ist: der Messias, der Sohn Gottes. Denn Thomas bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“
Uns allen soll dies ein Trost sein, wenn wir angefochten werden durch mancherlei Zweifel und Unsicherheit, wenn wir durch die Dunkelheit des Glaubens gehen müssen und vielleicht manchmal nicht mehr aus und ein wissen: Der Auferstandene ist dennoch bei uns, und einmal wird er auch uns die Augen öffnen für seine Gegenwart. Wenn er uns dann nach unserem Tod in Herrlichkeit erscheint, so möge seine Liebe uns heimführen in das ewige Reich Gottes, das er uns bei seinem Vater im Himmel bereitet hat, in der seligen Gemeinschaft mit der Jungfrau und Gottesmutter Maria und allen Engeln und Heiligen. Amen.
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