Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 2. Adventssonntag
5. Dezember 1999 (Lesejahr B)

L 1: Jes 40,1-5.9-11; L 2: 2 Petr 3,8-14; Mk 1,1-8

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Können wir noch staunen? Sind wir überhaupt noch fähig, die täglichen "Wunder" unseres Lebens wahrzunehmen, die Gott uns schenkt? Eng damit zusammen hängt auch die Frage, ob wir uns noch von Herzen freuen können über etwas und ob wir auch fähig sind, in Vorfreude ein großes Ereignis oder ein Geschenk zu erwarten. Diese Haltung der Offenheit und die Fähigkeit des Beschenktwerdens ist besonders Kindern zu eigen (jetzt auch wieder zum Nikolaustag und natürlich zu Weihnachten), und sie sollte auch uns Erwachsenen nicht ganz verloren gegangen sein.

Die ganze adventliche Zeit ist voller Erwartung. Eine innere Spannung und Vorfreude auf das große Ereignis des Kommens des Herrn soll uns erfüllen. Sagen wir nicht: Das alles ist vor 2000 Jahren geschehen, und wir erinnern uns halt daran, aber wir bleiben innerlich unbeteiligt! Gottes Taten sind nicht Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart und erfüllte Zukunft.

Wie müssen die Frommen des Alten Bundes den Erlöser ersehnt haben, sie, die so vieles an Not und Unsicherheit, an Unfreiheit und Verfolgung um ihres Glaubens willen erdulden mußten! Und in dieses Dunkel hinein verkündet der Prophet Jesaja allen Leidenden ein Licht. Er fordert sie auf, den Weg für den Herrn zu bereiten durch die Wüste des irdischen Lebens. Gerade soll werden, was krumm ist; was hügelig ist, soll eben werden. Das heißt, alles was dem Kommen des Herrn entgegensteht, soll abgebaut und abgetragen werden. In erster Linie ist bei diesen Hindernissen an das mangelnde Vertrauen zu denken, an den Kleinglauben, der Gott nicht zutraut, Großes zu wirken. Denn Gott ist treu, und er steht zu seinen Verheißungen, auch wenn bis zu ihrer Erfüllung mitunter viel Zeit vergehen kann. Beim Herrn sind tausend Jahre wie ein Tag (vgl. 2 Petr 3,8). Und in diesem Sinn hat der letzte Prophet und zugleich unmittelbarer Vorläufer Jesu Christi, Johannes der Täufer, den Menschen die Botschaft von der Umkehr zu Gott verkündet. Diese Umkehr geschieht durch den Glauben und das Vertrauen und die Abkehr von allen Sünden.

Wenn wir von Johannes dem Täufer hören oder lesen, wie er da in der Wüste gelebt hat und sich bloß von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, wie er dann kraftvoll auftrat vor dem Volk und ihm ernst ins Gewissen redete, da erscheint uns dieser heilige Mann als ein strenger, unerbittlicher Mahner für das Gebot Gottes, vielleicht auch wie ein Asket, dessen Botschaft für unsere verwöhnten Ohren sehr hart klingt. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß er selber von sich sagt, im Dienst eines Größeren zu stehen. Nicht er ist das Ziel, sondern er ist jener, der die Menschen darauf vorbereitet, dem menschgewordenen Sohn Gottes zu begegnen. Dieser bringt die eigentliche frohe Botschaft. Und wenn wir das recht bedenken, dann sehen wir auch im Weg der Umkehr und der Buße, den Johannes verkündet, eine Botschaft der Freude, des Friedens und des ewigen Lebens.

Manches muß wirklich mit der Wurzel ausgerissen werden, was dem Kommen Gottes zu uns noch entgegensteht. Oder glauben wir, daß wir vor Gott bestehen können, wenn wir die Giftwurzeln des Egoismus, der Feindschaft, des Stolzes, der unersättlichen Gier nach Macht, Reichtum und Genuß in uns widerstandslos hochkommen lassen?!

Die Fähigkeit dazu, diese Wurzeln auszureißen, kann uns nur Gott schenken. Ja, er hat es bereits grundlegend bewirkt in der heiligen Taufe, in der wir gereinigt wurden von jeder Schuld. Er bewirkt es immer neu auch im Sakrament der Buße, das wir vielleicht in diesen Wochen vor Weihnachten wieder empfangen sollten!

Jesus Christus, der Erlöser aller Menschen, an den wir von Herzen glauben, er hat uns mit dem Heiligen Geist getauft. Das Feuer des Heiligen Geistes soll unser Herz mit Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen, ja selbst zu unseren Feinden erfüllen.

In jener Liebe werden wir wahrhaft frei und empfangen wir das Leben. Wenn Gott einst wiederkommt in der Schar seiner Heiligen, erhoffen wir die ewige und unverlierbare Vollendung des Heils zu empfangen! Amen.
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at