Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis (B)
am 12. Oktober 1997

 

L 1: Weish 7,7-11; L 2: Hebr 4,12-13; Ev: Mk 10,17-30

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

"Wozu sind wir auf Erden?" Es ist für uns Menschen wichtig, diese Frage zu stellen. Denn gerade die vernünftige Einsicht, das Fragen nach Woher und Wohin, nach Ursprung und Ziel unterscheidet uns Menschen ja so wesentlich von den Tieren. Und der menschlichen Würde entspricht es, hierauf eine Antwort zu finden, die trägt, die unser Leben auf ein sicheres Fundament stellt.

Viele Menschen sind in ihrem Denken und Wollen auf Vordergründiges und Vorläufiges fixiert. Ihnen genügt es, wenn sie genug zu essen haben und sich eines gewissen materiellen Wohlergehens erfreuen können. Sie fragen nicht nach höheren Werten. "Das Leben ist da, um es zu genießen." Das ist ihre Antwort, ihr Bekenntnis, mit dem sie jede weitere Überlegung und jede tiefere Frage abblocken.

Der junge Mann, der zu Jesus kommt und ihn fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen, ist bestimmt keiner von denen, die nur so in den Tag hineinleben. Es ist ein wahrhaft Gott suchender und mit sich selber ringender Mensch, der es sich nicht leicht macht. Jesus nimmt seine Frage zum Anlaß, den Mann auf das Wesentliche des christlichen Lebens hinzuweisen. Dies ist festgehalten in den 10 Geboten als Ausdruck des einen Doppelgebotes der Gottes- und Nächstenliebe. Auf die Liebe kommt es an, die wir in allen Lebensbereichen nach dem Vorbild Jesu üben müssen.

Aber der junge Mann ist damit nicht zufrieden. Er sucht nach mehr. Ihm genügt es nicht, daß er alle diese Gebote von Jugend an befolgt hat, so gut er es eben vermochte. Er spürt, daß es noch eine besondere Art von Nachfolge gibt, einen persönlichen Ruf Gottes für sein Leben.

Und da blickt ihn Jesus voll Liebe an und sagt zu ihm: "Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!"

Der Mann wollte von Jesus wissen, ob er noch mehr Gutes tun könne, als es die Gebote Gottes verlangen. Und Jesus geht in seiner Antwort aufs Ganze. Er verlangt die vollkommene Selbstentäußerung und Selbstverleugnung. Wer auf alles Irdische verzichtet, der wird einen bleibenden Schatz bei Gott im Himmel haben.

Aber da macht der Mann einen Rückzieher: Er nimmt seinen hochherzigen Entschluß zurück. Was so hoffnungsvoll begonnen hat, nimmt ein jähes und vorerst tragisches Ende: Der Mann ging traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen. Wir wissen nicht, was nachher aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er sich im Laufe seines Lebens doch noch durchgerungen zur besonderen Nachfolge Jesu.

Jesus nimmt nun die Reaktion dieses Mannes zum Anlaß für eine Unterweisung über die Gefahren des Reichtums. Und er verkündet die provokanten Worte: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Da sind alle schockiert und fragen sich: "Wer kann dann noch gerettet werden?"

Die Menschen sind entmutigt. Bei solchen Forderungen sehen sie den Weg zu Gott versperrt. Doch Jesus hilft ihnen aus ihrer Verzweiflung, wenn er anschließend verheißt: "Für Menschen ist das unmöglich; aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich."

So gibt es also doch Hoffnung für uns Menschen, auch für solche mit Reichtum und Besitz. Wie aber ist es möglich, zu Gott zu finden? Jesus geht es um die Freiheit des Herzens von jeder unfrei machenden Bindung an die irdischen und materiellen Dinge. Gott muß wirklich an erster Stelle im Leben stehen. In dieser Weise müssen die Christen alles verlassen, um Jesus nachzufolgen. Unser Herz darf nicht gefangen werden von der unersättlichen Gier nach den Gütern dieser Welt, nach Reichtum, Macht und Genuß.

Die Apostel waren dazu berufen, um Jesu willen auf alles zu verzichten. Sie gaben ihren Beruf auf, trennten sich von ihren Angehörigen und folgten Jesus nach. So waren sie wirklich frei für die Verkündigung des Reiches Gottes. Darin liegt ja auch ein wichtiger Sinn des priesterlichen Zölibats. Jesus sagt dem Petrus, daß die Apostel gewiß nicht leer ausgehen werden. Wer Gott alles schenkt, erhält alles wieder in Gott zurück, und zwar auf eine vollkommenere Weise, als er das jemals erwartet hätte.

So erlebt jeder, der sich auf den Ruf Gottes einläßt und im Herzen frei wird von der Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt, daß Gott sein eigentlicher Schatz ist. Uns ist von Jesus ein bleibender Schatz im Himmel verheißen. Doch wer sich auf sich selber zurückzieht und alles an sich raffen will, wird unfähig, von Gott Größeres zu empfangen.

Bitten wir den Herrn auf die Fürsprache Mariens, der Rosenkranzkönigin, um seine Gnade, daß wir stets in allem Gottes Willen suchen und unsere Pläne und Wünsche in den Willen Gottes hineinlegen. Dann wird unser Leben gelingen. Wir werden trotz aller Schwierigkeiten den Frieden des Herzens finden und das ewige Leben bei Gott erlangen. Amen.



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