Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 1. Januar 2000
Hochfest der Gottesmutter Maria
L 1: Num 6,22-27; L 2: Gal 4,4-7; Ev: Lk 2,16-21
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Erst wenige Stunden ist das neue Jahr jetzt "alt", und wer es geschafft hat, heute rechtzeitig aufzustehen und zur Messe zu kommen, feiert den Beginn des bürgerlichen Jahres 2000 auch mit einem kirchlichen Fest: Wir begehen acht Tage nach Weihnachten das Hochfest der Gottesmutter Maria. Maria hat Jesus Christus vom Heiligen Geist empfangen und ihn in unversehrter Jungfräulichkeit in Bethlehem geboren. Er ist der Erlöser der Welt; ihn beten wir an als König!
Welche Rolle aber spielt Maria bei diesem Ereignis der Menschwerdung? Hätte Gott nicht auch auf andere Weise eintreten können in diese Welt? Ja, bestimmt. Wenn er es so gewollt hätte, hätte er bestimmt viele andere Wege gefunden. Weil er aber das Menschsein wirklich mit uns teilen wollte und uns in allem gleich geworden ist außer der Sünde, darum hat er auch den Weg zu uns über die Geburt aus einer Frau gewählt. Der Apostel Paulus schreibt darüber: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau" (Gal 4,4a).
Ihm, dem allmächtigen Gott, war es nicht zu niedrig, als kleines Kind geboren zu werden, das auf menschliche Hilfe und mütterliche Fürsorge angewiesen ist. Er, dem alles untersteht im Himmel und auf Erden, ist aus Liebe zu uns Menschen arm geworden, um uns mit dem Reichtum seiner Liebe zu beschenken. Es hat nur einen Menschen gegeben, dem sich Gott ganz anvertrauen konnte: Es war die Jungfrau Maria. Nichts findet sich an ihr, was der Heiligkeit Gottes entgegensteht. Sie war ja von Beginn ihres Lebens an frei von jeder Sünde. Nicht einmal die Erbsünde hatte Anteil an ihr, da sie im voraus auf vollkommene Weise durch Christus erlöst war. So war sie ganz und gar darauf vorbereitet, die Mutter des Sohnes Gottes zu werden. Als "Gottesgebärerin" verehren wir sie heute, da sie dem Sohne Gottes eine menschliche Mutter geworden ist. Zu Jesus Christus konnte nur Gott Vater sagen: Dieser ist mein geliebter Sohn. Von Ewigkeit her ist dieser Sohn als zweite göttliche Person vom Gott dem Vater "gezeugt", in geistiger Weise aus Gott "geboren". Dasselbe Recht, ihn Sohn zu nennen, steht Maria zu, da das ewige Wort in der Zeit aus ihr geboren werden wollte. Dieser ist dein Sohn, o heilige Jungfrau Maria, und wir freuen uns mit Dir um dieses Kindes willen, das uns Heil und Erlösung gebracht hat!
Liebe Gläubige, wenn wir recht bedenken, was Großes da geschehen ist im Geheimnis der Menschwerdung, dann sollte auch unser Herz von einem grenzenlosen Vertrauen zu Gott erfüllt werden, der als kleines Kind zu uns gekommen ist. Ein inniges Vertrauen wird uns auch beseelen gegenüber jener Frau, die auserwählt war, dem Sohne Gottes eine menschliche Mutter zu sein. Wenn Gott sich ihr ganz ausgeliefert hat, sich ihr ganz anvertraut hat – er, der Allmächtige –, dann wird es auch für uns der richtige Weg sein, daß wir uns ganz der Jungfrau und Gottesmutter Maria anvertrauen. Sie war der Weg, auf dem Gott zu uns gekommen ist. Sie ist der Weg, auf dem wir zu Jesus Christus, ihrem Sohn, gelangen können.
Papst Johannes Paul II., der zu Weihnachten das Heilige Jahr 2000 eröffnet hat, hat als Wahlspruch für sein Pontifikat die Worte gewählt: "Totus Tuus". Das heißt auf Deutsch: "Ganz dein", und es bezieht sich auf Maria, die das Jesuskind empfangen und gebären durfte und es ganz ihr eigen nennen durfte. Auch wir sollen als Kinder unserer himmlischen Mutter uns ganz ihr zu eigen geben. Eben das ist gemeint, wenn wir sagen: Wir weihen uns Maria. Wir übergeben uns ihr, wir schenken uns ihr, wir empfehlen uns ihrer Fürbitte, mit allem, was wir sind und was wir haben. Denn sie behält nichts für sich, sondern gibt alles, was sie empfängt, an Gott weiter. Ihrem Unbefleckten Herzen dürfen wir uns ganz anvertrauen! "Totus Tuus"!
So stellen wir das neue Jahr unter ihren Schutz. Maria ist die Pforte des Heils, durch die der Sohn Gottes in diese Welt eingetreten ist. In liebender Sorge wird sie auch uns durch das Leben geleiten und einst das Tor zum Himmel sein. Von Jesus Christus dem Friedensfürsten erbitten wir heute am Weltfriedenstag diesen Frieden für uns selber und für alle Menschen auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria. Amen.