Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank
Predigt für den 12.
Sonntag im Jahreskreis
22. Juni 1997 (Lesejahr B)
L 1: Ijob 38,1.8-11; L 2: 2 Kor 5,14-17; Ev: Mk 4,35-41
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, Gott höre und beachte uns nicht? Wahrscheinlich gibt es bei jedem Menschen in seinem Leben Zeiten und Erlebnisse, in denen er meint, ganz allein gelassen zu sein. Vielleicht sind es harte Schicksalsschläge oder ganz einfach die täglichen Mühseligkeiten und Herausforderungen. Manchmal meinen wir, wir sind überfordert, und es scheint, als ob uns niemand hilft. Ja, die erlebte innere Not kann sogar so weit gehen, daß die Frage auftaucht: „Gibt es Gott überhaupt? Wenn es ihn gäbe, dann müßte er mir doch jetzt helfen!“
Im Bericht vom Seesturm und seiner wunderbaren Stillung durch Jesus erfahren wir, daß es auch den Aposteln nicht anders ergangen ist. Jesus war in ihrer Mitte, neben ihnen im Boot, sie hatten eigentlich nichts zu fürchten. Aber er schlief! Und da begann ein furchterregender Wirbelsturm - ein richtiges Unwetter also -, der das Boot erschütterte und Wellen in das Boot hineintrug. Es füllte sich immer mehr mit Wasser und drohte zu versinken.
Wie konnte der Herr da schlafen?! Sie mußten ihn aufwecken, dachten sie. „Denn wir sind in größter Gefahr, und er mit uns.“ Als Jesus von ihnen geweckt wurde, da tat er zwar das, was sie von ihm erwarteten - er schritt machtvoll ein gegen den Sturm, in einer wunderbaren, für die Apostel in dieser Weise bis dahin nicht gekannten Autorität -, doch anschließend tadelte sie Jesus mit den Worten: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“
Die Angst der Jünger war menschlich überaus verständlich. Doch es wäre bestimmt vollkommener gewesen, wenn sie diese Angst im Glauben an Gott, der uns Menschen allzeit nahe ist, bewältigt und überwunden hätten. Letztlich hätte ihnen nichts geschehen können ohne die Zulassung und den Willen Gottes. Aber dieses Vertrauen in die göttliche Vorsehung fehlte ihnen noch!
Das Bild vom Seesturm kann auf vielfältige Weise in unser Leben übertragen werden. Wir selber sind manchmal innerlich aufgewühlt und erregt; in unserem Herzen geht es „drunter und drüber“, wir wissen nicht mehr, wo wir stehen und was wir zu tun haben. Nicht nur gewöhnliche Christen, auch Heilige haben diesen Wechsel der Stimmungen und Gefühle erlebt. Wie reagierten sie? Nicht mit panischer Angst! Es ist wichtig, in dieser Situation nicht die Nerven zu verlieren oder gar aufzugeben. Nein, gerade da müssen sich Geduld und Gottvertrauen bewähren. Auch wenn alles verloren scheint und Gott scheinbar nicht anwesend ist - wir dürfen uns dennoch nicht auf unser eigenes, sehr trügerisches Gefühl verlassen!
Hier muß uns der einfache, schlichte Glaube tragen. Es ist leicht, im religiösen Hochgefühl der Seele zu glauben und dann zu beten: „Jesus, dir leb´ ich, Jesus, dir sterb´ ich.“ Aber ungleich wertvoller ist es, wenn wir auch dann, wenn wir innerlich nichts oder kaum etwas oder sogar das Gegenteil davon spüren, zu Gott aufblicken und sagen: „Herr, ich verstehe dich nicht. Aber dein Wille geschehe.“
War es nicht im Leben der Gottesmutter Maria oft ähnlich? Die seligen Stunden von Nazaret und Bethlehem vergingen, oft gab es Verfolgung und Unverständnis für Jesus. Maria litt mit ihrem göttlichen Sohn. Und in der Stunde des Leidens und Sterbens, als die Menschen Jesus von Gott verlassen wähnten, da war Maria dennoch treu im Glauben und in der Hoffnung.
So will uns das heutige Evangelium vor allem Hoffnung geben in den verschiedenen Nöten und Prüfungen des Lebens. Keine Situation ist so ausweglos und verfahren, daß uns nicht Gott aus ihr befreien könnte. Auch wenn wir die Gegenwart des Herrn nicht immer spüren, er ist dennoch bei uns. Wenn auch der Sturm im Inneren unserer Seele toben mag, auf dem Grund des Herzens schläft Jesus. Wir sollen ihn nicht vorzeitig wecken, sondern einfach ganz schlicht auf ihn vertrauen. Zur rechten Stunde wird er dem Sturm Einhalt gebieten!
Auch die Stürme in Kirche und Welt, die es oft gibt, sind im letzten nur vorläufig. Gott lenkt bei denen, die ihn lieben, alles zu einem guten Ende. Vielfach schon in diesem Leben und schließlich in der ewigen Vollendung werden wir einmal die wunderbaren Wege Gottes preisen dürfen, auf denen er uns gut durch das Leben geführt hat. Amen.
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Gemeinschaft vom heiligen Josef