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Predigt:

Die reiche Frucht der Gnade

11. Sonntag im Jahreskreis B (18.06.2006)

L1: Ez 17,22-24; L2: 2 Kor 5,6-10; Ev: Mk 4,26-34


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Unser Leben hier auf Erden entfaltet sich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Manchmal scheint ein Tag gleich wie der andere, und man merkt es gar nicht, wie die Zeit voranschreitet, bis es einem dann irgendwann einmal doch bewusst wird – vielleicht dann zu schnell und unmittelbar, sodass der Mensch aufs erste sogar erschrickt. Es gelten im Menschenleben so wie auch sonst im Bereich der lebendigen Natur die Gesetze des Wachstums. Dieses aber vollzieht sich für den Augenblick unbemerkt und bewirkt doch, dass alles zur rechten Zeit seine Frucht bringt.

Wie ein Samenkorn ist das Reich Gottes im Herzen des Menschen: Es ist klein, doch wächst es heran – vom Halm zur Ähre bis zum vollen Korn in der Ähre, bis es reif ist zur Ernte. Glaube, Hoffnung und Liebe sollen in uns heranreifen, bis uns der Herr heim ruft in sein himmlisches Reich. Denn hier auf Erden sind wir wie in der Fremde, sodass wir es nach den Worten des Apostels Paulus vorziehen, „aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.“ Ja, einmal kommt für jeden von uns die Zeit der letzten Ernte: Dann werden wir alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, der den Menschen für das Gute und Böse, das sie in ihrem Leben getan haben, ihren Lohn geben wird, wie es in der 2. Lesung heißt.

Nun aber gilt es, was das Wachstum des Reiches Gottes in den Herzen der einzelnen und in der Gemeinschaft der Kirche betrifft, vor allem auf das Wirken des Heiligen Geistes zu vertrauen. Gott ist es ja, der das Wollen und das Vollbringen schenkt; er lässt das kleine Senfkorn heranwachsen, bis es zum großen Baum wird, in dessen Schatten die Vögel des Himmels nisten können. Erzwingen lässt sich nichts, nur erwarten. Dazu braucht es Geduld und Ausdauer. Wer diese nicht hat, zerstört oft mehr durch Unüberlegtheit und Eigensinn, als dass er aufbaut.

Auch in unserem geistlichen Leben kann es Zeiten geben, wo wir das Wachstum und das Vorankommen im Guten unmittelbarer und sichtbarer erleben als zu anderer Zeit, wo alles dürr und erfolglos scheint. Da gilt es, im Gebet auf die Hilfe Gottes zu vertrauen, der die Frucht der Ernte zur rechten Zeit schenkt. Sollte uns das Wachstum im Geist nicht viel wichtiger sein als alle irdischen Erfolge? Die Zukunft können wir nur auf Gottes Liebe bauen, die wir annehmen und einander auch weiterschenken wollen. Dann wird die Frucht unseres Lebens einmal groß sein, und Gott wird uns einladen zur Teilnahme am himmlischen Hochzeitsmahl.

Wie hat doch die heilige Jungfrau Maria als „Hörerin des Wortes“ alle Gaben im Herzen bewahrt, die ihr Gott geschenkt hat! Nichts ging verloren, was ihr Gott anvertraut hatte. Sie, die wahre Gottesmutter, durfte uns in heiliger und unversehrter Jungfrauschaft den Erlöser schenken. Mit ihm ist uns von Gott her jedes vollkommene Geschenk zuteil geworden. Wir bitten Maria, dass wir durch sie mit dem Herrn verbunden bleiben. Wer in Gottes Liebe und Freundschaft lebt, bringt reiche Frucht: Bereits hier auf Erden wird das Gute sichtbar, das ein Mensch im Herzen trägt; und der ewige Lohn wird durch Gottes Gnade den Vollendeten zuteil. Amen