Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigt für den 10. Sonntag im Jahreskreis
8. Juni 1997 (Lesejahr B)


L 1:Gen 3,9-15; L 2: 2 Kor 4,13-5,1; Ev: Mk 3,20-35


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


Die Lesung aus dem Buch Genesis und das heutige Evangelium nach Markus stellen uns in eindringlicher Weise die Macht des Bösen in der Welt, vor allem aber dessen Überwindung durch Gott in Jesus Christus vor Augen.

In unserer täglichen Lebenserfahrung begegnen wir der Sünde und dem Bösen in vielfältiger Gestalt: Es ist leider so, daß durch die Schöpfung ein Bruch geht, den wir auch in unserem Leben spüren. Die ursprüngliche Harmonie und Ordnung der Beziehungen der Menschen zueinander und zu Gott, zur belebten und zur unbelebten Natur ist zerstört. Es gibt die Verstrickung in das Böse, es gibt Leiden und Tod, es gibt auch das, was wir die Sünde nennen.

Freilich ist es nicht modern, heute von „Sünde“ zu reden. Eher akzeptiert man es, wenn von seelischen Störungen, Frustrationen, Komplexen und Aggressionen gesprochen wird. Psychologie und Soziologie übernehmen oft die Rolle, die früher der Seelsorge zukam: Ängste und Schuldgefühle werden wegdiskutiert oder therapeutisch behandelt, anstatt die eigentliche Wurzel vieler dieser seelischen Leiden zu suchen: die verlorengegangene oder gestörte Beziehung zu Gott!

Freilich gibt es auch die krankhafte Störung des Seelenlebens, wo Menschen zum Beispiel Schuldgefühle haben, ohne daß dafür eine echte Ursache in Form von wirklicher Schuld vorliegt. Problematisch wird es aber, wenn jede Art von Schuld geleugnet wird und alle Schuldgefühle von vornherein als krankhaft aufgefaßt werden.

Demgegenüber spricht die Bibel sehr deutlich von der Sünde und der Schuld der Menschen. Was ist das eigentliche Wesen der Sünde, worin besteht sie? Ist es nur das schlechte Gewissen oder vielleicht die gestörte Harmonie der Menschen untereinander? All dies gehört meist dazu. Aber der eigentliche Kern des Übels liegt tiefer. Sünde besteht darin, daß sich der Mensch Gott gegenüber verweigert. Er versagt seinem Schöpfer und Erlöser den Gehorsam und die liebevolle Hingabe an seinen heiligsten Willen. Damit fällt der Mensch heraus aus der ursprünglichen Geordnetheit seiner Beziehung zu Gott: Er gerät in einen Widerspruch zu Gott und seinen Geboten und zugleich zu sich selbst. Sünde ist Abkehr von Gott und Selbstentfremdung. Der Mensch möchte sein Glück außerhalb der Ordnung Gottes suchen, er zieht sich zurück auf sich selbst. Er verharrt in seinem Egoismus und verliert so das, was er im Letzten suchte: seine menschliche Erfüllung, die nur in der selbstlosen, sich verschenkenden Liebe zu Gott und zu den Menschen zu finden ist.

Ohne Erlöser gäbe es letztlich keinen Ausweg aus dieser unserer selbstverschuldeten Misere: Die Menschheit könnte sich das ursprünglich geschenkte, aber durch die Sünde verlorene Glück der Verbundenheit mit Gott und untereinander nie mehr selbst zurückerwerben. Das Paradies wäre unrettbar verloren. Manche Pessimisten sehen das auch tatsächlich so. Sie verzweifeln am Zustand der Welt und an der eigenen Verstricktheit in das Böse. Aber ist das Leben wirklich so? Gibt es nicht doch einen Ausweg? Gibt es Erlösung und Rettung aus der Sünde und aus allen mit ihr verbundenen Übeln?

In Jesus Christus bietet uns Gott wieder die Versöhnung mit seinem heiligsten Willen an, den wir in der Sünde übertreten haben. Jesus sagt, daß jeder, der den Willen Gottes tut, für ihn wie Bruder, Schwester und Mutter ist. Wir werden wieder zu Freunden Gottes, ja noch mehr: zu seinen Kindern!

Durch sein Leiden und Sterben am Kreuz hat der menschgewordene Sohn Gottes die Macht der Sünde und des Todes überwunden. In seiner Auferstehung schenkt er uns neues Leben mit Gott und Versöhnung auch untereinander. Die Gottes- und Nächstenliebe ist das neue Gebot Christi. Gott schenkt uns die Kraft, es mit Freude zu erfüllen. So haben wir einen großen Trost: Alles Negative in der Welt ist vorläufig. Es gibt zwar die Sünde und das Böse, es gibt Leiden und Tod; es gibt auch den Satan, den Urheber des Bösen, und das Böse ist mächtig. Doch Jesus Christus ist der Stärkere. Er besiegt die Treulosigkeit der Menschen durch seine Treue zum Willen Gottes. Er entmachtet den Teufel, da Gott der Stärkere ist. Wer an Jesus glaubt, hat schon teil am Sieg Christi, der sich einmal vollenden wird in der ewigen Herrlichkeit.

Blicken wir auf jene Frau, die uns den Erlöser gebar, auf Maria! Sie durfte in allem den Willen Gottes erfüllen und war unserem Herrn Jesus Christus auf diese Weise am engsten verbunden. Nicht die natürliche Verwandtschaft mit Jesus war ausschlaggebend, sondern ihre Bereitschaft, gläubig auf ihn zu hören und sein Wort ins Leben umzusetzen.

Jesus, der Sohn dieser schon im Buch Genesis verheißenen Frau, hat der Schlange den Kopf zertreten und das Böse besiegt. Mit ihm verbunden, sind wir voller Hoffnung, daß auch wir unser Ziel erreichen werden, die ewige Gemeinschaft der Liebe mit Gott und untereinander. Amen.


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Gemeinschaft vom heiligen Josef