Kaplan Dr. Josef Spindelböck,
Ybbs/Donau
Predigt
für Allerseelen
2. November 1997
L 1: 2 Makk 12,43-45; L 2: 1 Thess 4,13-18;
Ev: Joh 11,17-27
(oder) L 1: Ijob 19,1.23-27; L 2: Röm 8,14-23; Ev: Joh 14,1-6
(oder) L 1: Jes 25,6a.7-9; L 2: Phil 3,20-21; Lk 7,11-17
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Am heutigen Tag wird uns wieder einmal bewußt, wie sehr wir in unserem Leben vom Tod umgeben sind. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, einmal wird der Tod unser aller Schicksal sein! Kein Sterblicher kann ihm entrinnen.
In der modernen Welt gibt es Fragen, die man gerne verdrängt, die nicht gestellt werden dürfen, weil sie angeblich das friedliche Zusammenleben der Menschen stören würden und die Lebensqualität des Menschen herabsetzen könnten.
Eine dieser Fragen - ein Tabu-Thema also - ist die Frage nach dem Tod des Menschen. Hinter diesem Denk- und Sprechverbot, das manche uns auferlegen wollen, steht uneingestandenermaßen die Behauptung oder der skeptische Zweifel, mit dem Tod sei ohnehin alles aus. Der Tod stelle somit das ganze menschliche Leben in Frage. Er zeige auf, daß in Wirklichkeit alles sinnlos sei. Und diese Sinnlosigkeit des Lebens, die in der Tatsache des unausweichlichen Todes offenbar werde, dürfe deshalb nicht zur Sprache gebracht werden, um nicht jeden Lebensgenuß überhaupt zu zerstören.
Wie geht es uns mit solchen Ansichten? Sind wir als Christen davon ganz ausgenommen? Ist für uns der Tod keine Frage, die uns bedrängt, vielleicht bedrückt und lähmt, die unserem Leben jede Hoffnung zu nehmen droht?
Wir wollen nicht leugnen, daß uns das Sterben liebgewordener Menschen aufs tiefste erschüttert. Es ist für uns kaum faßbar: Die wir gestern noch in unserer Mitte sahen, sind heute nicht mehr! Trauer erfüllt da das Herz eines jeden einigermaßen natürlich empfindenden Menschen. Auch unser eigener Tod kann uns Angst machen: Wissen wir doch nicht, wann und wie er uns ereilen wird und was uns genau danach erwartet!
Aber mitten in diesem Dunkel menschlichen Leides, der Hoffnungslosigkeit und des bangen Fragens erstrahlt ein Licht, das stärker ist als alle Dunkelheit der Welt und das uns in unerschütterlicher Glaubensgewißheit hoffen läßt: "Der Tod ist nicht das Letzte!" Jener Gott, der alles Leben schenkt, hat den Tod als Folge der Sünde zwar zugelassen, aber auch besiegt durch das Leiden und Sterben seines Sohnes Jesus Christus am Kreuz. Jesus wurde nicht für immer festgehalten von den Fesseln des Todes, sondern er ist am dritten Tage auferstanden von den Toten!
Sind wir von dieser Wahrheit wirklich überzeugt? Ist dieser Glaube etwas, das unser Leben trägt, gerade in Stunden der Trauer und des Schmerzes?!
Vielleicht sollten wir wieder vermehrt den Kontakt mit Gott suchen. Wir wollen das Gebet nicht nur eine Sache von Zeiten der Not sein lassen, sondern unser ganzes Leben - in schönen und schweren Stunden - in der Gegenwart Gottes verbringen. Immer wieder heißt es aufzuschauen zu Gott dem Herrn, der die Liebe und das Leben ist, um ihm unseren Dank und unseren Lobpreis, aber auch unsere Not und unsere Bitten vorzutragen!
Dann werden wir erfahren, daß unser Glaube gestärkt wird. Der Glaube an das ewige Leben bei Gott vermag unserem irdischen Leben einen letzten und nicht bloß vorläufigen Sinn zu geben. Wir empfangen Hoffnung und Trost auch über das Grab hinaus.
So sind wir heute am Allerseelentag versammelt, um in Liebe all unserer Verstorbenen zu gedenken und für sie zu beten. Ihr abgestorbener Leib zerfällt, doch ihre Seele lebt. Und einmal - so hoffen wir zuversichtlich - wird Gott auch ihren Leib wieder auferwecken, wenn Christus, der Herr, wiederkommt in Herrlichkeit am Ende der Welt, um zu richten die Lebenden und die Toten!
Schon die ersten Christen haben für die Verstorbenen gebetet. Sie waren überzeugt, daß unser Gebet hilfreich sein kann für die zu Gott Heimgegangenen. Denn wenn ein Mensch zwar in der Freundschaft mit Gott stirbt (wir sagen: in der "heiligmachenden Gnade"), aber noch nicht vollkommen frei ist von Sünden und sogenannten "Sündenstrafen", dann wird dieser Mensch von Gott gereinigt und geläutert (im "Fegefeuer"). Stellvertretend für diese Menschen (die "Armen Seelen") können wir unser Gebet und Opfer an Gott richten, daß er sie von ihren Leiden befreie und ihnen die ewige Seligkeit im Himmel zuteil werden lasse. Hat ein bestimmter Mensch, für den wir beten, dieses Gebet nicht nötig, dann kommt es nach Gottes Willen anderen zugute!
Das ist auch der Sinn des sogenannten "Allerseelenablasses", den wir vom 1. bis zum 8. November täglich einmal für die Verstorbenen gewinnen können. Voraussetzung dafür sind echte Bußgesinnung mit dem festen Willen zur Abkehr von jeder Sünde, ausgedrückt durch die in diesen Tagen (vor und nach Allerheiligen) abgelegte sakramentale Beichte und den Empfang der heiligen Kommunion, sowie das Gebet nach der Meinung des Heiligen Vaters, verbunden mit einem Friedhofsbesuch und mit dem Gebet für die Verstorbenen.
Unsere mitmenschliche Solidarität reicht über
das Grab hinaus. Der Glaube und die Liebe kennen keine Grenzen.
Und einmal, wenn alle Schleier fallen, werden wir Gott schauen von Angesicht
zu Angesicht in der Gemeinschaft mit allen, die das Heil erlangt haben!
So hoffen wir zuversichtlich im Vertrauen auf die Güte und Barmherzigkeit
Gottes. Amen.
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Gemeinschaft vom heiligen Josef