Predigt für
Allerheiligen
1. November
1999
L 1: Offb 7,2-4.9-14; L 2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn man heute als Priester oder Religionslehrer ein Kind in der Schule fragt, ob es "heilig" werden wolle, dann wird die Antwort wohl in den meisten Fällen ein entschiedenes: "Nein" sein. Bestenfalls wird sich der angesprochene Bub oder das Mädchen verwundert zeigen und noch einmal nachfragen: "Wieso denn?" Denn jene Kinder sind selten geworden, die die fertige Antwort des alten Katechismus präsentieren konnten, die da lautete: "Wir sind auf Erden, um Gott zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen", also um "heilig" zu werden.
Gewiß ist es kein böser Wille, der die Kinder veranlaßt so zu antworten. Seien wir doch als Erwachsene ganz ehrlich: Wer von uns kann wirklich auf die Frage, ob er "heilig" werden möchte, gleich ein spontanes "Ja" geben? Sind wir da nicht sehr gehemmt und abwehrend? Vielleicht verstehen wir unter "Heiligkeit" etwas Falsches. Wahrscheinlich verbinden die meisten damit die Vorstellung von einer gewissen Weltabgewandtheit, einer Fremdheit mit irdischen Dingen, von Entrücktheit und Vergeistigung. Und das ist klar: So möchte man sein Leben nicht verbringen, in einer gleichsam "blutleeren" Sphäre von "Heiligkeit", wie man sie sich eben vorstellt, verbunden mit Strenge und angeblicher Freudlosigkeit ("nichts Interessantes und Angenehmes mehr tun dürfen").
Aber, liebe Gläubige, gewiß sind das alles Vorurteile, die wir haben gegenüber dem, was Gott mit "Heiligkeit" verbindet. "Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig", verlangt Gott im Buch Leviticus (19,2). Und Jesus spricht davon, daß wir vollkommen sein sollen, weil auch unser himmlischer Vater vollkommen ist (vgl. Mt 5,48). Wie wäre es, wenn wir entdecken würden, daß jene "Heiligkeit", die Gott von uns verlangt und die er selber uns schenken möchte durch seine Liebe, in Wirklichkeit etwas ganz Wunderbares ist, etwas, das die menschliche Person in ihrem eigentlichen Wert so richtig hervorhebt, das den Menschen zu dem macht, was er eigentlich sein soll, zu einem vollendeten Menschen eben?!
Wenn auch der durchschnittliche Mensch von heute kein Verständnis mehr hat für "Heiligkeit", so hat er es doch für Gesundheit sowie für - "Ganzheitlichkeit" oder Integrität, Identität, Selbstverwirklichung. Gerade dies sind neue Schlagworte und Programme geworden, wobei man den Wunsch hat, umfassend heil zu sein. Es geht nicht nur um die Gesundheit des Leibes, sondern um ein gesamtmenschliches Wohlbefinden. Natürlich erstreben wir das im Grund doch alle, und viele sehen darin den einzigen Wert ihres Lebens, den sie mit allen möglichen Mitteln zu erreichen suchen. Dahinter stehen ohne Zweifel auch so manche Strömungen der Esoterik und des New-Age, die wir gerade zur Jahrtausendwende wieder so häufig vorfinden.
Aus der Sicht des Glaubens betrachtet: Ist das alles gänzlich verkehrt? Sind jene Menschen schlicht und einfach auf dem "Holzweg", die nach einer ganzheitlichen Sicht ihres Lebens und einem umfassenden und ganzheitlichen Heil- und Gesundsein streben? Gewiß nicht. Falsch wird dieser Wunsch nur, wenn er zu kurz greift und nur auf das Innerweltliche bezogen bleibt. Es gibt Menschen, die wollen heil sein aus eigener Kraft. Sie meinen, in uns selbst liege die Kraft des Göttlichen, die uns erlösen könne. Sie wollen keine Erlösung durch Gott annehmen, der uns doch eben dieses umfassende Heil-Sein des ganzen Menschen versprochen hat. Genau in dieser Vorstellung liegt aber ein Trugschluß: Denn wir sind nicht wie der Lügenbaron Münchhausen, der sich selbst angeblich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf herausgezogen hat. Das Heil muß uns geschenkt werden. Nur Gott kann uns das umfassende Heil-Sein des ganzen Menschen schenken, an Leib und Seele. Er tut dies auch, wenn wir an ihn glauben und an den, den er gesandt hat, seinen Sohn Jesus Christus. Dieser hat uns erlöst durch sein Leiden und Kreuz sowie durch seine Auferstehung.
"Auferstehung": Das gibt uns das Stichwort dafür, daß wir das Heil-Sein, das wir erwarten, das "Heilig-Sein", nicht schon hier auf Erden in seiner ganzen Fülle empfangen werden. Im irdischen Leben werden wir immer irgendwie unfertig sein, Stückwerk bleibt all unser Erkennen, Reden und Tun. Überdies können wir dem Leiden und dem Tod nicht entrinnen. Wie können wir da noch hoffen?!
Die Antwort gibt uns der auferstandene Herr: So wie er am dritten Tage auferstanden ist von den Toten, so wird Gott auch unseren sterblichen Leib auferwecken. Dann wird der ganze Mensch gerettet, nichts ist ausgeschlossen, dann sind wir ganz heil, ganz heilig! Dann feiern wir mit Gott und allen geretteten Menschen das "Fest der Ewigkeit".
Der heutige Tag ist ein Freudentag. Denn wir feiern und preisen jene Menschen, die das Ziel ihres Lebens bereits erreicht haben. Die Heiligen sind schon in der Vollendung. Ihr Leben ist ganzheitlich gelungen, auch wenn die Auferstehung des Fleisches bis zum "Jüngsten Tag" noch aussteht, und sie haben keinen anderen Wunsch, daß auch unser Leben ein heiles und heiliges sei. So begleiten sie uns mit ihrer Fürbitte. Diesem Gebet aller Heiligen des Himmels wollen wir uns heute anvertrauen und empfehlen. Besonders verehren wir die "Königin aller Heiligen", die selige Jungfrau Maria. An ihrem Bild erkennen wir, wie wunderbar Gott den Menschen geschaffen und erlöst hat und was Großes er auch uns bereitet hat. Denn sie ist an Leib und Seele vollendet, sie ist ganz heilig. Amen.