Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

 

Predigt für Allerheiligen
1. November 1997

 L 1: Offb 7,2-4.9-14; L 2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a

  

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Das heutige Hochfest "Allerheiligen" ist gewissermaßen ein Jubelfest der ganzen Kirche. Denn kaum an einem anderen Tag wird uns so eindrucksvoll bewußt, wie sehr Gott alle Menschen in seine Gemeinschaft der Liebe und des ewigen Lebens beruft. Gott will ja, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (vgl. 1 Tim 2,4). Oder mit anderen Worten: Alle Menschen sind zur Heiligkeit berufen!

Womöglich erschrecken wir da oder sind etwas verwirrt und können diese Feststellung - so richtig sie ist - nicht gleich einordnen und geistig verarbeiten. "Ist das wirklich so", mögen wir uns fragen, "daß auch ich heilig werden soll? Ja, will ich das überhaupt?!"

Vielleicht haben wir noch eine etwas einseitige oder gar falsche Vorstellung von den Heiligen. Sie erscheinen uns als weltfremde Menschen ohne Kenntnis unserer Sorgen und Probleme, als Menschen, die auch für irdische Freuden kein Verständnis aufbringen würden. Da ist es dann nicht verwunderlich, wenn solchermaßen der Welt entrückte Vorbilder uns nicht mehr zu bewegen vermögen; daß wir dann sagen: "Nein danke, so möchte ich nicht werden! Ich will doch etwas vom Leben haben, es auch ein wenig genießen, aber nicht 'heilig' werden!"

Doch wenn unser Herr Jesus Christus, der Sohn Gottes, zu uns Menschen gekommen ist, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10), dann ist das Bild von weltentrückten, freudlosen oder gar griesgrämigen "Heiligen" bestimmt nicht das Bild, das die Kirche von ihnen hat und das ihrer Persönlichkeit und ihrem Leben entspricht. Wenn wir einzelne Heiligengestalten näher betrachten, in ihr Leben eindringen, sie gleichsam von ihrer menschlichen Seite her kennenlernen, dann werden wir entdecken: Das sind ja Menschen wie du und ich, mit ähnlichen Sehnsüchten und Erwartungen, Sorgen und Problemen wie wir, die es oft nicht leicht gehabt haben im Leben, die sich selber auch durchringen mußten zu ihrem Weg der Nachfolge Christi!

Bestimmt haben manche von ihnen auch heroische, das heißt heldenhafte und außergewöhnliche Taten vollbracht mit Hilfe der Gnade Gottes; aber das alles ist nicht wesentlich: Das eigentliche Geheimnis ihrer Heiligkeit liegt woanders!

Worin besteht es? Im letzten nur darin, daß diese Menschen im Glauben erkannt haben, von Gott über alle Maßen geliebt zu sein. Sie haben diese Liebe Gottes angenommen für ihr Leben, wo auch immer sie gestanden sind, und haben versucht, dem sich uns in Jesus Christus mitteilenden menschenfreundlichen Gott durch ihr Leben zu entsprechen. Dabei genügt die treue alltägliche Pflichterfüllung in unserem Lebensstand; daß wir uns dort, wohin uns Gott gestellt hat, bewähren!

Es ist also gar nicht notwendig, daß wir hervortreten und bekannt werden, daß wir auffallen oder uns von den übrigen Menschen in ängstlicher oder selbstgerechter Weise absondern. Nein! Inmitten der anderen sollen die Christen sozusagen "Sauerteig" sein und durch ihren lebendigen Glauben, ihre unbesiegbare Hoffnung und ihre unüberwindliche Liebe anderen Vorbild und Begleiter sein auf dem Weg zu Gott.

Wir brauchen unser Menschsein nicht zu verleugnen. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Wir sollen aber die Güter Gottes in der rechten Weise und entsprechend der göttlichen Ordnung gebrauchen und genießen. An erster Stelle muß es uns um Gottes Willen gehen, um das Reich Gottes also. Alles übrige werden wir dazu erhalten. So sind die Gebote Gottes Wege zum Heil und zum Leben! Auch die Seligpreisungen des Evangeliums weisen uns den Weg zur Freude. Nicht der wird das wahre Glück erlangen, der alles von sich selber erwartet, sondern jene Menschen, die im Bewußtsein ihrer Armseligkeit sich in die barmherzigen Hände Gottes fallen lassen; die bei aller notwendigen menschlichen Mitwirkung alles von ihm allein erhoffen!

Am heutigen Tag soll Hoffnung unser Herz erfüllen, wenn wir auf die große Schar derer blicken, die das Ziel des ewigen Leben bei Gott bereits erreicht haben. Dorthin sind ja auch wir unterwegs. Es ist keine Überforderung, es ist nicht unmöglich, in den Himmel zu kommen! Mit Gottes Hilfe ist es möglich. Gott bietet jedem Menschen das Heil an. Niemand geht verloren, der Gottes Liebe zu entsprechen sucht. Gottes Liebe schließt niemanden vom Heile aus. Ausschließen könnten wir uns nur selber, wenn wir uns dieser ewigen Liebe Gottes endgültig verweigern.

Blicken wir daher auf das leuchtende Vorbild und Beispiel der Heiligen, und rufen wir ihre machtvolle Fürbitte an! Sie alle - ob bekannte oder unbekannte Heilige - treten in Einheit mit der Gottesmutter Maria für uns ein bei Gottes Thron, damit auch wir in der Gemeinschaft mit Gott und allen Engeln und Heiligen einst das Leben im Fülle empfangen und für ewig verkosten dürfen. Amen.



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