Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt am Palmsonntag
(28. März 1999, Lesejahr A)

Ev bei Palmprozesion: Mt 21,1-11
L 1: Jes 50,4-7; L 2: Phil 2,6-11; Passions-Ev: Mt 26,14-27,66


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Der heutige Festtag eröffnet die Karwoche, in der wir das Leiden und Sterben unseres Herrn feiern, das schließlich einmündet in die Freude des Ostersieges Christi über den Tod.

Ganz anschaulich wird durch die Palmprozession der Weg Christi nach Jerusalem dargestellt. Mit großer Begeisterung wurde Jesus als messianischer König von den Bewohnern Jerusalems begrüßt: "Hosanna dem Sohne Davids! Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!" Das darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß viele von denen, die so lautstark über die Ankunft Jesu jubelten, ihn kurz darauf der Gewalt seiner Feinde überliefern sollten und einstimmten in den Ruf: "Kreuzige ihn!"

Der Anspruch der Nachfolge Christi gilt auch uns. Sind wir nur unter denen, die Jesus zujubeln, solange es uns gut geht und soweit dies keine persönlichen Nachteile für uns bedeutet? Oder halten wir zu Jesus Christus auch in Stunden der Not und Anfechtung, in Zeiten öffentlicher Mißbilligung und Verachtung, ja sogar der Verfolgung?

Grundfalsch wäre es, in scheinbarer Selbstsicherheit zu sagen: Mir kann das nicht passieren, daß ich Jesus untreu werde und ihn verleugne oder gar verrate. Ist nicht jede freiwillige Sünde, die wir begehen, eine Mißachtung des göttlichen Liebesangebotes? Weisen wir nicht dadurch immer wieder die rettende Liebe des Erlösers zurück?

Nicht ausschließlich die Menschen zur Zeit Jesu sind für seinen Kreuzestod verantwortlich zu machen, sondern all jene, die die Gebote Gottes übertreten und die Liebe Gottes immer wieder zurückweisen. Das gilt auch für uns; wir sind alle irgendwie mitbetroffen.

Wie hat sich Jesus gegenüber solch menschlicher Wankelmütigkeit verhalten? Er hat es zugelassen, daß ihn die Menschen zuerst als König begrüßt haben und wenig später durch die Hinrichtung am Kreuz geschmäht haben. Seine unendliche Liebe zum himmlischen Vater und zu uns Menschen hat dies bereitwillig ertragen. "Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter." (1 Petr 2,23). Das Königtum Christi ist nicht von dieser Welt. Verborgen übt er seine Herrschaft aus, bis er einst in Herrlichkeit wiederkommen wird, um zu richten die Lebenden und die Toten. Dann wird er alles vollenden, was er uns in seinem Leiden und Sterben, in seiner Auferstehung und Himmelfahrt an Schätzen der Gnade und des Heiles erworben hat.

Möge es uns in der kommenden Woche gelingen, das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus als Quelle des Heiles und des Lebens neu zu entdecken. So sollen wir am Kreuz nicht irre werden, sondern die verborgene Herrlichkeit unseres Königs Jesus Christus erkennen, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist als Gott lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.
 
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at