Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit
16. Mai 1999, Lesejahr A

L 1: Apg 1,12-14; L 2: 1 Petr 4,13-16; Ev: Joh 17,1-11a


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Stellen wir uns folgende Situation vor: Jemand besitzt einen Hund, den er meist gut behandelt. Das Tier dankt es ihm durch treue Anhänglichkeit. Eines Tages geschieht es aus unerfindlichen Gründen, daß dieser Hund von seinem "Herrl" nicht einmal mehr angeschaut wird. Der Hund wird völlig vernachlässigt und sich selbst überlassen. Mit Recht sind wir über ein solches Verhalten empört.

Ein anderes Beispiel: Menschen leben in einem Haus in einer Familie zusammen. Sie sind in gutem Einvernehmen. Da geschieht es plötzlich, daß jemand den Frieden zerstört. Es kommt sogar so weit, daß sich bestimmte Familienmitglieder nicht einmal mehr anschauen wollen; zu sagen haben sie einander ohnehin nichts mehr. Eine wirklich traurige, aber aus dem Leben gegriffene Situation!

Was hat das mit unserer Beziehung zu Gott zu tun? Leider gibt es Menschen, die zeitweise oder sogar aus Prinzip den lebendigen und wahren Gott genauso oder noch mehr ignorieren wie den Hund im genannten Beispiel oder die manche Familienmitglieder einer zerstrittenen Hausgemeinschaft. Manche Menschen wollen nicht mehr an Gott denken und ihn als obersten Herrn anerkennen, dem gegenüber sie verantwortlich sind, und sie reden nicht mehr mit ihm. Es herrscht "Funkstille", man könnte auch sagen: Totenstille. Die Ursache ist sicher in den wenigsten Fällen bewußte Auflehnung gegen Gott, wohl aber oft Gleichgültigkeit. Nicht mehr mit Gott sprechen heißt nicht mehr zu Gott beten!

Von einem ganz anderen Verhalten haben wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört. Die ersten Christen (die Apostel und die Jünger sowie die gläubigen Frauen zusammen mit Maria, der Mutter Jesu) zogen sich nach der Himmelfahrt des Herrn für einige Tage zurück in das Obergemach des Abendmahlssaales, um dort zu beten. Sie haben die Gemeinschaft untereinander gesucht und auch die Gemeinschaft mit Gott. Genau das ist "Kirche". Anders war es für sie gar nicht denkbar. So haben sie um das Kommen des Heiligen Geistes gebetet, der dann zu Pfingsten ausgegossen worden ist über die junge Kirche.

Vielleicht können uns diese Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten ein Anlaß sein, daß wir uns neu auf den Wert des Gebetes besinnen. Das Gebet ist für unsere Seele lebensnotwendig. Ohne Verbindung zu Gott stirbt der Mensch in seinem Gnadenleben. Wenn jemand auf geistige Weise tot ist, so sieht man ihm das zwar nicht gleich an. Wer aber den Glauben und die Liebe verloren hat, der kann auch keine Werke der Liebe mehr vollbringen. Seine Taten sind nicht mehr Zeichen des Heils, sondern Früchte eines schlechten Baumes, der umgehauen wird, wenn es dafür Zeit ist.

So wollen wir uns fragen: Beten wir noch? Tun wir das möglichst jeden Tag? Nehmen wir uns bewußt Zeit für das Gebet, oder ist es etwas, das wir so irgendwie zwischendurch schnell einmal verrichten?! Erleben wir das Gebet als Quelle der Kraft und der Gnade, oder ist es zur Routine geworden?

Ganz Wesentliches hängt von unserer Einstellung zum Gebet ab. Unsere persönliche Erneuerung im Streben nach Heiligkeit muß von dort ihren Ausgang nehmen. Auch die Erneuerung der Kirche als ganzer kann nie ohne das Gebet geschehen. Auf das Gebet kommt es an! Beten wir um den Heiligen Geist! Beten wir nach dem Vorbild der jungen Kirche in Einheit mit Maria um das Kommen des Heiligen Geistes in unser Herz!

Welche Gebete sollen wir an Gott richten? Neben dem freien Gebet des Herzens wird uns vor allem das Vaterunser sehr kostbar und heilig sein, da es das Gebet des Herrn ist und gleichsam alles enthält, wofür wir Gott danken und ihn bitten. Auch die Gottesmutter Maria sollen wir verehren, besonders im Rosenkranzgebet. Alle Verehrung, die wir den Heiligen erweisen, führt uns nicht weg von der Anbetung Gottes, sondern die Heiligen möchten uns näher zu Jesus Christus hinführen. In Jesus haben wir den Zugang zum himmlischen Vater.

So ist das Gebet wie eine Leiter, die uns mit dem Himmel verbindet. Inmitten des Alltags ist es eine nie versiegende Quelle der Kraft und des Trostes. Wer wirklich betet, der kann nachher nicht einfach so weiterleben, als ob nichts geschehen wäre. Sein Herz wird Gedanken des Friedens hegen. Er wird sich um Versöhnung im Alltag bemühen und darauf bedacht sein, den Mitmenschen Gutes zu erweisen.

Beten wir um den Frieden in der Welt – gerade auch angesichts von systematischer Vertreibung und Krieg im Kosovo. Jesus Christus, der König des Friedens, möge uns vom Himmel her beistehen und die Völker wieder miteinander sowie mit Gott versöhnen.

Zögern wir nicht; geben wir im Gebet die Antwort der Liebe auf den Ruf Gottes, der an uns ganz persönlich ergangen ist! Amen.
 
 
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at