Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis
(14. Februar 1999, Lesejahr A)
L 1: Sir 15,15-20; L 2: 1 Kor 2,6-10; Ev: Mt 5,17-37
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn wir an das AT denken, überkommt vielleicht manchen von uns ein kalter Schauer. Nicht nur die vielen Kriege, auch das Gesetz von damals war nicht gerade zimperlich. Übeltäter sollen umgebracht werden. Ehebrecher sollen gesteinigt werden. Es galt doch das Prinzip Aug' um Aug', Zahn um Zahn. (Wie du mir, so ich dir.) Wir sagen da mit Recht: Gott sei Dank haben wir diese dunklen Zeiten überwunden.
Jesus brachte uns das neue, befreiende Evangelium. "Leistet dem, der euch Böses tut, keinen Widerstand." "Schlägt euch jemand auf die rechte Wange, haltet auch die linke hin." "Liebet eure Feinde." "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn werdet ihr haben. Tun das Gleiche nicht auch die Zöllner?" (Mt 5,46).
Aber heute sagt Jesus: "Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern um zu erfüllen." Diesmal wird uns anscheinend nicht der liebliche, übernette Jesus präsentiert, den manche aus ihm machen möchten; einer, der niemandem etwas zuleide tut, der keinem weh tut.
Heute spricht Jesus klare Worte. Er geht auf´s Ganze. Es geht um die radikale Nachfolge. Es geht ihm nicht nur um die schweren Sünden, sondern es geht ihm um die Heiligkeit, um die Vollkommenheit.
Nicht nur einen umbringen, einen töten, ist Sünde, auch das Zürnen, auch der Zorn schon ist schlecht und sündhaft und zieht seine Strafe nach sich. Wenn man sagt: "Du Dummkopf! Du gottloser Narr!", hat das entsprechende Folgen. Wie schnell nun sind wir mit ähnlichen Worten dabei! Welche Sprache sprechen wir? Welche Sprache sprechen schon die Kinder? Woher haben sie das?
Nicht nur Ehebruch ist Sünde, auch in Gedanken kann man Ehebruch begehen. Wieviele Ehebrüche geschehen heute vor dem Fernseher, wo vielen die Phantasie durchgeht!
Nicht nur keinen Meineid sollen wir schwören, sondern unser Ja sei ein Ja und das Nein ein Nein. Die Lüge soll ein Fremdwort sein.
Was fordert Jesus: Das Auge rausreißen. Die Hand weghauen. Das sind natürlich Bildworte. Jesus meint damit, daß wir radikal anpacken sollen. "Die Lauen spuck´ ich aus." Das ist doch am Christentum anziehend. Laue Katholiken gibt es genügend, denen der Sonntagsgottesdienst egal ist. Wenn wir wirklich Jünger Christi sein wollen, müssen wir jeden Tag neu den Kampf aufnehmen. Jeder Tag ist eine Herausforderung, wo wir üben können, üben müssen, wo Gefahren lauern. Jeder Tag fordert auf zum Kampf, und zwar zum Kampf zuerst im eigenen Herzen.
"Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen." Hat nicht Jesus selbst sich gegenüber verschiedenen Vorschriften hinweggesetzt? Scheint es nicht so, daß Jesus das Gesetz und die Propheten auflöst, wenn er z.B. den Sabbat bricht, wenn er die Fastengebote übertritt, wenn er sich nicht an die levitischen Reinheitsgesetze hält? Er scheint die Ordnungen Gottes zu übertreten, aber in Wahrheit erfüllt er sie. Er erfüllt sie, weil er ihren eigentlichen Sinn, weil er den ursprünglichen Willen Gottes neu zum Leuchten bringt. Es gilt nicht mehr äußere Gesetzesgerechtigkeit, sondern die innere Annahme dessen, was Gott mit dem Gesetz will. So ist das Neue, das er bringt, nicht das völlig Andere, sondern die Vollendung des Alten. Gesetz und Propheten waren vorläufig, in Jesus Christus ist das Neue in Erfüllung gegangen.
Oft aber bleiben wir noch im Alten stecken: wenn z.B. über uns jemand abfällig spricht und wir schauen ihn nicht mehr an. Ist das nicht das Prinzip "Aug' um Aug'"? Wenn ihr nur die grüßt, die euch grüßen, welchen Lohn ...? Auch die Medien sind heute für viele eine Verlockung zu einem persönlichen, politischen und sogar innerkirchlichen Kampf. Wenn du mich anklägst in den Medien, dann klage ich dich auch an! "Zahn um Zahn....?".
Jesus erfüllte also das Gesetz und die Propheten. "Ich bin nicht gekommen um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein." Und wenn 90% der Gesellschaft eine andere Meinung vertreten, dürfen wir auch nicht den kleinsten Buchstaben von der Weisung Christi abweichen!
"Lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe." Das ist ein Auftrag besonders an uns Priester. Immer wieder muß ich mich selber fragen und auch korrigieren: Predige ich auch alles gemäß dem Auftrag des Herrn? Kommen heute manche ernste, "harte" Wahrheiten bei der Verkündigung nicht zu kurz? Oder werden sie sogar ganz verschwiegen? Und dazu gehört eben auch der Teil der Bergpredigt, die doch das Lehrprogramm Jesu enthält: "Wenn deine Hand oder dein Fuß ... dein Auge zum Ärgernis wird, dann ..."
Ja, das sind harte Worte! Was meint Jesus damit?
Jesus will, daß wir treu die Gebote Gottes halten, die Versuchungen strikte meiden, die Bergpredigt ernst nehmen. "Ich aber sage euch." Jesus meint damit, wir sollen in der Freiheit der Liebe auch die kleinen Dinge ernst nehmen.
Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt ...! Wer im Kleinen treu ist, wird es auch im Großen sein.
"Wer die Gebote aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich." Das ist das Entscheidende. Das Tun steht voran, es ist als erstes zu betonen. Wer als Verkünder und Lehrer der Gläubigen berufen ist, muß selber die Gebote halten, muß es selber zuerst tun, sonst wirkt er nicht nur unglaubwürdig, sondern es kann sogar das Gegenteil eintreten. Seine Verkündigung war nicht nur umsonst, sondern destruktiv. Möge dies jedem Verkünder immer wieder bewußt sein!
Beten Sie, liebe Gläubige,
auch für die Priester, daß sie in Wahrheit treue und glaubwürdige
Verkünder des Wortes sind, besonders auch durch die Tat. Amen.