Predigt:
Wer mich sieht, sieht den Vater
5. Sonntag der Osterzeit A (22.05.2011)
L1: Apg 6,1-7; L2: 1 Petr 2,4-9; Ev: Joh 14,1-12
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Jesus Christus zeigt uns im heutigen Evangelium, dass er ganz eins ist mit seinem himmlischen Vater. So kann er sagen: „Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.“
In Jesus Christus ist der Vater zugegen; er scheint gleichsam durch ihn hindurch und leuchtet uns in ihm auf. Jesus ist vollkommen offen für seinen himmlischen Vater, der ihn im Heiligen Geist in die Welt gesandt hat.
Was bedeuten die Worte Jesu für uns? Wir leben ja nicht in derselben geschichtlichen Zeit wie Jesus. So scheint es, als ob wir in gewisser Weise weiter entfernt sind von ihm als die Apostel und die übrigen Jünger Jesu. Ist das tatsächlich wahr?
Nein! Denn im Glauben haben wir Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus; wir begegnen wirklich dem lebendigen Gott. Der Glaube öffnet uns für die transzendente Wirklichkeit. Der Glaube an Jesus Christus ist nicht bloß eine subjektive Erfahrung, die mit verschiedenen Ideen und Vorstellungen oder gar Phantasien angefüllt werden kann. Der Glaube ist etwas Objektives und hat mit Wahrheit zu tun! Jesus selbst sagt uns, dass er „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist; „niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
Die Gemeinschaft mit Jesus Christus dem Herrn wird uns aufgeschlossen und ermöglicht in der Gemeinschaft der Kirche. Wir haben teil am Glauben der Kirche. Glauben kann man nicht auf private Weise, nicht bloß als einzelner. Wenn jemand aus der Kirche austritt und sagt: „Ich bleibe Christ und glaube weiterhin“, so lebt er im Widerspruch. Denn er hat ja diesen christlichen Glauben von der Kirche empfangen! Den ersten Christen war diese Einheit in der Glaubensgemeinschaft der Kirche sehr wichtig. Sie versammelten sich in ihren Häusern, hörten das Wort Gottes und feierten die heilige Eucharistie. Dabei waren sie verbunden mit den anderen christlichen Gemeinden, eben mit der ganzen Kirche. Es gab und gibt eine Einheit der allumfassenden, eben „katholischen“ Kirche in allen einzelnen Gemeinden oder Kirchen vor Ort. Der Heilige Geist garantiert, dass die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden und ihrer Hirten in der Wahrheit Christi bleibt.
So können wir sagen: Im Glauben begegnen wir wirklich dem lebendigen Herrn Jesus Christus, der von den Toten erstanden ist. In seinem Wort und in seinem Sakrament ist er bei uns; es ist eine ganz persönliche und zugleich gemeinschaftsbildende und Menschen verbindende Gegenwart, die er uns schenkt. Wir sind untereinander eins im geheimnisvollen Leib Christi, der die Kirche ist.
Wir wollen dem Herrn dankbar sein; er ist uns vorausgegangen zu seinem himmlischen Vater und bereitet uns dort eine ewige Wohnung. Für jeden von uns ist dort Platz, wenn wir nur Ja sagen zum Plan der Liebe, den Gott mit uns vorhat! Amen
