Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit
(25. April 1999, Lesejahr A)

L 1: Apg 2,14a.36-41; L 2: 1 Petr 2,20b-25; Ev: Joh 1,1-10



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wenn Sie vielleicht selber Kinder haben, dann wissen Sie, wie wichtig es für ein kleines Kind ist, daß sich ihm die Eltern liebevoll zuwenden. Das Kind braucht die Erfahrung der Liebe und Geborgenheit, die ihm die Eltern schenken. Der Mensch muß am Anfang seines Lebens Liebe empfangen, um fähig zu werden, auch selber Liebe schenken zu können. Wer nicht geliebt wird, kann auch selber nicht andere lieben!

Der heutige Sonntag soll uns dies neu bewußt machen: Als Menschen können wir uns nur entfalten, wenn wir in einer Atmosphäre der Geborgenheit und Liebe, des Angenommenseins aufwachsen. Der letzte Grund für dieses Angenommensein liegt bei Gott, dem Schöpfer. Er ist der Urquell aller wahren Liebe! Und da sagt uns der Glaube: Gott hat uns alle ganz persönlich beim Namen gerufen. Er hat uns - jeden so, wie er ist - angenommen. Wir sind aus Liebe erwählt und zur Liebe berufen!

"Berufung": Dieses Wort sehen viele heute zu isoliert nur auf die sog. "geistlichen Berufe" bezogen. In Wirklichkeit ist jeder Mensch ein von Gott zur Liebe Berufener. Gott ruft uns alle beim Namen, ganz persönlich. Er hat mit einem jeden von uns etwas vor. Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Lebensgeschichte und Lebensaufgabe. Nichts geschieht zufällig, alles hat seine Ordnung im ewigen Liebesplan Gottes. Das Wort "Berufung" weist uns aber zugleich darauf hin, daß wir eine Antwort geben sollen. Der Ruf Gottes an uns darf nicht ungehört bleiben. Gott erwartet sich unser freies Ja der Liebe auf seinen Anruf. Die eigentliche Lebensaufgabe eines jeden Menschen wird es sein, diesen persönlichen Anruf Gottes an ihn zu entdecken und zu verwirklichen.

Auf diesem Hintergrund wollen wir uns den "geistlichen Berufen" zuwenden, da heute der Weltgebetstag der geistlichen Berufe ist. Es ist der eine und derselbe Herr, der in der Kirche zum Stand der Ehe beruft oder zu einer wichtigen Berufsaufgabe als Alleinstehender oder zu einem Leben in der besonderen Christusnachfolge als Priester, Ordensbruder oder Ordensschwester. Zeichenhaft halten die "geistlichen Berufe" das Bewußtsein dafür wach, daß es noch mehr gibt als dieses irdische Leben. Wer einen geistlichen Beruf ergreift, tut dies auf Hoffnung hin, um des ewigen Lebens willen. Nicht wegen irdischer Vorteile darf jemand Priester werden, sondern deshalb weil Jesus, der gute Hirte, ihn beruft, den Menschen zu dienen. Es geht um eine ausschließliche Verfügbarkeit für Gott und sein Reich. Auch wenn ein Mensch dafür auf wichtige und wertvolle Dinge in seinem Leben verzichten muß (Familie, Unabhängigkeit, Reichtum), so gewinnt er doch mehr, als er gibt. Denn Gott ist immer größer als unser Herz.

Maßstab und Vorbild für jedes christliche Leben bleibt immer unser Herr Jesus Christus. Ihm müssen wir nachfolgen. Dies haben die Heiligen begriffen. So viele hat es gegeben, in allen Lebensständen. Sie haben ihren persönlichen Lebensweg als Berufung zur Liebe begriffen und sind Jesus nachgefolgt. In der Kirche sehen Sie rückwärts die neu renovierte Statue der heiligen Therese von Lisieux, genannt Therese vom Kinde Jesu. Diese Heilige war Karmelitin und ist bereits mit 24 Jahren gestorben. Ihr verborgenes Leben des Gebetes und der Hingabe verstand sie als eine besondere Form, die Berufung zur Liebe im Herzen der Kirche zu verwirklichen.

Beten wir darum, daß Gott gerade den jungen Menschen - vor allem den Firmkandidaten - beisteht in der Wahl ihres Lebensstandes und Berufes. Helfen wir mit durch unsere liebevolle Begleitung, daß diese Jugendlichen spüren: Gott nimmt mich an. Er schenkt mir mein Leben, damit ich daraus mit seiner Hilfe ein Lob werden lasse für seine Größe und Herrlichkeit. Und bitten wir die Heiligen um ihre Fürsprache. In ganz hervorragender Weise wird die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria uns dabei helfen, die eigene Berufung besser zu entdecken und zu leben. Amen.
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at