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Predigt:

Wachsamkeit für den Herrn

33. Sonntag im Jahreskreis A (16.11.2008)

L1: Spr 31,10-13.19-20.30-31; L2: 1 Thess 5,1-6; Ev: Mt 25,14-30


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Die Wachsamkeit ist sowohl eine menschliche als auch eine christliche Tugend. Psychologisch spricht man von der Aufmerksamkeit und auch vom Wachbewusstsein. Wer unaufmerksam ist, ist nicht bei der Sache. Er ist abgelenkt durch anderes oder er ist vielleicht überhaupt nicht wach: er schläft oder träumt …

Schon für die normale Lebensführung ist es von großer Wichtigkeit, wachen Sinnes zu sein, wenn wichtige Entscheidungen anstehen oder erhöhte Aufmerksamkeit gefordert ist. Denken wir nur an die Notwendigkeit der Konzentration im Straßenverkehr; wie leicht können uns da Übermüdung oder Stress oder auch der Einfluss von Alkohol, Medikamenten oder gar Drogen beeinträchtigen!

Als Christen soll uns eine besondere Wachsamkeit auszeichnen. Es handelt sich um eine Erwartungshaltung, die auf das Kommen des Herrn ausgerichtet ist. Wir glauben an das sichtbare Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus am Ende der Tage, zum Weltgericht. Wir glauben aber auch daran, dass für jeden von uns in der Todesstunde, die niemand im voraus kennt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir hintreten werden vor den Herrn, um Rechenschaft abzulegen für unser Leben. Dann wird jeder für das, was er mit den ihm von Gott verliehenen Gaben getan hat – Gutes oder Böses –, Rede und Antwort stehen müssen vor Gott dem Richter der Lebenden und der Toten, der zugleich unendlich barmherzig und auch unendlich gerecht ist.

Sollen wir uns fürchten? Wäre es richtig, sich so zu verhalten wie jener Diener, der ein einziges Talent erhalten hatte, es aber in der Erde vergrub, weil er Angst hatte und seinen Herrn als „strengen Mann“ ansah? Solche Angst würde uns niederdrücken und uns im Guten lähmen; sie wäre deprimierend und würde verhindern, dass wir zu Gott in Liebe und Vertrauen aufschauen.

Nein! Vielmehr ist Gottvertrauen gefragt und Dankbarkeit für seine Gaben, die er uns geschenkt hat und mit denen wir wie mit Talenten gleichsam „wirtschaften“ sollen – jeder, so gut er es vermag! Wo sich das Herz des Menschen in Glaube, Hoffnung und Liebe Gott zuwendet, da wird auf Dauer auch die gute Frucht im Leben nicht ausbleiben. Die uns geschenkten Talente werden sich auf diese Weise vermehren, sodass wir jederzeit bereit sind für die Ankunft des Herrn.

Die Wachsamkeit des Christen zeigt sich also im freudigen Erwarten des Herrn, der kommt, und im Mitwirken mit seiner Gnade, so lange es noch Zeit ist. Dort, wo jemand nicht mehr nach außen hin wirken kann, weil er krank oder gebrechlich ist, ist gerade auch das geduldig ertragene Leid und die hoffnungsvolle Ergebenheit in Gottes Willen eine großartige Weise, um geistlich Frucht zu bringen.

Als „Söhne des Lichtes und Söhne des Tages“ gehören wir, wie der Apostel schreibt, „nicht der Nacht und nicht der Finsternis“. Wir wollen darum „nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein“, um so den Herrn zu erwarten.

Das Ziel des menschlichen Lebens ist das Eingehen in die Freude des Herrn, ins Himmelreich. Mit der im Evangelium angesprochenen Alternative, dass der „nichtsnutzige Diener“ hinaus geworfen wird „in die äußerste Finsternis“, wo „er heulen und mit den Zähnen knirschen“ wird, will uns Gott nicht Angst machen, sondern er weist uns auf den Ernst unserer Lebensentscheidung hin. Die wahre Gottesfurcht zeigt sich als liebende Ehrfurcht und als Ernstnehmen der Gebote Gottes. Wer sein Leben hingegen mit Nichtigkeiten vertut, der betrügt sich selbst und ist letztlich nicht bereit für den Herrn.

Beten wir für alle Menschen, die Gott der Herr in diesen Tagen zu sich ruft! Wir empfehlen seiner Gnade und Barmherzigkeit alle bereits Heimgegangenen. Sie mögen auf die Fürbitte der Gottesmutter Maria und aller Heiligen das Heil empfangen und ausruhen von ihren Mühen. Gott wird ihr Licht sein, und es wird keine Nacht mehr geben. Ewiger Friede und unverlierbare Freude werden sie erfüllen. Amen.