Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis
14. November 1999, Lesejahr A

L 1: Spr 31,10-13.19-20.30-31; L 2: 1 Thess 5,1-6; Ev: Mt 25,14-30

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wenn wir schon einige Zeit im Leben stehen, dann haben wir bereits viele Menschen und somit auch viele Schicksale kennengelernt. Und da können wir immer wieder beobachten: Die Menschen sind unterschiedlich. Verschieden sind die Voraussetzungen, die sie mitbringen hinsichtlich körperlicher Ausstattung und Gesundheit, hinsichtlich intellektueller, praktischer, künstlerischer und musischer Begabung und wohl auch bezüglich des besonderen Charismas ihres Herzens, gemäß dem sie aufgerufen sind, in ihrem Lebensstand das Gute zu tun und Gott und den Menschen zu dienen. Unwillkürlich werden wir da an die Talente erinnert, von denen der Herr im Gleichnis des Evangeliums spricht!

Verschieden ist auch die Weise, wie Menschen mit den empfangenen Gaben umgehen. Da gibt es solche, die Erfolg haben in den verschiedensten Bereichen. Anscheinend gelingt ihnen das Leben. Freilich werden wir als Christen sagen müssen: Wenn das Leben nur in einem Teilbereich gelingt, so ist das zu wenig. Es reicht nicht, daß jemand z.B. ein ausgezeichneter Musiker ist, aber im mitmenschlichen Bereich und in der christlichen Nächstenliebe völlig versagt. Das Ziel des Lebens muß eine umfassende menschliche und auch christliche Reife sein.

Umgekehrt erleben wir Menschen, die viel Unglück erleiden. Es gibt solche, wo wir den Eindruck haben, sie haben es sich selber "eingebrockt" und sich zu wenig bemüht, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken und es zu ordnen. Doch seien wir vorsichtig mit dem Urteil! Wir wissen ja nicht, was in den Herzen der Menschen vorgeht, wie sehr sie vielleicht erblich belastet sind und was sie von ihrer Umwelt an negativen Prägungen mitbekommen haben. Wenn wir schon Negativbeispiele suchen wollen, dann sollen wir vor der eigenen Tür kehren, sozusagen den Balken vor dem eigenen Kopf sehen, bevor wir den Splitter im Auge des Bruders oder der Schwester finden!

Jesus Christus erwartet nach dem heutigen Gleichnis von den Talenten und ihrer rechten Verwaltung nicht, daß wir auf andere blicken und ihnen Vorwürfe machen. Unser eigenes Leben gilt es im Lichte der Gnade Gottes zu erforschen: Welche Gaben und Gnaden haben ich empfangen im Leben? Bin ich mir überhaupt all des Großen ausreichend bewußt, das mir Gott der Herr schon geschenkt hat? Oder jammere und nörgle ich ständig und übersehe dabei das viele Gute im Großen und Kleinen, das täglich geschieht und auch mir immer wieder neu geschenkt wird?

Dann aber können wir auch fragen, wo wir vielleicht zurückgeblieben sind in unserem bisherigen Leben gegenüber dem ständigen Anspruch der Liebe zu Gott und zum Nächsten und wo wir daher um Vergebung der Schuld bitten müssen. Wo liegen unsere Schwachpunkte, in denen wir öfter oder gar täglich versagen? Aber auch umgekehrt dürfen wir fragen: Was gelingt mir besonders gut, wo sind meine Stärken im Guten, die ich weiter ausbauen und fördern soll, zum Wohl der Mitmenschen, zu meiner eigenen Freude und vor allem zum Lob und zur Ehre Gottes?

Der eine Diener, der sein Talent aus Angst vor der Strenge des Herrn versteckt hatte und seine Hände in den Schoß legte, hat vor allem eines übersehen: Das Leben ist ständiger Aufruf zum Besseren. Nie darf es den Stillstand im guten Bemühen geben. Das Leben, das uns Gott geschenkt hat, ist in ständiger Dynamik - in kraftvoller Bewegung - auf ein Ziel hin, das außerhalb unseres Erdendaseins liegt: die ewige Seligkeit des Reiches Gottes im Himmel.  Doch daran gewinnen wir nicht dadurch Anteil, daß wir wie im Schlaraffenland warten, bis uns die "gebratenen Tauben" von selber in den Mund fliegen. Gott möchte, daß wir wirken mit seinen Gaben, die er uns gegeben hat. Nicht der ist der Demütige und Heilige, der die Hände in den Schoß legt und mit frommem Augenaufschlag sagt: "Alles, o Gott, hängt allein von Dir ab!", sondern der Mutige und Glaubensfrohe handelt richtig, der aus Dankbarkeit für die empfangenen Gaben von Herzen bereit ist, sie einzusetzen für das Reich Gottes!

Die Feigheit und Untätigkeit vieler sogenannter Guter ist eines der größten Hindernisse für die Ausbreitung des Evangeliums und die christliche Gestaltung der Welt durch das Zeugnis des Apostolats! Nicht das kleinlich-ängstliche Herumrechnen ("Wie werde ich gerade noch gerettet?") führt zum Ziel, sonders das frohe Wagnis des Glaubens, wo der Mensch sich selber gleichsam vergißt, indem er in der Liebe hinblickt auf den anderen und vor allem auf Gott, der unser Heil und die bleibende Erfüllung ist. Unmöglich läßt sich Gott an Großzügigkeit von uns übertreffen!

Gehen wir daher aufmerksam durch das Leben, in einer ständigen Wachsamkeit und Bereitschaft, das Gute dort zu tun, wo wir es vermögen! Folgen wir den Spuren der Heiligen. Sie haben ihre je eigene Berufung gelebt und so Frucht gebracht in Glaube und Liebe. Bitten wir die Königin aller Heiligen, die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, um jenen Mut, der aus dem Glauben kommt. Dann werden wir uns in guten und in bösen Tagen bewähren und mit Gottes Hilfe Großes wirken dürfen. Der Lohn, den uns der Herr dann einmal schenken wird, ist über alle Maßen herrlich. Denn unbeschreiblich und unerschöpflich ist die Liebe Gottes, der wir treu sein wollen im Leben und im Sterben! Amen.


SANKT JOSEF - www.stjosef.at