Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigtimpuls für den 17. November 1996

Lesejahr A, 33. Sonntag im Jahreskreis.
L 1: Spr 31,10-13.19-20.30-31; L 2: 1 Thess 5,1-6; Ev: Mt 25,14-30



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


Das Gleichnis Jesu von den Talenten, die ein Mann, der auf Reisen ging, seinen Knechten übergab, ist uns wahrscheinlich wohlbekannt. Sie sollten die Talente, d.h. das Vermögen ihres Herrn, einsetzen und damit wirtschaften. Jeder mußte einen möglichst großen Zuwachs an Kapital erzielen. Gibt das heutige Gleichnis also eine Pauschalrechtfertigung des freien Marktes und des schrankenlosen Unternehmertums? Wer dies herauslesen wollte, würde die Worte Jesu mißdeuten.

Es geht um etwas anderes: Die Erzählung vom Herrn und seinen Knechten ist nur die Bildseite für eine tiefere Wirklichkeit, die das Geheimnis des Reiches Gottes betrifft.

Gott ist der Herr, der uns als seinen Dienern viele Talente übergeben hat. Talent heißt ja in unserem Sprachgebrauch nicht mehr eine Geldmenge, sondern eine hervorragende positive Eigenschaft oder Begabung, die einem im Leben nützlich sein kann.

Die Ungleichheit der Talente entspricht der Erfahrung unseres Lebens. Nicht jeder hat die gleichen Gaben von Gott empfangen, nicht jeder hat gleich viel empfangen. Aber es gibt auch keinen, der nichts empfangen hätte, um es im Leben einsetzen zu können.

Jesu Gleichnis richtet sich gegen all diejenigen, die meinen, sie bräuchten nur die Hände in den Schoß legen und das Reich Gottes würde ihnen zufallen, wie einem im Schlaraffenland gebratene Tauben in den Mund fliegen. Freilich: Die Initiative geht von Gott aus. Zuerst sind wir immer die Beschenkten. Dann aber liegt es an uns, ob wir mit den uns verliehenen Gaben arbeiten wollen oder nicht. Eines wäre auf jeden Fall falsch: Aus übergroßer Angst vor Gott zu resignieren und das Talent vergraben.

Sind heutzutage nicht auch gläubige Menschen in der Gefahr, allzu schnell aufzugeben? Sie nehmen den traurigen Zustand der Welt wahr, bejammern ihr Elend und das anderer, tun aber nur wenig oder gar nichts dagegen. Es nütze ohnehin nichts, sagen sie. Dabei fürchten sie sich vielleicht noch vor dem kommenden Gericht Gottes.

Diese Art von Angst ist fruchtlos und nutzlos, sagt Jesus durch das Gleichnis. Wir sollen durch die Vorstellung von Gott als dem gerechten Richter nicht in unserem Tun und Wirken gelähmt werden. Nein, im Gegenteil! Gerade das Wissen um die uns verliehenen Gaben und Gnaden spornt uns an, sie mit Eifer einzusetzen im Dienst für Gott und die Mitmenschen!

Es kommt nicht darauf an auszurechnen, wieviel wir am Ende haben werden. Wichtig ist es, das uns anvertraute Gut zu bewahren und zu vermehren, indem wir es in unserem Leben zur Entfaltung bringen.

Eine wichtige Rolle spielt bei dieser Auffindung und Fruchtbarmachung der uns übergebenen Talente die Frage nach der Lebensberufung. Wer zum Ehestand berufen ist, wird hier gemeinsam mit seinem Partner und den Kindern für das Reich Gottes Großes wirken können. Wer ehelos lebt, kann in anderer, nämlich in geistiger Weise Vater- und Mutterschaft leben.

Dort wo uns Gott hingestellt hat, werden wir gebraucht. Der eine muß im Betrieb seinen Mann stellen. Eine andere ist in einem sozialen Beruf tätig. All unser Tun geschehe zur Ehre Gottes. Wer Gott alles übergibt, den wird der Herr einst über alle Maßen reich beschenken!

Amen.


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