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Predigt:

32. Sonntag im Jahreskreis A (10.11.2002)

L1: Weish 6,12-16; L2: 1 Thess 4,13-18; Ev: Mt 25,1-13


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Manchmal hat man den Eindruck: Was zählt im Leben, das ist ausschließlich das Wissen. Gefragt ist Spezialwissen für diesen oder jenen Bereich. Da sich aber der Stand der Forschung und Entwicklung ständig verändert, ist Weiterbildung gefragt. In vielen Lebensbereichen – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – zählt das Expertenwissen; manche sprechen bereits von „Expertokratie“, der Herrschaft der Experten und Spezialisten.

Wenn wir auf dem Hintergrund des vielen Wissens, das die Menschheit in Jahrtausenden angesammelt hat und das sie in gewisser Weise sehr weit gebracht hat, die heutige Lesung aus dem Buch der Weisheit betrachten, dann sind wir herausgefordert. Viel wissen heißt nämlich noch lange nicht weise sein. Sich auskennen in allen möglichen Lebensbereichen heißt noch nicht den Überblick haben über das, was wirklich wesentlich ist und zählt.

Die Heilige Schrift ruft uns schon im Alten Testament dazu auf, die Weisheit zu suchen, nach ihr aus ganzem Herzen zu verlangen. Sie ist kostbarer als vieles andere, als jede Art von materiellem Besitz, als Ansehen und Ehre vor den Menschen. Die Weisheit wird als Gottesgabe gesehen, die uns zu Freunden Gottes macht. Darum heißt es: „Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit.“

Ja gewiß, wir können uns eine Vorstellung davon machen, was weise sein bedeutet. Weise sind Menschen, die durch die Lebenserfahrung gereift sind, die erkannt haben, was bleibend ist und was vergänglich ist. Weise sind Menschen, die dafür einstehen, daß nicht Geld, Ansehen oder Macht zählt, sondern der Mensch als solcher. Sie treten ein für die Würde des Menschen, für sein Recht auf Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Weise Menschen blicken weiter als nur auf die Zeit des irdischen Lebens. Sie treten in ihrem Sinnen und Trachten gleichsam über die Schwelle des Todes hinaus und halten die Hoffnung auf ein Leben im Jenseits wach.

Worin aber besteht die wahre Weisheit? Kann sich der Mensch diese von selbst erwerben und verdienen? Die Heilige Schrift sagt uns, daß wir uns zwar vorbereiten können für die wirkliche Weisheit, die mehr ist als die Fülle des Wissens, daß uns die Weisheit aber letztlich als Geschenk Gottes zuteil werden muß. Im Alten Testament wird die Weisheit personifiziert. Im Licht des Neuen Testaments erkennen wir, daß Jesus Christus die menschgewordene Weisheit Gottes ist. Er ist das Licht, das alle Menschen erleuchtet. Wer ihm nachfolgt, der wandelt nicht im Finstern. Gerade solche Menschen, die in den Augen der Welt klug sind, sind vor Gott vielleicht töricht, weil ihnen die wahre Weisheit fehlt. Unmündige und Unbedarfte, die Kleinen und Verachteten dieser Welt können höchst weise sein, wenn sie im Glauben annehmen, was Gott uns mitgeteilt hat und uns durch seine heilige Kirche zu glauben lehrt!

Wahre Weisheit ist es auch, allezeit bereit zu sein für das Kommen des Herrn. Die klugen Jungfrauen im Evangelium zeigen uns, daß wir unser Leben nicht aufs Spiel setzen dürfen, sondern in einer Haltung der Wachsamkeit für den Ruf Gottes unser Leben verbringen sollen. Niemand weiß den Tag und die Stunde, wann sein irdisches Leben endet und er abberufen wird in Gottes Ewigkeit.

Auch die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria wird in eine Beziehung gesetzt zur Weisheit. Sie ist ja die Mutter des menschgewordenen Wortes Gottes. Deshalb wird sie in der Litanei auch angerufen als „Sitz der Weisheit“. Wer sie um die Erkenntnis des göttlichen Willens bittet, den wird sie durch ihre mütterliche Fürsprache zu Gott führen, zur ewigen Weisheit.

Liebe Gläubige! Wäre das nicht ein Ausweg in der oft so spürbar erlebten Not unserer Zeit? Die Menschheit braucht nicht in erster Linie mehr Wissen, denn dieses kann auch mißbraucht werden, sondern mehr Weisheit! Rein menschliche Weisheit aber ist zu wenig, wenn die Perspektive des Glaubens fehlt. Der Glaube erleuchtet unser Denken und lenkt es hin auf die wesentlichen Werte unseres Menschseins. Gottes Wort kann uns Orientierung geben.

Vielleicht sollten wir mehr beten um den „Geist der Weisheit und des Verstandes“. Denn es ist Gottes Heiliger Geist, der die Herzen erleuchtet und zum Guten antreibt. Der Geist Gottes erforscht das Innere des Menschen, er kennt unser Herz und lenkt unsere Wünsche auf Gott hin. Wenn wir uns vom Geist Gottes leiten lassen, dann werden wir innerlich froh und frei. Wir spüren dann, daß wir nicht allein sind und wir in diesem vergänglichen Leben einen bleibenden Stand im Ewigen haben. Denn wahrhaft groß ist der Mensch. Wunderbar hat Gott ihn geschaffen und zum Höchsten bestimmt: dazu daß wir teilhaben an der göttlichen Natur, daß wir Kinder Gottes heißen und es wahrhaft sind. Darin liegt die wahre Weisheit des Lebens und die Hoffnung auf ewige Vollendung! Amen