Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis
7. November 1999, Lesejahr A

L 1: Weish 6,12-16; L 2: 1 Thess 4,13-18; Ev: Mt 25,1-13

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Anschaulich und drastisch wird uns im Beispiel der fünf klugen und der fünf törichten Jungfrauen vor Augen geführt, wie wichtig es ist, allezeit bereit zu sein für das Kommen des Herrn. Die ersten Christen waren voll Sehnsucht nach der Wiederkunft des Herrn. Sie rechneten jeden Augenblick damit. Als die Kirche sich dann im Lauf der Geschichte auch äußerlich festigte und man sich gut in dieser Welt einzurichten begann, da scheint es, als ob bei vielen Christen dieser ursprüngliche Schwung verlorengegangen wäre. Während die ersten Christen beteten: "Maran atha" (Komm, Herr Jesus!), so möchten manche vielleicht heute gern beten: "Herr, komm noch lange nicht, uns gefällt es so gut hier auf Erden!"

Diese letzten Sonntage des Kirchenjahres rufen uns jedes Jahr in Erinnerung, daß unser persönliches Leben wie auch die Welt und ihre Geschichte einem Ende entgegengehen. Dieses Ende ist freilich nicht als Zerstörung und Vernichtung zu denken - so als ob es danach einfach nichts mehr gäbe -, sondern für all jene, die an Gott glauben und mit ihm in Liebe verbunden sind, als Vollendung. Ja gewiß, wir denken da auch an das Gericht und an die endgültige Scheidung der Menschen, die Gott selber vornehmen wird gemäß seinem allwissenden Urteil und der unfehlbaren Kenntnis des Herzens eines jeden von uns - und das mag uns manchmal mit einer gewissen Furcht erfüllen. Denn wer von uns ist so selbstsicher, daß er sich einreden kann: "Mir kann nichts passieren. Ich bin sowieso heilig und gerecht"? Es wäre Torheit, so etwas behaupten zu wollen. Mit dem Apostel Paulus (1 Kor 4,4 f) wollen wir vielmehr sagen: "Ich bin mir zwar keiner Schuld bewußt, doch bin ich dadurch noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der mich zur Rechenschaft zieht. Richtet also nicht vor der Zeit; wartet, bis der Herr kommt, der das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken wird. Dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten."

Umgekehrt möchte uns das Evangelium auch nicht einfach Angst einjagen. Diese heilsame Furcht, die uns vielleicht bei einer Perikope wie der heutigen erfüllt, soll uns vielmehr anspornen zu Liebe und Vertrauen und ermutigen zu jenem Ganzeinsatz unseres Lebens, den Gott von uns erwartet. Denn was vor allem zu tadeln ist an den fünf törichten Jungfrauen, das ist ihre halbherzige Bereitschaft. Einerseits gehen sie dem Bräutigam entgegen, und das ist gut so. Doch andererseits sind sie viel zu schlecht ausgerüstet. Was nützen die Lampen ohne genügend Öl in den Krügen? Die klugen Jungfrauen hingegen nehmen außer den Lampen auch noch Öl in Krügen mit. Sie denken weiter, weil sie mit ganzem Herzen auf die Ankunft des Bräutigams warten.

So soll auch unser Einsatz für Gott ein ganzer sein, egal in welchem Beruf wir stehen und welche Lebensaufgabe wir haben. So gut wir es vermögen, wollen wir Gott jeden Tag die Liebe unseres Herzens schenken. Wir wollen ihm alles schenken und nichts für uns selber zurückbehalten. Wenn wir das tun, dann sind wir wirklich allezeit bereit. Dann dürfen wir auch hoffen, vom Herrn bei seinem Kommen in Frieden angetroffen zu werden.

All jene, die uns vorausgegangen sind im Glauben und die von Gott heimgerufen worden sind aus diesem Leben, sind dem Herrn bereits begegnet. In diesen Tagen beten wir für alle Verstorbenen. Möge Gott ergänzen, was ihnen vielleicht noch gefehlt hat in ihrem Leben an wahrer Gottes- und Nächstenliebe. Wir wollen sie der Barmherzigkeit Gottes empfehlen.

Für uns Lebende aber ist jeder Augenblick wichtig. In der jeweiligen Gegenwart begegnet uns Gott. Er ruft uns zu jeder Stunde unseres Lebens. Und einmal wird die gegenwärtige Stunde die letzte sein. Dann hoffen auch wir, aufgenommen zu werden in seine Herrlichkeit, wo wir Gott schauen und in der Gemeinschaft der Engel und Heiligen lobpreisen werden. Gott hat uns wahrhaft Großes bereitet. Selig jene, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind! Amen.


SANKT JOSEF - www.stjosef.at