Predigt:
31. Sonntag im Jahreskreis A (03.11.2002)
L1: Mal 1,14b-2,2b.8-10; L2: 1 Thess 2,7b-9.13; Ev: Mt 23,1-12
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Warum kommen wir Sonntag für Sonntag in der Kirche zusammen? Ist es die gewiß sehr wertvolle und wichtige menschliche Gemeinschaft, die wir suchen, oder folgen wir in erster Linie dem Ruf Gottes, der uns einlädt zur Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi auf dem Altar? Das Wort „Kirche“ hat ja einen mehrfachen Sinn und bezeichnet außer dem Gebäude auch die von Gott zusammengerufene Gemeinde, die Versammlung der Glaubenden also. Hier muß uns klar sein, daß nicht wir selbst den Anfang gemacht haben, sondern daß Gott uns zusammengerufen hat!
Der Apostel Paulus hat das sehr schön ausgedrückt, wenn er im ersten Brief an die Thessalonicher schreibt, daß seine Zuhörer das Wort, das er verkündet hat, wirklich als Gottes Wort und nicht als Menschenwort aufgenommen hätten. Es muß uns bewußt sein, daß es letztlich Gott selber ist, der zu uns spricht. Wir Menschen sind nicht allein gelassen im großen Universum von Milliarden Lichtjahren, sondern ganz gezielt hat Gott zu den Menschen gesprochen, indem er ihnen seinen Sohn gesandt hat, das göttliche Wort. Es ist Jesus Christus, die zweite göttliche Person, die Mensch geworden ist und uns die Botschaft der Liebe Gottes verkündet hat. Auf dieses Wort des Vaters wollen wir hören und im Heiligen Geist daran glauben, damit wir das Leben haben!
Wo aber finden wir das Wort Gottes? Wo spricht uns Gott ganz persönlich an? Zuerst und ursprünglich spricht Gott im Herzen eines jeden Menschen; denn zuinnerst ist der lebendige Gott gegenwärtig im Gewissen als dem verborgenen Heiligtum. Immer dann, wenn uns das Gewissen das Gute, Wahre und Schöne vorstellt und uns dazu bewegt, in unserem Leben das Gute zu tun und die Wahrheit zu suchen, spricht Gott zu uns. Das Gewissen ist gleichsam das Echo der Stimme Gottes in uns!
Freilich braucht dieses Gewissen auch Orientierung und Bildung. Hier sind es besonders Menschen, denen wir vertrauen, die mit uns in Liebe und Wertschätzung verbunden sind, die uns helfen können, die wirkliche Stimme des Gewissens von anderen Einflüssen zu unterscheiden. Gute Eltern haben hier eine sehr wichtige Aufgabe, das Gewissen ihrer Kinder zu schulen und zu bilden. Sie müssen das rechte Maß finden zwischen notwendiger Orientierung und Freiheit der eigenen Lebensführung, die der junge Mensch zunehmend lernen muß.
In besonderer Weise hilft uns die Kirche, daß wir unser Gewissen auf Gott und sein Gebot der Gottes- und Nächstenliebe ausrichten. Dabei darf die Kirche nicht etwas lehren, was nicht durch das Wort der Offenbarung gedeckt wäre. Nicht Menschenwort, nicht menschliche Ansichten und Weisheiten gilt es zu verkünden, sondern im letzten immer nur Gottes Wort! Dieses Wort Gottes kann die Herzen auch heute treffen. Das erfahren immer wieder Menschen, wenn sie die Heilige Schrift lesen, wenn sie gemeinsam oder allein beten, wenn sie auf die hervorragenden Beispiele christlicher Vorbilder schauen – denken wir nur an vielen bereits kanonisierten Heiligen oder auch an die vor einigen Jahren verstorbene Mutter Theresa von Kalkutta. Hier wird wirklich das Wort Gottes Fleisch; hier wird das veranschaulicht, was Jesus Christus von uns verlangt, nämlich daß wir einander in Liebe dienen sollen und durch unser Leben Gott den Vater preisen.
Groß ist allerdings die Verantwortung der Prediger und Verkünder, der Religionslehrer und Katecheten, der Eltern und christlichen Erzieher! Das, was sie verkünden, müssen sie auch selber durch ihr Leben einlösen. Sonst sind sie nicht glaubwürdig. Auch hier ist uns der Apostel Paulus ein Vorbild, der keine persönliche Mühe gescheut hat, um das Wort Gottes den Menschen nahezubringen. Er hatte selber durch seine Bekehrung erkannt, daß Jesus Christus der einzige und wahre Erlöser der Menschen ist. Durch Kreuz und Auferstehung hat der Herr uns befreit von aller Last der Sünde und des Todes und uns so Hoffnung auf das ewige Leben gegeben. Wir sind nicht mehr der Last des jüdischen Gesetzes unterworfen, sondern frei, das Gute zu lieben und zu tun!
Etwas gilt es freilich zu bedenken: So wie Jesus Christus selber zum „Zeichen des Widerspruchs“ geworden ist, ist auch seine Kirche und jeder Verkünder des Glaubens irgendwie in diese Spannung und Auseinandersetzung hineingenommen. Es geht nicht an, sich nur die „Rosinen“ aus dem Evangelium herauszuholen und die weniger angenehmen Wahrheiten zu verschweigen. Gerade dort, wo die frohe Botschaft anspruchsvoll ist, wird uns wirklich die Teilnahme an der ewigen Freude und Seligkeit verheißen. Nicht von ungefähr schafft es gerade unser gegenwärtiger Heiliger Vater, Papst Johannes Paul II., immer wieder, die Jugend anzusprechen und auf die wahren Werte des Menschseins hinzulenken. Wir sollen keine Angst vor der Zukunft haben, sagt uns der Papst, denn Christus ist bei uns! Wenn wir unseren Herrn Jesus Christus eintreten lassen in unser Leben, dann entdecken wir die tiefsten Dimensionen des Menschseins, dann werden wir innerlich frei und können uns auch gegenseitig wirklich annehmen und beistehen. Erschienen ist uns ja wahrhaft die Güte und Menschenfreundlichkeit unserer Gottes!
Innerhalb der Kirche besteht eine grundlegende Gleichheit: Wir alle – ob Papst, Bischof, Priester oder einfacher Gläubiger – sind „Hörer des Wortes“. Auf Gott zu hören und ihm zu gehorchen ist uns allen aufgetragen. Niemand anders hat dies so gut vorgelebt als Maria, die Jungfrau und demütige Magd des Herrn. Sie war ganz Ohr für die Botschaft Gottes, die ihr der Engel verkündet hat. Sie bewahrte alles, was sie gehört hatte, in ihrem Herzen. Sie lädt auch uns dazu ein, über die Geheimnisse des Lebens Christi nachzudenken, über sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung. Dies geschieht besonders im Gebet des heiligen Rosenkranzes. Die heilige Gottesmutter Maria und alle Heiligen wollen uns ermutigen und dabei helfen, das Leben wieder neu in die Gegenwart Gottes zu stellen. Dann trägt uns die Hoffnung, daß Gott selber unsere Zukunft und ewige Vollendung sein wird! Amen
