Predigt am
31. Sonntag im Jahreskreis
31. Oktober
1999, Lesejahr A
L 1: Mal 1,14b-2,2b.8-10; L 2: 1 Thess 2,7b-9.13; Ev: Mt 23,1-12
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Es ist eine heikle und verfängliche Angelegenheit, wenn Menschen auftreten, die in sich das Bedürfnis oder gar die Sendung verspüren, andere zurechtzuweisen, zu mahnen und zu kritisieren. Diese Situation gibt es in den Familien, in den Arbeitsstätten und Betrieben, im politischen Raum und natürlich auch in der Kirche. Und wenn wir das unvoreingenommen betrachten, wird uns klar: Da gibt es Unterschiede, ob nämlich eine Kritik an Vorgesetzten, Gleichgestellten oder Untergebenen inhaltlich berechtigt ist oder nicht, und weiters, ob eine Kritik in der richtigen Form vorgebracht wird, sodaß niemandem dabei Unrecht getan wird.
Als Jesus sich an das Volk und seine Jünger wandte, um kritische Dinge über die Pharisäer und deren Lehrautorität bzw. Machtanspruch zu sagen, da war er sich dieser Schwierigkeiten sehr wohl bewußt. Zugleich hatte er die innere Freiheit, seine Botschaft so zu formulieren, daß sie sowohl der Situation der Menschen als auch ihrem anspruchsvollen Inhalt gerecht wurde. Der menschgewordene Sohn Gottes kennt die Herzen der Menschen, er durchschaut ihre Absichten und möchte allen das Heil bringen, die es sich von ihm schenken lassen. Seine Autorität ist eine Autorität der Liebe und der vollkommenen Gerechtigkeit. Bei ihm kann niemand sagen, es sei unangebracht, wenn er Urteile fällt auch über die innere Befindlichkeit von Menschen. Und doch sagt er von sich selber an anderer Stelle, er sei vor allem gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10). Niemanden verurteilt der Herr, sondern allen gibt er die Möglichkeit, auf sein Wort zu hören und sich zum lebendigen Gott zu bekehren, der unser himmlischer Vater ist.
Wie sieht nun die Kritik Jesu an den Schriftgelehrten und Pharisäern aus? Ruft er vielleicht gar offen zur Rebellion oder zum Aufstand gegen sie auf, wie dies manche Sektenführer vor und nach ihm taten? Keineswegs. Jesus anerkennt die Autorität der Schriftgelehrten, da sie tatsächlich "auf dem Stuhl des Mose" sitzen, d.h. mit seiner Lehrautorität ausgestattet sind, insofern sie das mosaische Gesetz weitergeben und erklären. Er fordert die Menschen sogar zum Gehorsam auf: "Tut und befolgt alles, was sie euch sagen." Aber zugleich sagt er zu den Jüngern und zum Volk: "Nach ihren Taten richtet euch nicht. Denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen."
Was Jesus anspricht, ist die persönliche Inanspruchnahme derer, die das Wort Gottes verkünden sollen: Es müssen bestimmte Dinge vertreten und eingefordert werden, die zugleich das eigene Leben betreffen. Wie leicht kann es da geschehen, daß der Verkünder dem in seinem Leben nicht nachkommt, was er den anderen als Botschaft des Glaubens und Lebens verkündet. Die Pharisäser haben dieses Auseinanderklaffen von Lehre und Leben auf die Spitze getrieben und gleichsam zum System gemacht. Darum werden sie von Jesus auch sehr deutlich kritisiert und vor den Folgen ihres Tuns gewarnt. Sie erwecken den Anschein, besonders fromm zu sein, sind es aber nicht. Sie schnüren schwere Lasten für andere Menschen zusammen, rühren selber aber keinen Finger, um diese mit ihnen zu tragen, und so fort.
Die Konsequenz, die Jesus daraus zieht, ist nun nicht, daß er gleichsam "das Kind mit dem Bade ausschüttet" und den Pharisäern jegliche Autorität abspricht. Ihre im mosaischen Gesetz begründete Lehrautorität wird anerkannt, da das Gesetz des Alten Bundes den Willen Gottes auslegt. Es wäre verhängnisvoll, wenn die Menschen aus dem berechtigten Mißtrauen gegenüber den Pharisäern auch eine Kritik am göttlichen Gesetz ableiten würden. Im Gegenteil: Dieses Gesetz gilt, und die Menschen sollen ihm folgen. Jesus selber erfüllt und vollendet das alttestamentliche Gesetz durch das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.
Es ist heute modern geworden, in den Chor derer einzustimmen, die die kirchliche Autorität kritisieren. Es gehört mehr Mut dazu, den Papst und die kirchliche Lehre zu verteidigen, als "mit den Wölfen zu heulen" und alles von vornherein schlecht zu machen, was "aus Rom" kommt. Die Kirchenkritiker von heute machen es sich zu leicht, wenn sie das Lehramt des Papstes und der Bischöfe einfach mit dem der Pharisäer vergleichen und auf eine Stufe stellen.
Die Autorität der Hirten der Kirche gründet in ihrer Sendung durch Jesus Christus. In seiner Nachfolge stehen wir alle, Papst und Bischöfe, Priester und Diakone, Ordensleute und Laien. Zugleich werden alle von der Botschaft des Evangeliums angesprochen und sind davon betroffen: "Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!" (vgl. Mk 1,15). Nur gemeinsam können wir den Glauben leben. Da hat einer den anderen nötig. So sollen wir uns gegenseitig tragen und ertragen in der Liebe, die aufbaut, nicht zerstört. Ein Beispiel für den Dienst des guten Hirten gibt uns der Apostel Paulus, wenn er (in der 2. Lesung) schreibt, daß er keinem zur Last fallen wollte, um das Evangelium Gottes zu verkünden. Denn - so schreibt er an die Thessalonicher - "ihr wart uns sehr lieb geworden." Das ist es, was Jesus meint, wenn er zu den Aposteln und Jüngern sagt, sie sollten sich nicht Rabbi - Meister - nennen lassen, und auch nicht Vater oder Lehrer. Denn nur einer ist ihr Meister, Vater und Lehrer. Die Haltung des Dienens und der Demut soll auch die Verkünder der frohen Botschaft bestimmen. So erfüllen sie das Gesetz Christi (vgl. Gal 6,2).
Wir bitten die heilige Jungfrau Maria darum, daß sie uns den Geist des Dienens und Hörens von Gott erbitte. Dann werden wir den Willen Gottes erkennen, sein Wort bezeugen und verkünden und daraus leben. Und Gottes Liebe wird die Herzen verwandeln und einst alles im Reich des Himmels vollenden. Amen.