Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigtimpuls für den 3. November 1996


Lesejahr A, 31. Sonntag im Jahreskreis
L 1: Mal 1,14b-2,2b.8-10; L 2: 1 Thess 2,7b-9.13; Ev: Mt 23,1-12


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Jesus geht mit den religiösen Heuchlern seiner Zeit hart ins Gericht. Die Schriftgelehrten und Pharisäer geben ein schlechtes Beispiel: Sie selber halten sich nicht an das, was sie lehren. Sie legen den Menschen schwere Lasten auf, wollen diese aber selber nicht tragen.

Dennoch sitzen sie auf dem „Stuhl des Mose“, das heißt sie haben die Autorität inne, das Volk Gottes zu lehren und zu leiten.

Was rät also Jesus seinen Jüngern und den Gläubigen? Der Rat Jesu ist nun nicht, die Pharisäer und Schriftgelehrten einfach abzulehnen. Sondern er sagt: „Tut und befolgt alles, was sie euch sagen“. Aber er schränkt ein: „Richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.“

Wie wichtig wäre gerade ihr Beispiel! Dann erschiene das Wort Gottes nämlich viel glaubwürdiger, das sie verkünden sollen. Aber ihr Dienst ist kein Gottesdienst, sondern sie wollen den Menschen gefallen. Überall möchten sie die ersten Plätze innehaben, und sie lassen sich Meister, Vater und Lehrer nennen. Daher kritisiert sie Jesus wegen ihrer Anmaßung.

Gleichsam als Gegenbeispiel hat uns in der Lesung aus dem Thessalonicherbrief der Apostel Paulus seine Weise der Sorge für die ihm anvertraute Gemeinde vor Augen gestellt. Er liebt die Gläubigen wie eine Mutter ihre Kinder und hat sie nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an seinem eigenen Leben. Er hat sogar mit seinen eigenen Händen gearbeitet, um den Menschen nicht zur Last zu fallen. So haben sie das Wort Gottes bereitwillig angenommen: nicht als das Wort eines Menschen, sondern als das, was es wirklich ist - als Gottes Wort!

Die Prediger und Verkünder in der Kirche, aber auch alle anderen Gläubigen müssen sich durch die Lesungen des heutigen Sonntags fragen lassen: Wie weit sind sie - wie weit sind wir alle - glaubwürdige Zeugen für die uns anvertraute Botschaft vom Reich Gottes? Entspricht unser Leben der Botschaft, die wir verkünden? Ist unser Leben ein Dienst an den uns anvertrauten Menschen oder ein Herrschen? Suchen wir uns selber und unsere eigene Ehre - oder die Ehre Gottes und das Heil der Menschen? Manches Traurige, aber auch viel Hoffnungsvolles gäbe es hier zu berichten!

Dort, wo wir das schlechte Beispiel eines Priesters oder Verkünders des Wortes Gottes sehen, sollen wir nicht so sehr über ihn urteilen, als vielmehr für ihn beten. Freilich bleibt uns die Freiheit unbenommen - es kann sogar eine heilige Pflicht sein! -, ihm in brüderlicher Weise sein falsches Handeln bewußt zu machen und ihn so auf den Weg der Besserung zu führen. Heilige Frauen und Männer der Kirche haben sogar Bischöfe und Päpste im Namen Jesu Christi ermahnt, wieder den Weg der Heiligkeit zu gehen.

Jedenfalls verliert der schlechte Hirte nicht einfach seine ihm von Gott verliehene Autorität. Die heilige Katharina von Siena sagte einmal, selbst wenn die Hirten der Kirche „fleischgewordene Teufel“ wären (welch schlimmer Vergleich!), so müßten wir ihnen dennoch um Gottes willen in allem Guten gehorchen.

Sie, liebe Gläubige, sollen besonders zum Gebet für alle Priester und Verkündiger des Wortes Gottes aufgerufen werden. Es gibt viele Versuchungen, vom rechten Weg abzuweichen. Wenn der Hirte zu Boden fällt, ist auch die Herde geschlagen. Umgekehrt kann das gute Beispiel des Seelsorgers eine ganze Pfarre wieder zur geistlichen Erneuerung führen, wie neben vielen anderen der heilige Pfarrer von Ars durch sein Leben gezeigt hat.

Jesus selber war absolut glaubwürdig. Er ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Er hat sein Kreuz auf sich genommen und ist für uns gestorben und auferstanden. In seiner Nachfolge vermögen auch wir als treue Zeugen des Evangeliums zu leben. Die Fürbitte der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, der demütigen Magd des Herrn, möge uns das von Gott erwirken! Amen.


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