Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis
17. Oktober 1999, Lesejahr A

L 1: Jes 45,1.4-6; L 2: 1 Thess 1,1-5b; Ev: Mt 22,15-21

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Vor zwei Wochen wurden in Österreich Nationalratswahlen durchgeführt. Viele Christen haben ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllt und so gewählt, wie sie es vor Gott und ihrem Gewissen für richtig befunden haben. Der staatliche und politische Bereich ist wichtig für den Menschen. Denn als Menschen sind wir auf Gemeinschaft angewiesen, und die umfassende politische Gemeinschaft, in der für das Gemeinwohl Sorge getragen wird, ist der Staat. Somit entspricht es dem Willen Gottes, daß es auch die staatliche Gemeinschaft gibt.

Keine Angst, wir wollen jetzt nicht zu politisieren beginnen und daher nicht erörtern, welche Partei denn nun in eine künftige Regierung gehen soll! Es geht um Grundsätzliches. Auch Jesus hat sich nicht auf konkrete Politik festgelegt, als man ihm eine Fangfrage stellen wollte. Die Frage lautete: "Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen, oder nicht?" Seine Gegner dachten: Wenn er "Ja" sagt, dann deklariert er sich als Freund des Kaisers, und er spricht sich damit für die römische Besatzungsmacht aus. Das Volk wird dann aufgebracht gegen ihn sein. Sagt er "Nein", dann können wir umgekehrt behaupten, er wiegle die Menschen gegen den Kaiser auf. Mit derartiger List versuchten sie, Jesus aufs politische Glatteis zu führen. Aber er, der Sohn Gottes, der wußte, was im Menschen ist (vgl. Joh 2,25), fiel nicht darauf herein. Er durchschaute ihre Absichten und nahm die Fangfrage seiner Gegner zum Anlaß, ihnen Grundsätzliches über die Haltung seiner Jünger zum Staat mitzuteilen.

Was er sagen will, erläutert er an einem praktischen Beispiel. Er verlangt, ihm eine Münze zu zeigen, und fragt sie: "Wessen Bild und Aufschrift seht ihr da?" Es ist eindeutig: Auf dieser römischen Steuermünze prangen das Bild und die Aufschrift des Kaisers. Jesus sagt nun nicht, es sei Unrecht, daß sie dem Kaiser Steuern zu zahlen hätten. Er sagt vielmehr: "So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört." Aber damit ist die Antwort noch nicht beendet. Jesus fährt fort - und mit dem haben seine Gegner bestimmt nicht gerechnet -: "Und gebt Gott, was Gott gehört!" Damit deckt er die eigentliche Schwachstelle im Denken und in der Argumentation seiner pharisäischen Gegner auf. Diese haben es nämlich längst verlernt, nach dem Willen Gottes zu fragen. Allein der Wille Gottes ist maßgebend. Von daher erhält auch der erste Teil der Forderung Jesu, dem Kaiser das zu geben, was des Kaisers ist, ihr rechtes Gewicht und seinen eigentlichen Sinn. Nur soweit der Kaiser oder die politische Autorität den gottgewollten Auftrag erfüllt, haben wir zu gehorchen. Wenn damit freilich ein Ungehorsam gegenüber dem Gebot Gottes verbunden wäre, dann ist der Christ aufgerufen, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen (vgl. Apg 5,29). Überall dort, wo der Staat sich an die Stelle Gottes setzt, verliert er seine Autorität und seinen Anspruch auf Gehorsam.

Aber grundsätzlich gibt es nach den Worten Jesu nicht die Alternative des "Entweder - oder", sondern das "Sowohl - als auch". Ein Christ braucht sich nicht von vornherein zu entscheiden, ob er dem Staat oder Gott die Ehre erweist, sondern er muß beiden Wirklichkeiten gerecht werden. Freilich darf der Staat nicht eine Wirklichkeit unabhängig von Gott oder gar gegen ihn sein, sondern im staatlichen Bereich gibt es nur darum und nur so weit rechtmäßige Autorität, als sie dem Ordnungswillen Gottes entspricht.

So können wir sagen: Egal wie eine künftige demokratische Regierung in unserem Land aussehen wird, als Christen haben wir die Pflicht und Aufgabe, der politischen Autorität unsere Anerkennung zu erweisen. Freilich ist damit nicht ausgeschlossen, daß wir dort mutig unsere Stimmen erheben, wo grundlegende Menschenrechte mißachtet werden. Hier soll nur an den unbedingten Schutz des Menschenlebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod hingewiesen werden, an das Eintreten für den arbeitsfreien Sonntag sowie an die Sorge für alle Benachteiligten und Ausgestoßenen, besonders auch für unsere ausländischen Mitbürger. Der Christ wird soweit also möglich innerhalb des politischen Systems seinen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, ohne den Glauben und das Gebot Gottes zu verleugnen. Wir müssen vielmehr unser christliches Profil noch stärker zeigen und entwickeln. Nur dann sind wir wirklich "Licht der Welt" und "Salz der Erde" (vgl. Mt 5,13 f).

Was wir nicht vergessen dürfen, das ist das Gebet für die Regierenden. Dieses Anliegen wollen wir nicht nur einmal im Jahr vor Gott bringen (bei den "Großen Fürbitten" des Karfreitags), sondern immer wieder in unser Gebet einschließen. Kirche und Staat dienen denselben Menschen, aber auf verschiedene Weise. Letztlich gibt es nur einen Herrn und Gott, der König ist über alle Herrscher der Erde. Ihn wollen wir anbeten und ihm die Ehre erweisen, indem wir ihn loben und preisen. Amen.


SANKT JOSEF - www.stjosef.at