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Predigt:

Süße und nicht saure Beeren

27. Sonntag im Jahreskreis A (02.10.2011)

L1: Jes 5,1-7; L2: Phil 4,6-9; Ev: Mt 21,33-44


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

In der Heiligen Schrift werden immer wieder Bilder aus der Natur verwendet, um auf das Himmelreich hinzuweisen. Gerade die Zeit der Ernte lässt uns darüber nachdenken, dass auch wir gute Frucht bringen sollen im Reiche Gottes.

So hören wir im Buch des Propheten Jesaja von einem Weinberg, den Gott selbst gepflanzt hat, der aber zur erwarteten Zeit keine gute und ausreichende Frucht gebracht hat. Statt der mit Recht erwarteten süßen Beeren brachte er nur saure Beeren, heißt es. Die Winzer in der Wachau werden eine solche Aussage richtig einzuschätzen wissen. Nun könnte man, wenn man im Bereich der Natur bleibt, sagen: „Schade, diesmal haben wir kein Glück gehabt. Vielleicht ist es das nächste Jahr besser.“ Erfahrungsgemäß wechseln ja gute und weniger gute Jahre ab, und was man in dem einen Jahr nicht erreicht und erzielt, wird in einem anderen Jahr wieder wett gemacht. Es braucht also nur Ausdauer und etwas Geduld, um schließlich doch die gute Frucht zu erzielen!

Der Prophet Jesaja zieht freilich eine andere Schlussfolgerung. Denn er bezieht seine bildhafte Aussage nicht mehr auf die Natur, sondern auf die Wirklichkeit des menschlichen Lebens: „Der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: der Rechtlose schreit.“ Die Menschen haben also keine gute Frucht gebracht. Sie haben sich dem Recht und der Gerechtigkeit verweigert und sind so schuldig geworden. Nicht eine Unbill der Natur hat dies verursacht, sondern die „sauren Trauben“ sind im Herzen der Menschen hochgekommen, weil sie selber dies so gewollt haben. Eben deshalb werden sie von Gott auch zur Verantwortung gezogen!

Im Evangelium dieses Sonntags ist ebenfalls die Rede von einem Weinberg. Hier geht es aber nicht um eine mindere Qualität der Weinstöcke, sondern um schlechte Verwalter, die ihrem Gutsherrn nicht das ihm Zustehende überbringen. Im Gegenteil: Sie töten jene, die er gesandt hat, um seinen Anteil abzuholen. Zuerst misshandeln und töten die Winzer die Knechte des Gutsherrn und schließlich sogar seinen Sohn. Es ist verständlich, dass der Zorn des Gutsbesitzers über die ungetreuen Winzer groß ist! Denn das fremde Gut haben sie an sich gerissen und dazu noch Ungerechtigkeiten und Morde begangen.

Jesus erzählt dieses Gleichnis den Hohepriestern und Ältesten des Volkes, und sie spüren plötzlich: Jesus meint sie ganz persönlich. Er klagt sie an, dass sie sich gegenüber Gott in ungerechter Weise verweigert haben. Schon ihre Väter haben die Propheten zurückgewiesen, misshandelt und getötet. Was diese mit den Propheten getan haben, sind sie eben im Begriff, beim Sohn Gottes – Jesus Christus – zu wiederholen. Ihn werden sie misshandeln, ans Kreuz schlagen und töten! Welches himmelschreiende Unrecht!

Wenn Jesus in der Folge gegenüber seinen Adressaten davon spricht, dass ihnen das Reich Gottes weggenommen und einem Volk gegeben werde, das die erwarteten Früchte bringt, so ist dies als ernste Mahnung zu verstehen, doch noch umzukehren, bevor es zu spät ist.

Wenn wir diese Worte des Herrn hören und lesen, dann dürfen wir es uns nicht zu leicht machen und die eigene Betroffenheit beiseiteschieben. In der Kirchengeschichte hat es fatalerweise die Tendenz gegeben, das Volk der Juden als Ganzes für den Kreuzestod Jesu verantwortlich zu machen und vom Standpunkt einer gewissen Selbstgerechtigkeit aus die eigene Mitschuld am Leiden und Sterben des Herrn kategorisch auszuschließen.

Und dennoch: in Wirklichkeit trägt jeder Mensch durch seine Sündenschuld eine Mitverantwortung am Tod Jesu am Kreuz. Gewiss gab es damals vor 2000 Jahren konkret Verantwortliche; im Heilsplan Gottes aber wollte Jesus Christus aus Liebe zu allen Sündern sterben, um ihnen so den Weg der Umkehr und der Versöhnung mit Gott und den Menschen zu eröffnen. So soll jeder von uns in Demut an die Brust klopfen und beten: „O Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und das Übermaß der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit zeigt sich dann gerade dadurch, dass Gott der Herr dem reuigen Sünder verzeiht und einen Weg des Neubeginns eröffnet. Dem Menschen, der das Heil Gottes aus ganzem Herzen annimmt, wird aufs Neue das Bürgerrecht im Himmelreich verliehen.

In diesem Sinne wollen auch wir uns in Dankbarkeit und Vertrauen dem Erbarmen des Herrn anempfehlen, das uns das Tor zur ewigen Seligkeit eröffnet. Amen