Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis
3. Oktober 1999, Lesejahr A

L 1: Jes 5,1-7; L 2: Phil 4,6-9; Ev: Mt 21,33-44


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Vor einigen Tagen hat die Kirche das Fest der heiligen Erzengel Gabriel, Michael und Raphael gefeiert (am 29. September), und gestern war der Gedenktag der heiligen Schutzengel, das "Schutzengelfest" (am 2. Oktober). Dieses liturgische Zusammentreffen zweier Engelfeste kann uns zum gläubigen Nachdenken darüber anregen, welche Stellung und Aufgabe die heiligen Engel im Heilsplan Gottes innehaben.

Heute beobachten wir gerade in esoterischen Kreisen ein erneutes Interesse an "Engeln". Man stellt sie sich vor als höhere "lichtenergetische" Wesen, deren Hilfe sich der Mensch bedienen könne, um zu einer höheren Stufe des Bewußtseins und der Erleuchtung zu gelangen. Eine derartige Vorstellung entspricht natürlich nicht dem katholischen Glauben, sondern ist eher eine neugnostische Spekulation oder gar eine Pseudo-Erfahrung jener Wirklichkeiten, die sich unserer Sinneswahrnehmung und unmittelbaren Erfahrung entziehen. Die Kirche hat daher den Auftrag, auch in unserer Zeit des aufgeklärten Rationalismus und umgekehrt eines geistlosen Irrationalismus von jenen personalen geistigen Wesen zu sprechen, die Gott erschaffen hat und die die Bibel "Engel" nennt.

Wir können vom Grundsatz ausgehen: "Was die Kirche betet, das glaubt sie auch" (lex orandi - lex credendi). Gerade das offizielle liturgische Gebet der Kirche kennt die häufige Anrufung und Verehrung der heiligen Engel. Denken wir nur an die Präfationen der heiligen Messe, die immer bei der Überleitung zum "Dreimal-Heilig" auf die Engel in ihren Ordnungen verweisen. In der besonderen "Engel-Präfation" des Meßbuches heißt es, daß es Gott "zur Verherrlichung und zum Lob" gereicht, wenn wir die Engel ehren, die er erschaffen hat. Denn "an ihrem Glanz und ihrer Würde erkennen wir, wie groß und über alle Geschöpfe erhaben du selber bist." Eine rechte Engelverehrung wird uns also nicht wegführen von Gott oder von Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, sondern kann uns nur umso stärker mit der Liebe Gottes verbinden. Somit stellt die Kirche in ihrer Lehre und Praxis all jene ins Unrecht, die die Existenz der Engel und ihre Wirksamkeit für das Heil der Menschen leugnen.

Nur von drei Engeln kennen wir die Namen. Es sind Gabriel, Michael und Raphael. Der Engel Gabriel wurde zur Jungfrau Maria gesandt, um ihr die frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes zu bringen. Im Namen und im Auftrag Gottes grüßte er Maria als die Jungfrau "voll der Gnade". Sie erschrak bei diesem Gruß und überlegte, was er zu bedeuten habe. Der Engel eröffnete ihr dann den göttlichen Heilsplan. In diesen wurde Maria einbezogen durch ihre freie personale Mitwirkung, denn ein Kind sollte sie empfangen und ihm den Namen Jesus geben (vgl. Lk 1,31). Gott bediente sich also der Botentätigkeit eines Engels ("Engel" heißt Gesandter, Bote), um der Jungfrau Maria das kommende Heil in Jesus Christus, dem einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, zu verkünden (vgl. 1 Tim 2,5). Das freie Jawort der Jungfrau eröffnete uns die Herabkunft des Sohnes Gottes in seiner Fleischwerdung durch das Wirken des heiligen Geistes.

Der Erzengel Michael wird schon im Buch Daniel genannt als der "große Engelfürst", der am Ende der Zeit für die Söhne seines Volkes eintritt (vgl. Dan 12,1). Im Neuen Testament berichtet die Offenbarung des Johannes (12,7) von einem Kampf im Himmel: "Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen." Jener Drache, der Teufel oder Satan heißt, verlor seinen Platz im Himmel und wurde auf die Erde gestürzt, um dort den Kampf weiter zu führen gegen die "Frau" und ihre Nachkommenschaft (vgl. Offb 12,13-18). Was soll das heißen? Durch diese bildhaften Worte drücken die heiligen Verfasser der göttlich inspirierten Schrift aus, daß ursprünglich alle Geschöpfe von Gott gut erschaffen worden sind. Es gab also nur gute Engel. Durch eigenen Entschluß sind der Teufel und seine Engel böse geworden und von Gott abgefallen, weil sie sich an die Stelle Gottes setzen wollten. Diesen trat "Michael" entgegen, was übersetzt "Wer ist wie Gott?" bedeutet. Auch wir Menschen sind in diesen geistigen Kampf für oder gegen Gott einbezogen. Wenn wir uns im Kampf gegen die Sünde und das Böse bewähren, so geschieht das mit unserer freien Mitwirkung, aber doch nicht aus unserer eigenen Kraft, sondern durch die Gnade Jesu Christi, des Sohnes Gottes und des leiblichen Sohnes jener "Frau", die der Schlange den Kopf zertritt (vgl. Gen 3,15).

Der Engel Raphael schließlich wird im Buch Tobit als Reisebegleiter des Tobias erwähnt. Durch seine Hilfe konnte Tobias dem blinden Vater Heilung von der Krankheit verschaffen. Gottes Fürsorge durch die heiligen Engel erstreckt sich also nicht nur auf den geistigen Bereich, sondern auch auf die leiblichen Dimensionen unserer Existenz. Daran halten wir auch fest, wenn wir die "heiligen Schutzengel" verehren. Hier drückt sich die Glaubensüberzeugung der Kirche aus, daß uns von Gott ein heiliger Engel als Beschützer und Begleiter zur Seite gestellt ist, der uns auf den Weg zu Gott führen und vor allem Bösen bewahren will.

Halten wir fest am Glauben an die Existenz und den Schutz der heiligen Engel! Sie sind uns nicht als Beherrscher übergeordnet, obwohl sie ihrer Natur nach den Menschen überragen, sondern mit uns Geschöpfe vor Gott dem Allmächtigen. In ihren Lobpreis stimmen wir ein, wenn wir die heiligen Geheimnisse feiern und unser Herz im Gebet zu Gott erheben. Ihrer machtvollen Fürsprache und ihrem Schutz dürfen wir uns anvertrauen und empfehlen. Dann werden wir begreifen, wie groß und über alle Maßen erhaben die Herrlichkeit Gottes ist, der uns stets neu seine unbegreifliche Liebe schenkt. Amen.


SANKT JOSEF - www.stjosef.at