Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigt für den 6. Oktober 1996

Lesejahr A, 27. Sonntag im Jahreskreis/L 1: Jes 5,1-7; L 2: Phil 4,6-9; Ev: Mt 21,33-44

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wieder spricht Jesus in diesem Evangelium in der Form eines Gleichnisses zu uns. Er verwendet das Bild des Weinberges, das schon die Propheten im Alten Bund für die Verkündigung des Reiches Gottes herangezogen haben. Zunächst also zum Propheten Jesaja:

Der Prophet stellt uns die Sorge Gottes um seinen Weinberg, das heißt um sein Volk, vor Augen. Alles Mögliche hat Gott getan, damit die Bedingungen des Wachstums günstig sind und die erwartete Frucht heranreifen kann. Doch der Erfolg blieb aus: Statt süßer Trauben brachte der Weinberg nur saure Beeren. So bekundet Gott, der Herr, durch den Propheten seine Absicht, den Weinberg der Verwüstung und den Feinden preiszugeben. Es ist dies weniger eine Drohbotschaft, als vielmehr ein weiterer Versuch der Langmut und Güte Gottes, ein störrisches Volk doch noch zur Einsicht zu bringen und zur Umkehr zu bewegen. An den Menschen liegt es nun, ob sie dieses Gnadenangebot Gottes annehmen oder ablehnen wollen. In ihre Hand ist Heil oder Unheil gelegt!

Jesus formt das Gleichnis um, das wir im Alten Testament gehört haben: Ein Gutsherr verpachtet den Weinberg an Winzer. Sie sollen diesen bebauen, die Ernte einbringen und dem Besitzer einen gewissen Anteil an den Früchten abliefern. Als es soweit ist, weigern sich die Winzer, den Knechten des Gutsherrn den ihm zustehenden Anteil zu geben. Sie mißhandeln die Knechte und töten sie. Anderen ergeht es ebenso. Sogar der Sohn des Gutsbesitzers wird getötet. Schließlich kommt der Besitzer des Weinberges selbst: Er wird die nichtsnutzigen Winzer hart bestrafen und den Weinberg an andere verpachten, „die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist“, sagt Jesus.

Es ist nicht schwer, in diesem Gleichnis das Verhältnis Gottes zu seinem Bundesvolk wiederzuerkennen:

Gott hat den Weinberg zuerst dem jüdischen Volk „verpachtet“. Die Knechte Gottes sind die Propheten. Ihnen ist es oft schlecht ergangen: Sie mußten Ablehnung und Mißhandlungen erfahren. Auch Jesus, der Sohn Gottes, wurde schließlich getötet. Er ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Doch ihn hat Gott der Herr zum Eckstein gemacht. An ihm entscheidet sich das Schicksal eines jeden Menschen. Zuletzt spricht Jesus die Worte: „Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.“

Wie ist das nun: Sind wir berechtigt, hart über das Volk der Juden zu urteilen, weil nur wenige von ihnen Jesus im Glauben angenommen haben? Keineswegs! Das Urteil darüber steht nur Gott zu. Jesus hat jedenfalls bis zum Ende seines Lebens für dieses sein Volk gebetet.

Wir sollen uns vielmehr selber fragen: Sind wir Christen als das neue Volk Gottes dem Evangelium immer treu geblieben? Wo liegt unsere persönliche Untreue? Kann nicht auch uns im (nur mehr teilweise) „christlichen Europa“ das Reich Gottes weggenommen werden? Es sind dies ernste Überlegungen. Sie sollen uns nicht entmutigen, sondern zu persönlicher Erneuerung des Lebens aus dem Glauben führen.

Wenn wir uns wirklich bemühen, dann wird Gott das Fehlende mit seiner Gnade ergänzen.

Die Fürbitte der Rosenkranzkönigin möge uns dabei helfen. Denn diesem einfachen und doch so erhabenen Gebet des heiligen Rosenkranzes ist die religiöse und sittliche Erneuerung ganzer Völker verheißen. Amen.


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