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Predigt:

Der Lohn des ewigen Lebens

25. Sonntag im Jahreskreis A (18.09.2005)

L1: Jes 55,6-9; L2: Phil 1,20ad-24.27a; Ev: Mt 20,1-16a


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Am letzten Sonntag haben wir das Erntedankfest gefeiert. Diesmal ist im Evangelium von einem Weinberg die Rede, der einem Gutsbesitzer gehört. Dieser stellt am frühen Morgen Tagelöhner an, mit denen er den fixen Lohn von einem Denar vereinbart. Auch später noch wirbt er Arbeiter an, zur dritten Stunde, zur sechsten und zur neunten, ja sogar zur elften. Diesen allen kündigt er im Voraus nicht an, wie viel er ihnen geben wird, wohl aber dass sie erhalten sollten, was recht ist und ihnen gebührt.

Das Gleichnis stammt aus der Welt ländlicher Arbeit in der Zeit, als unser Herr Jesus Christus auf Erden lebte. Die Menschen waren vertraut mit der Situation. Fast alles im Gleichnis entspricht dem wirklichen Leben. Dennoch ist ein Element enthalten, das gleichsam der Verfremdung dient und den Übergang herstellt von der Bild- auf die Sachebene: Wie kann es sein, dass die zuletzt eingestellten Arbeiter, die nur wenige Stunden oder gar nur eine Stunde gearbeitet haben, gleich viel erhalten wie jene, die den ganzen Tag gearbeitet haben? Das Gerechtigkeitsempfinden sträubt sich gegen eine derartige Vorgangsweise. Der Gutsbesitzer des Evangeliums antwortet jedoch einem der Arbeiter der ersten Stunde, die ihn dafür kritisieren: „Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“

Mit diesen Worten und vor allem mit der dazugehörigen Feststellung: „So werden die Letzten die Ersten sein“, zeigt Jesus, dass es nicht um irdische Dinge geht, die er hier darstellen oder regeln will, sondern um die Geheimnisse des Reiches Gottes. Dort gelten tatsächlich andere Maßstäbe, die keineswegs ungerecht sind, wohl aber unserem gewöhnlichen Denken nicht zugänglich sind.

Alles im Reich Gottes, das sich im Himmel vollendet und auf Erden seinen Anfang nimmt, ist nämlich von vornherein ein Geschenk. Es ist ein Geschenk Gottes, dass wir leben und existieren. Wer würde nach uns fragen, wenn es uns nicht gäbe? Vor allem ist es ein Geschenk, dass wir in Jesus Christus berufen worden sind zur Gotteskindschaft und zum ewigen Leben im Himmelreich. Keiner von uns kann sich den Himmel im eigentlichen Sinn „verdienen“. Das Verdienst kommt zuerst von Jesus Christus, der durch sein Leiden und Sterben die Schuld gesühnt und uns die heiligmachende Gnade erworben hat. Menschliches „Verdienst“ besteht in der gläubig-demütigen Annahme der Gnade Gottes und in der freien Mitwirkung mit ihr durch das Vollbringen guter Werke.

So können wir sagen: Wir alle gleichen in unserem irdischen Leben den Tagelöhnern auf dem Marktplatz, die auf jemanden warten, der sie anwirbt. Gott aber hat uns bereits für seinen Dienst eingeladen und dazu aufgefordert: Wir sind durch Gottes Gnade angesprochen worden, solange im Weinberg des Herrn zu wirken, als es Tag ist, d.h. solange unser irdisches Leben währt. Niemand weiß, wie lange das ist, und manche werden zur ersten Stunde gerufen, andere erst zur letzten. Ein jeder ist aufgerufen, das Beste zu geben und treu zu sein. Dann wird er den vereinbarten „Lohn“ erhalten, der im ewigen Leben besteht.

Ein jeder der Geretteten darf sagen: „Mein Gott und Herr, es ist eine Gnade für mich, dir in deinem Weinberg dienen zu dürfen. Du hast mich reich beschenkt mit dem Denar des ewigen Lebens.“ Freuen wir uns also, dass Gott uns erwählt hat für den Dienst in seinem Reich. Er verheißt uns das ewige Leben, wenn wir treu ausharren. Mögen unsere Schicksale und Talente auch verschieden sein, es eint uns die christliche Grundberufung, welche uns in der heiligen Taufe geschenkt worden ist. So sollen und dürfen wir uns von niemandem daran hindern lassen, als einzelne und als Gemeinde so zu leben, „wie es dem Evangelium Christi entspricht“ (Phil 1,27a).

Die Heiligen des Himmels warten auf uns; sie legen Fürbitte bei Gott für uns ein, dass wir einst als gute Knechte befunden werden, wenn der Herr uns zu sich ruft. Amen