Predigt:
Erntedankfest
24. Sonntag im Jahreskreis A (11.09.2005)
L1: Sir 27,30-28,7; L2: Röm 14,7-9; Ev: Mt 18,21-35
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wir alle wissen, wie wichtig es ist, dass ein Kind „Danke“ sagen lernt. Es zeigt dadurch, dass es eine Gabe oder ein Geschenk schätzt und dass nicht alles selbstverständlich ist. Das Wort „Danke“ oder „Vergelts Gott“, das wir auch als Erwachsene nicht verlernen sollen, erinnert uns an unsere bleibende Abhängigkeit von Gott und anderen Menschen und an die Verbundenheit aller im Geben und Empfangen.
Das heutige Erntedankfest macht uns durch die vielen Gaben, die wir aus Gottes Schöpfung empfangen haben und zum Altar bringen, bewusst, wie sehr wir alle Beschenkte sind. Eine grundlegende Gleichheit verbindet uns kraft unseres Menschseins, da wir nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Die Erde ist uns gemeinsam anvertraut, um sie zu bebauen und zu behüten. Die Früchte und Gaben der Erde sind Ausdruck der göttlichen Güte. Gott, dem Spender aller Gaben, gilt unser Dank und Lobpreis! „Denn wer räumt dir einen Vorrang ein? Und was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7)
Dankbarkeit ist eine allgemeine Lebenseinstellung, die uns das Schöne und Gute in der Welt und in unserem Leben wahrnehmen lässt. Wer immer nur unzufrieden ist und an allem und jedem herumnörgelt, macht sich und anderen das Leben schwer. Er raubt sich selber die Freude an dem, was ihm täglich zuteil wird. Wie aber ist es mit den Prüfungen und Leiden, mit den Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten des Lebens? Der Blick auf Jesu Kreuz und Auferstehung zeigt uns, dass das letzte Wort in der Schöpfung Gottes nicht durch das Negative festgelegt ist. Eben dazu ist unser Herr und Erlöser in diese Welt gekommen, um uns von der Macht der Sünde zu erlösen und alles Gute in reicher Fülle zu schenken – hier auf Erden in der Weise jener Gaben, für die wir heute danken, und einst in unvergänglicher Weise im ewigen Reich Gottes, im Himmel.
Danken wollen wir also heute nicht nur für das, was wir vor uns sehen – für die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit –, sondern auch für all das viele Gute, das wir täglich erfahren, das uns von guten Menschen und von Gott erwiesen wird. Gesundheit, Leib und Leben, gute Freunde, Familie, Verwandte, Beruf, Nahrung, Kleidung und Wohnung, geistige und kulturelle Güter, die Schätze des Glaubens, die Sakramente – dies und viel mehr ist in unseren Dank eingeschlossen, wenn wir die Heilige Messe feiern, die als „Eucharistie“ bezeichnet wird, was wörtlich „Danksagung“ heißt.
Ein besonderer Ausdruck der Dankbarkeit ist das Tischgebet. Vielleicht können wir es in unseren Familien dort wieder neu einführen, wo es in Vergessenheit geraten ist. Wir sollten uns nicht zu gut dafür dünken, denn schließlich sind wir es, die vom Herrn, unserem Schöpfer, alles empfangen haben, was wir haben und sind.
Das Evangelium weist uns auf ein besonderes Geschenk hin, das Gott uns gemacht hat: Er hat uns in seinem Sohn Jesus Christus die Schuld vergeben. Die einzige Voraussetzung ist, dass wir diese Vergebung auch annehmen wollen, wie sie uns in der Taufe und im Sakrament der Buße geschenkt wird, und dass wir entsprechend dieser Gnade ein neues Leben beginnen. Wer aber nun meint, er dürfe gegenüber seinem Bruder oder seiner Schwester, d.h. gegenüber seinem Mitmenschen, der ihm etwas schuldet, hartherzig sein, begeht ein schweres Unrecht. Dieser Mensch vergisst, was Gott ihm Großes getan hat. Im Vergleich dazu sind die eigenen guten Taten, die wir dem Nächsten erweisen, gering, und wenn wir vom Mitmenschen Undankbarkeit erfahren, so sollen wir uns fragen, ob wir Gott gegenüber wirklich immer dankbar sind.
Weil Gott zu uns über alle Maßen gütig ist, dürfen wir einander Güte und Liebe erweisen. Maria, die Gottesmutter, wird uns mit ihrer mütterlichen Liebe begleiten, damit wir jeden Tag Gott dem Herrn in Dankbarkeit weihen, bis er einst unser Leben in seiner Liebe vollendet. Amen
