Predigt:
Wie weit sind wir füreinander verantwortlich?
23. Sonntag im Jahreskreis A (04.09.2005)
L1: Ez 33,7-9; L2: Röm 13,8-10; Ev: Mt 18,15-20
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn Sie als Eltern sehen, dass Ihr Kind etwas nicht richtig macht, dann erklären Sie es ihm. Wo unmittelbare Gefahr für das Kind droht, greifen Sie sofort ein, nötigenfalls auch mit Mitteln der Strafe und der Abschreckung, um Ähnliches für die Zukunft zu vermeiden. Diese Verhaltensweisen sind Ausdruck der Liebe und der Verantwortung für die Ihnen als Eltern anvertrauten jungen Menschen. Wenn dann die Kinder älter werden, dann ziehen sich die Eltern schrittweise zurück, um der Eigenverantwortung dieser nun schon erwachsener und selbständiger gewordenen Menschen Raum zu geben. Dennoch bleibt auch hier eine Verbundenheit der Liebe, des Gebetes, des guten Beispiels, des freundlichen Austauschs der Meinungen und hin und wieder auch des guten Rates oder sogar der Mahnung.
Nachdem Kain, der Ackerbauer, seinen Bruder Abel, der Schafhirt war, auf dem Feld ermordet hatte, zog ihn Gott der Herr für seine Untat zur Rechenschaft. Gott fragte ihn: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain entgegnete: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4,9) Wir sehen hier ein Beispiel dafür, wie man seine Verantwortung für den Mitmenschen ignorieren kann. Obwohl Kain seinen Bruder erschlagen hatte, leugnet er jetzt diese Tat und schützt angebliches Nichtwissen über das Schicksal seines Bruders vor. Dies nützt ihm freilich vor Gott, aber auch vor seinem eigenen Gewissen nichts, denn – wie Gott ihm klar darlegt –: „Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.“ (Gen 4,10) Man kann also nicht einfach Böses tun am Nächsten und sich dann davonstehlen, so als ob man nicht dafür verantwortlich wäre.
Dieses Negativbeispiel lässt uns weiter fragen: Wir sind nicht nur aufgerufen, Böses zu vermeiden, sondern wir sollen vor allem Gutes tun gegenüber unserem Nächsten. Im Grunde ist „der Nächste“ jeder Mensch, der unsere Hilfe braucht, der auf uns angewiesen ist. Klarerweise gibt es hier eine gestufte Verantwortung. In erster Linie ist der Mensch verpflichtet, für seine Angehörigen zu sorgen. Aber grundsätzlich dürfen wir niemanden von unserer liebevollen Zuwendung und Fürsorge ausschließen, am wenigsten die Hilflosen, Kranken, Armen, Ausgestoßenen und die Fremden. Wer würde in diesen Tagen nicht an die vielen Opfer der Naturkatastrophen auf der Welt denken? Sicher können wir nicht dort sein und helfen, aber vielleicht ist es doch möglich, sich im Rahmen einer Spende an der einen oder anderen Hilfsaktion zu beteiligen.
Die heutige erste Lesung aus dem Buch Ezechiel ruft uns mit eindringlichen Worten dazu auf, die Mitverantwortung für den Nächsten wahrzunehmen. Dabei gibt es eine Verantwortung nicht nur für das leibliche Leben des Nächsten, sondern auch für sein sittliches und religiöses Leben, also für die Weise, wie jemand vor Gott steht und seinen Weg auf Erden geht. Dieser Zusammenhang wird heute von vielen mit den Worten bestritten: „Religion ist Privatsache. Das geht niemanden etwas an.“ Auf diese Weise fordern dann manche, jeden gesellschaftlichen und politischen Einfluss der Christen zu reduzieren. Es ist unerwünscht, wenn jemand aus der Kraft des christlichen Glaubens sein Leben gestaltet und dies auch öffentlich sichtbar macht. Aber ist das zulässig? Würden wir da nicht vielleicht sogar lieblos gegenüber unserem Mitmenschen handeln, der ein Recht hat auf unser gutes Beispiel, auf unser Gebet, auf unser gutes Wort auch im Hinblick auf die Werte des Glaubens und der christlichen Lebensführung? „Die Liebe schuldet ihr einander immer“, heißt es in der zweiten Lesung aus dem Römerbrief (13,8). Alles, was Ausdruck dieser Liebe ist, ist gut. „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“ (Röm 13,10) Wir dürfen also durch unser Tun oder Unterlassen in keinem Fall Böses bewirken. Es gibt sogar den Fall, den Jesus im Evangelium anspricht, dass wir unseren Mitmenschen (den „Bruder“ oder die „Schwester“) zurechtweisen müssen, wenn er oder sie sündigt. Lässt er es sich im Guten sagen und ändert er sein Leben, dann „hast du deinen Bruder zurück gewonnen.“ Hier ist gewiss mit Klugheit und Respekt vor dem anderen vorzugehen, aber wir dürfen nicht zu schnell aufgeben, wenn wir sehen, dass jemand in die Irre geht, für den wir doch in der einen oder anderen Weise verantwortlich sind.
Empfehlen wir uns selber, aber auch unsere Mitmenschen der Fürbitte der Gottesmutter Maria! Sie trägt uns als ihre Kinder alle in ihrem Herzen und will, dass wir das Ziel des ewigen und seligen Lebens bei Gott erreichen. Das Beispiel der Gottesmutter Maria und aller Heiligen bestärkt uns in der eigenen Umkehr des Herzens zu Gott und vermag auch viele andere durch unser Wort und Beispiel zum Guten zu führen. Amen
