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Ethisch-moraltheologische Anmerkungen zur "Potenzpille" VIAGRA® (Sildenafil)
(4. Juli 2005)

Josef Spindelböck

Seit der[1] in den USA und einigen anderen Ländern (am 15. September 1998 für die gesamte EU und damit auch für Österreich und Deutschland) wird in Medienberichten immer wieder hervorgehoben, daß an sich gesunde Männer die Potenzpille in der Hoffnung verlangen, damit ihre „sexuelle Erregbarkeit“ zu steigern.[2] Dies ist ethisch abzulehnen, da von einer derartigen Anwendung von VIAGRA® die Funktion einer „Droge“ erwartet wird.

erscheint aber der Fall, wo gewisse Störungen und Beeinträchtigungen der männlichen sexuellen Funktionen vorliegen (d.h. eine „erektile Dysfunktion“[3]) und VIAGRA® als therapeutisches Mittel[4] indiziert wird, um diesen Störungen zu begegnen.

In diesem Fall – und nur in diesem – ist die Verordnung und Einnahme von VIAGRA® unter genau festgelegten medizinischen Indikationen ethisch gerechtfertigt.

An sich ist von einem aus hinzuzufügen, daß sexuelle Aktivität nur zwischen Mann und Frau und ausschließlich im Rahmen einer aufrechten Ehe ausgeübt werden darf. Da diese Normierung aber rein ethischer und nicht rechtlicher Art ist, kann eine rechtliche Einforderung nicht erfolgen und braucht dies hier nicht eigens hervorgehoben werden.

Im Hinblick auf eine mögliche ärztliche Verschreibung von VIAGRA® mit erscheint jedoch die Beschränkung der finanziellen Förderung auf die therapeutische Behandlung von Männern, die in einer Ehe leben (d.h. auf eine klinische Therapie bei Unfruchtbarkeitsproblemen), moralisch vertretbar. Analoges wird gelten, wenn eine Form von VIAGRA® für Frauen erhältlich sein sollte.

Abschließend kann festgestellt werden: ®, sofern sich eventuelle Nebenwirkungen in Grenzen halten und die Kostenfrage in vertretbarer Weise (d.h. nicht zum Schaden anderer, noch notwendigerer Therapien und vordringlicherer medizinischer Maßnahmen) gelöst wird.


 

[1] Vgl. die pharmakologischen Informationen der Firma Pfizer, die im Internet unter der Domain http://www.viagra.com angeboten werden. Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) erteilte am 27. März 1998 die Zulassung für das Medikament in den Vereinigten Staaten von Amerika.

[2] Urologen stellen klar, daß VIAGRA® an sich nicht luststeigernd wirkt, sondern auf die Verbesserung der Erektionsfähigkeit des Penis abzielt. Insofern ist die spezifische Wirkung physiologisch, während „Lust“ ein Phänomen ist, mit dem sich primär die Psychologie befaßt. Noch gar nicht kommt hier die für humane Sexualität wesentliche Dimension der Liebe zwischen Mann und Frau in den Blick.

[3] Als „erektile Dysfunktion“ oder „erektile Impotenz“ wird eine Störung der Erektion des Penis bei sexueller Erregung bezeichnet. Die Medizin weist darauf hin, daß hier zwischen einer vorübergehenden (meist psychisch bedingten) und einer längerfristig bestehenden (die in der Regel organischen Ursprungs ist) unterschieden werden muß. Vgl. Pschyremel, Klinisches Wörterbuch, 258. Auflage, Version 1, 1998, CD-Programmversion 1.0, Stichwort „Erektionsstörung“. Siehe auch R. Wille, Impotenz, in: W. Korff u.a. (Hg.), Lexikon der Bioethik, Bd 2, Gütersloh 1998, 290 f.

[4] Wichtig ist dabei, daß nicht vorschnell – ohne anamnetische und ursachenbezogene Diagnose – mit VIAGRA® therapiert wird. Manche Formen der Impotenz sind in Beziehungsstörungen begründet, die durch Psychotherapie und eine sich in Gespräch und Bußsakrament vollziehende Seelsorge einer Lösung zugeführt werden können.
 

 


Wien, 24.9.98 (KAP) Die Ethik-Kommission des IMABE-Instituts warnte aber davor, daß das neue Medikament die oftmals psychischen Ursachen von Impotenz verdecken und daher einer Heilung im Weg stehen könnte. Wegen der Nebenwirkungen, Kontra-Indikationen und der Mißbrauchs-Gefahr begrüßte die Kommission auch, daß „Viagra“ nur als rezeptpflichtig zugelassen wird.

Das IMABE-Institut bedauerte am Donnerstag, daß mit großer medialer Unterstützung Erwartungen bezüglich des neuen Produktes geweckt wurden, die „weit über eine rein therapeutische Wirkung des Präparates hinausgehen“. „Viagra“ sei – so das IMABE-Institut – ein Medikament, aber kein „Aphrodisiakum“: „Es ist keine Lustpille und darf auch nicht zur Life-Style-Droge werden“, heißt es in einer Aussendung des kirchlichen Instituts. Gerade in diese Richtung dürfte aber – trotz Rezeptpflicht – die Erwartung vieler Menschen gehen, die „im Trend“ sein wollen.

Angesichts dieser Entwicklung unterstreicht das Institut, daß das neue Präparat „keine Änderung der Sittlichkeitsregel mit sich bringt“. Es sollte daher „ausschließlich der Erleichterung des sexuellen Umgangs innerhalb der Ehe“ und „im Dienst der doppelten Zielsetzung – nämlich der ehelichen Liebe und der Fortpflanzung“ – eingenommen werden. Eine Verwendung von „Viagra“ außerhalb der Ehe sei sowohl aus individual- als auch aus sozialethischen Gründen „nicht zu rechtfertigen“. Das IMABE-Institut hält diese Forderung mit „rein vernünftigen Argumenten“ belegbar. Die Einschränkung auf die Ehe könne also nicht mit dem Hinweis abgetan werden, daß sie nur „religiös motiviert“ sei.

Beziehungsstörungen, Egoismus, mangelnde personale Begegnungs- und Liebesfähigkeit, aber auch Depressionen gingen heute mit Überreizung, mit Hypersexualisierung und überfrachteten sexuellen Höchstansprüchen einher.

Die Ethikkommission des IMABE-Instituts rief die Öffentlichkeit auf, nicht zuzulassen, daß „Viagra“ in ein Instrument zur Luststeigerung umfunktioniert wird. Es wäre „schizophren“ und „unglaubwürdig“, auf den Sexualmißbrauch von Minderjährigen mit Empörung und mit dem Ruf nach strengeren Strafen zu reagieren und gleichzeitig die Verbreitung von „Mitteln der sexuellen Permissivität“ offen zu fördern. Es seien keine weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen nötig, um sicher zu sein, daß jeder Schritt in Richtung Sexualpermissivität zumindest eine indirekte Förderung der Sexualdelikte bedeute. „Wer das eine will, muß sich gefallen lassen, für das andere auch mitverantwortlich gemacht zu werden“, so das kirchliche Institut.

Das Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE-Institut) ist ein Institut der Österreichischen Bischofskonferenz. Einige Mitglieder des IMABE-Instituts sind Träger katholischer Ordensspitäler. Direktor des Instituts – und gleichzeitig Vorsitzender der Ethikkommission des Instituts – ist Primarius Univ.Prof. Dr. Johannes Bonelli. Er ist Direktor des Krankenhauses St. Elisabeth in Wien.