Der Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche

Erwägungen der Kongregation für die Glaubenslehre

1. Im gegenwärtigen Augenblick des Lebens der Kirche ist die Frage nach dem Primat des Petrus und seiner Nachfolger von einer einzigartigen, auch ökumenischen Bedeutung. Johannes Paul II. hat sich häufig in diesem Sinn geäußert, vor allem in der Enzyklika Ut unum sint, in der er besonders an die Bischöfe und an die Theologen die Einladung richtet, »eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet«.1

Die Kongregation für die Glaubenslehre hat die Einladung des Heiligen Vaters aufgenommen und beschlossen, die Thematik unter rein lehrmäßigem Aspekt im Rahmen eines Symposiums zum Thema »Der Primat des Nachfolgers Petri« zu vertiefen. Die Akten dieses Symposiums, das vom 2. bis zum 4. Dezember 1996 im Vatikan stattgefunden hat, wurden veröffentlicht.2

2. In der an die Teilnehmer des Symposiums gerichteten Botschaft schrieb der Heilige Vater: »Die katholische Kirche ist sich bewußt, daß sie in Treue zur apostolischen Tradition und zum Glauben der Väter das Amt des Nachfolgers Petri bewahrt hat.«3 Es besteht tatsächlich die Geschichte der Kirche hindurch eine Kontinuität in der lehrmäßigen Entwicklung über den Primat. Bei der Abfassung des vorliegenden Textes, der als Anhang zum genannten Band der Akten4 erschienen ist, hat die Kongregation für die Glaubenslehre sich der Beiträge der Wissenschaftler bedient, die am Symposium teilgenommen haben. Sie will damit aber weder eine Synthese anbieten noch sich auf offene Fragen einlassen, die weiterer Studien bedürfen. Diese »Erwägungen« - am Rand des Symposiums - wollen nur die »wesentlichen« Punkte der katholischen Glaubenslehre über den Primat, der ein großes Geschenk Christi an seine Kirche ist, in Erinnerung rufen, insofern er einen notwendigen Dienst an der Einheit darstellt und auch oft, wie die Geschichte zeigt, die Freiheit der Bischöfe und der Teilkirchen gegenüber Eingriffen politischer Mächte in Schutz genommen hat.

I. Ursprung, Zielsetzung und Wesen des Primats

3. »An erster Stelle Simon, genannt Petrus«.5 Mit dieser betonten Akzentuierung der Vorrangstellung des Simon Petrus leitet Matthäus in seinem Evangelium die Liste der zwölf Apostel ein, die auch in den beiden anderen synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte mit dem Namen des Simon beginnt.6 Diese Aufzählung, der große Zeugniskraft zukommt, und andere Stellen der Evangelien7 zeigen in Klarheit und Einfachheit, daß der neutestamentliche Kanon die Worte Christi über Petrus und seine Rolle in der Gruppe der Zwölf aufgenommen hat.8 Daher blieb das Bild des Petrus schon in den ersten christlichen Gemeinden, wie später in der ganzen Kirche, das Bild des Apostels, der trotz seiner menschlichen Schwäche von Christus ausdrücklich an die erste Stelle der Zwölf gesetzt und dazu berufen wurde, in der Kirche eine eigene und besondere Funktion auszuüben. Er ist der Fels, auf den Christus seine Kirche bauen wird;9 er ist derjenige, der, einmal bekehrt, im Glauben nicht schwach wird und der die Brüder stärken wird;10 er ist schließlich der Hirte, der die ganze Gemeinschaft der Jünger des Herrn leiten wird.11

In der Gestalt, in der Sendung und im Dienst des Petrus, in seiner Anwesenheit und in seinem Tod in Rom - bezeugt durch die älteste literarische und archäologische Tradition - sieht die Kirche eine zentrale Wirklichkeit, die in einer wesentlichen Beziehung zu ihrem eigenen Gemeinschafts- und Heilsmysterium steht: »Ubi Petrus, ibi ergo Ecclesia.«12 Die Kirche hat von Anfang an und mit zunehmender Klarheit begriffen, daß, wie die Nachfolge der Apostel sich im Dienst der Bischöfe verwirklicht, so auch der dem Petrus übertragene Dienst der Einheit zur fortdauernden Struktur der Kirche Christi gehört und daß diese Sukzession an den Ort seines Martyriums gebunden ist

4. Auf das Zeugnis des Neuen Testamentes gegründet, lehrt die katholische Kirche, daß der Bischof von Rom Nachfolger des Petrus in seinem Primatsdienst in der Gesamtkirche ist.13 Diese Nachfolge erklärt den Vorrang der Kirche Roms,14 zu dem auch die Predigt und das Martyrium des hl. Paulus beigetragen haben.

Im göttlichen Plan über den Primat als »Amt, das vom Herrn ausschließlich dem Petrus, dem ersten der Apostel, übertragen wurde und auf seine Nachfolger übergehen sollte«,15 zeigt sich schon die Zielsetzung des petrinischen Charismas, nämlich »die Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft«16 aller Gläubigen. Der römische Papst ist in der Tat als Nachfolger Petri »das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen«,17 und darum hat er eine besondere Amtsgnade, um der Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft zu dienen, die für die Erfüllung der Heilssendung der Kirche notwendig ist.18

5. In der Konstitution Pastor aeternus des I. Vatikanischen Konzils wurde im Vorwort auf die Zielsetzung des Primats hingewiesen und dann im Hauptteil der Inhalt oder Umfang der päpstlichen Vollmacht dargelegt. Das II. Vatikanische Konzil seinerseits bestätigte und ergänzte die Lehren des I. Vatikanums19 und behandelte hauptsächlich das Thema der Zielsetzung des Primats, wobei dem Geheimnis der Kirche als Corpus Ecclesiarum20 besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Diese Betrachtungsweise erlaubte es, mit größerer Klarheit hervorzuheben, daß der Primat des Bischofs von Rom und das Amt der anderen Bischöfe nicht in Gegensatz zueinander stehen, sondern in einer ursprünglichen und wesentlichen Harmonie sind.21

Wenn daher »die katholische Kirche beteuert, daß das Amt des Bischofs von Rom dem Willen Christi entspricht, trennt sie dieses Amt nicht von der Sendung, die allen Bischöfen anvertraut ist, die gleichfalls "Stellvertreter und Gesandte Christi" (Lumen gentium, 27) sind. Der Bischof von Rom gehört zu ihrem "Kollegium", und sie sind seine Brüder im Amt«.22 Umgekehrt muß man auch daran festhalten, daß die bischöfliche Kollegialität sich nicht der persönlichen Ausübung des Primates entgegenstellt und ihn nicht relativieren darf.

6. Alle Bischöfe sind zur sollicitudo omnium Ecclesiarum23 verpflichtet, insofern sie Mitglieder des Bischofskollegiums sind, das dem Apostelkollegium nachfolgt, zu dem auch die außergewöhnliche Gestalt des hl. Paulus gehörte. Diese universalkirchliche Dimension ihrer episkope (Aufsicht) ist untrennbar von der teilkirchlichen Dimension der ihnen übertragenen Ämter.24 Im Fall des Bischofs von Rom - Stellvertreter Christi in der dem Petrus eigenen Weise als Haupt des Bischofskollegiums25 - gewinnt die sollicitudo omnium Ecclesiarum eine besondere Kraft, weil sie mit »der vollen und höchsten Vollmacht« in der Kirche26 zusammengeht. Diese ist eine wirklich bischöfliche Vollmacht, die nicht nur höchste, volle und universale, sondern auch unmittelbare Vollmacht über alle, sowohl die Hirten als auch die anderen Gläubigen, ist.27 Das Dienstamt des Nachfolgers Petri ist daher nicht ein Dienst, der jede Teilkirche von außen her berührt, sondern es ist eingeschrieben in das Herz jeder Teilkirche, in der »die Kirche Christi wahrhaft gegenwärtig ist und wirkt«28 und die daher die Offenheit für den Dienst der Einheit in sich trägt. Diese Innerlichkeit des Dienstes des Bischofs von Rom in jeder Teilkirche ist auch ein Ausdruck der gegenseitigen Innerlichkeit von Gesamtkirche und Teilkirche.29

Der Episkopat und der Primat, miteinander verbunden und nicht voneinander trennbar, sind göttlicher Einsetzung. Aufgrund der Einrichtung durch die Kirche sind geschichtlich kirchliche Organisationsformen entstanden, in denen ebenfalls eine Vorrangstellung ausgeübt wird. Insbesondere ist sich die katholische Kirche der Funktion der apostolischen Sitze in der Alten Kirche bewußt, vor allem jener, die als petrinisch betrachtet werden - Antiochien und Alexandrien - und Bezugspunkte der apostolischen Tradition sind, in deren Umkreis sich das Patriarchatssystem entwickelt hat. Dieses System ist Teil der Vorsehung, mit der Gott die Kirche leitet, und es trägt seit den Anfängen die Verbindung mit der petrinischen Tradition in sich.30

II. Die Ausübung des Primats und ihre Formen

7. Die Ausübung des Petrusamtes muß - damit sie »nichts von ihrer Glaubwürdigkeit und Transparenz verliert«31 - vom Evangelium her verstanden werden, das heißt von der wesentlichen Einordnung des Primats in das Heilsgeheimnis Christi und vom Aufbau der Kirche her. Der Primat unterscheidet sich in seinem Wesen und in seiner Ausübung von den Leitungsaufgaben, die in den menschlichen Gesellschaften gültig sind:32 Er ist kein Koordinierungs- oder Präsidentenamt, er beschränkt sich weder auf einen Ehrenvorrang, noch darf er wie eine Monarchie politischer Art begriffen werden.

Der römische Bischof steht - wie alle Gläubigen - unter dem Worte Gottes und unter dem katholischen Glauben. Er ist Garant für den Gehorsam der Kirche und in diesem Sinn servus servorum. Er entscheidet nicht nach eigener Willkür, sondern ist Stimme für den Willen des Herrn, der zum Menschen in der von der Überlieferung gelebten und interpretierten Schrift spricht. Mit anderen Worten: Die episkope des Primats hat die Grenzen, die aus dem Gesetz Gottes und der in der Offenbarung enthaltenen, unantastbaren göttlichen Stiftung der Kirche hervorgehen.33 Der Nachfolger Petri ist der Fels, der gegen Willkür und Konformismus eine unerbittliche Treue zum Worte Gottes gewährleistet: Daraus folgt auch der martyrologische Charakter seines Primats.

8. Die charakteristischen Züge der Primatsausübung müssen vor allem von zwei grundlegenden Voraussetzungen her verstanden werden, nämlich von der Einheit des Episkopats und vom bischöflichen Charakter des Primats selbst her. Der Episkopat stellt eine Wirklichkeit dar, die »una et indivisa«34 ist. Der Primat des Papstes beinhaltet die Befugnis, der Einheit aller Bischöfe und aller Gläubigen wirksam zu dienen. Er »wird auf verschiedenen Ebenen ausgeübt; sie betreffen die wachsame Aufsicht über die Weitergabe des Wortes, über die Feier der Sakramente und der Liturgie, über die Mission, über die Disziplin und über das christliche Leben«.35 Auf diesen Ebenen schulden nach dem Willen Christi alle in der Kirche - die Bischöfe und die anderen Gläubigen - dem Nachfolger Petri Gehorsam. Er ist auch Garant für die rechtmäßige Verschiedenheit, die zwischen Riten, Disziplinen und kirchlichen Strukturen des Ostens und des Westens besteht.

9. Der Primat des Bischofs von Rom drückt sich in Anbetracht seines bischöflichen Charakters in erster Linie in der Weitergabe des Wortes Gottes aus. Daher schließt er eine besondere eigene Verantwortung in der Sendung zur Evangelisierung ein,36 da ja die kirchliche Gemeinschaft ihrem Wesen nach dazu bestimmt ist, sich auszubreiten: »Evangelisieren ist die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität.«37

Die bischöfliche Aufgabe, die der römische Bischof in der Weitergabe des Wortes Gottes hat, erstreckt sich auch auf das Innere der ganzen Kirche. Sie ist als solche ein höchstes und universales Lehramt;38 sie ist eine Funktion, die ein Charisma beinhaltet, nämlich einen besonderen Beistand des Heiligen Geistes für den Nachfolger Petri, wozu in gewissen Fällen auch das Vorrecht der Unfehlbarkeit gehört.39 Wie »alle Kirchen sich in voller und sichtbarer Gemeinschaft befinden, weil alle Hirten in Gemeinschaft mit Petrus und so in der Einheit Christi sind«,40 so sind in gleicher Weise die Bischöfe Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit, wenn sie in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren.41

10. Zusammen mit der Lehraufgabe des Primats bringt die Sendung des Nachfolgers Petri für die ganze Kirche die Befugnis mit sich, die Akte kirchlicher Leitung zu setzen, die zur Förderung und Wahrung der Einheit im Glauben und in der Gemeinschaft notwendig oder angemessen sind. Unter diesen wären beispielsweise zu nennen:

das Mandat zur Weihe neuer Bischöfe geben; von diesen das Ablegen des katholischen Glaubensbekenntnisses verlangen; allen helfen, in dem Glauben zu bleiben, den sie bekannt haben. Natürlich gibt es, je nach den Umständen, noch viele andere mögliche Weisen, diesen Dienst der Einheit auszuüben: Gesetze für die ganze Kirche erlassen; pastorale Strukturen für den Dienst einzelner Teilkirchen schaffen; den Beschlüssen von Partikularkonzilien bindende Kraft verleihen; überdiözesane Ordensgemeinschaften approbieren usw. Aufgrund des besonderen Charakters der Primatsgewalt gibt es keine Instanz, der gegenüber der römische Bischof sich über den Gebrauch der empfangenen Gabe von Rechts wegen verantworten müßte: »Prima Sedes a nemine iudicatur.«42 Das bedeutet jedoch nicht, daß der Papst eine absolute Macht hätte: Denn es ist ja ein Kennzeichen des Dienstes der Einheit, eine Folge auch der Gemeinschaft des Bischofskollegiums und des sensus fidei des ganzen Gottesvolkes, auf die Stimme der Teilkirchen zu hören. Dieser Bindung scheint wesentlich mehr Festigkeit und Sicherheit gegeben zu sein als eventuellen Rechtsinstanzen, vor denen der römische Bischof sich verantworten müßte - was im übrigen eine unzulässige Hypothese ist, da sie keine Grundlage hat. Die letzte und unabdingbare Verantwortung des Papstes findet die beste Garantie einerseits in seiner Einordnung in die Tradition und in die brüderliche Gemeinschaft und andererseits im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen Geistes, der die Kirche leitet.

11. Die Einheit der Kirche, in deren Dienst sich der Nachfolger Petri in einzigartiger Weise stellt, erreicht ihren höchsten Ausdruck im eucharistischen Opfer, das Mitte und Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft ist, einer Gemeinschaft, die sich notwendigerweise auch auf die Einheit des Episkopats gründet. Darum »wird jede Eucharistiefeier in Einheit nicht nur mit dem eigenen Bischof, sondern auch mit dem Papst, mit der Gemeinschaft der Bischöfe, mit dem gesamten Klerus und mit dem ganzen Volk vollzogen. In jeder gültigen Eucharistiefeier kommt diese universale Gemeinschaft mit Petrus und mit der ganzen Kirche zum Ausdruck, oder sie wird objektiv verlangt«,43 wie im Fall der Kirchen, die nicht in voller Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl sind.

12. »Die pilgernde Kirche trägt in ihren Sakramenten und Einrichtungen, die noch zu dieser Weltzeit gehören, die Gestalt dieser Welt, die vergeht.«44 Auch deshalb drückte sich das unwandelbare Wesen des Primats des Nachfolgers Petri geschichtlich in Formen aus, die den Verhältnissen einer in dieser wandelbaren Welt pilgernden Kirche angepaßt waren.

Die konkreten Weisen seiner Ausübung charakterisieren den Petrusdienst in dem Maß, in welchem sie die Erfordernisse der letzten, ihm eigenen Zielsetzung (die Einheit der Kirche) auf Umstände von Ort und Zeit treu anwenden und zum Ausdruck bringen. Ihr größerer oder geringerer Umfang wird in jeder Geschichtsepoche von der necessitas Ecclesiae abhängen. Der Heilige Geist hilft der Kirche, diese necessitas zu erkennen. Der römische Bischof hört auf die Stimme des Geistes in den Kirchen, sucht nach der Antwort und bietet sie an, wann und wie er es für angebracht hält.

Folglich kann man den Kern der Glaubenswahrheit über die Kompetenzen des Primats nicht bestimmen, indem man das Mindestmaß an Befugnissen sucht, die vom Papst in der Geschichte ausgeübt wurden. Daher bedeutet die Tatsache allein, daß in einer gewissen Epoche eine bestimmte Aufgabe vom Papst ausgeführt wurde, nicht, daß diese Aufgabe notwendigerweise immer dem römischen Bischof vorbehalten sein müsse; und umgekehrt: die Tatsache allein, daß eine bestimmte Funktion vorher nicht vom Papst ausgeübt worden ist, berechtigt nicht, daraus den Schluß abzuleiten, daß diese Funktion in keiner Weise in Zukunft zur Zuständigkeit des Petrusdienstes gehören könne.

13. Auf jeden Fall ist grundsätzlich festzuhalten, daß die Unterscheidung, ob eventuelle Formen der Ausübung des Petrusamtes seinem Wesen entsprechen, in der Kirche vorzunehmen ist, das heißt unter dem Beistand des Heiligen Geistes und im brüderlichen Dialog des römischen Bischofs mit den anderen Bischöfen gemäß den konkreten Erfordernissen der Kirche. Zu gleicher Zeit aber ist klar, daß nur der Papst (oder der Papst mit dem Ökumenischen Konzil) als Nachfolger Petri die Autorität und die Kompetenz hat, das letzte Wort über die Formen der Ausübung seines Hirtenamtes in der Gesamtkirche zu sprechen.

* * *

14. Die Kongregation für die Glaubenslehre, welche die wesentlichen Punkte der katholischen Lehre über den Primat des Nachfolgers Petri in Erinnerung ruft, ist überzeugt, daß die offizielle Bekräftigung dieser Lehren größere Klarheit über den einzuschlagenden Weg schafft. Diese Bekräftigung ist in der Tat auch von Nutzen, um das immer wieder mögliche Zurückfallen in Voreingenommenheiten und Einseitigkeiten zu vermeiden, die in der Vergangenheit bereits von der Kirche zurückgewiesen wurden (Febronianismus, Gallikanismus, Ultramontanismus, Konziliarismus usw.). Vor allem, wenn wir den Dienst des Dieners der Diener Gottes als ein großes Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit an die Kirche betrachten, werden wir - mit der Gnade des Heiligen Geistes - alle dazu gelangen, die wirksame und volle Einheit mit dem römischen Bischof auf dem täglichen Weg der Kirche in der von Christus gewollten Weise zu leben und treu zu bewahren.45

15. Die vom Herrn gewollte volle Gemeinschaft unter denen, die sich als seine Jünger bekennen, erfordert die gemeinsame Anerkennung eines universalkirchlichen Amtes, »in dem alle Bischöfe sich vereint in Christus anerkennen und alle Gläubigen die Stärkung ihres Glaubens finden«.46 Die katholische Kirche bekennt, daß dieses Amt das Primatsamt des römischen Bischofs, des Nachfolgers Petri, ist. In Demut hält sie standhaft daran fest, »daß die Gemeinschaft der Teilkirchen mit der Kirche von Rom und die Gemeinschaft ihrer Bischöfe mit dem Bischof von Rom - im Plane Gottes - ein grundlegendes Erfordernis für die volle und sichtbare Gemeinschaft ist«.47 In der Geschichte des Papsttums hat es nicht an menschlichen, auch schweren Irrtümern und Mängeln gefehlt: Petrus selbst bekannte ja, ein Sünder zu sein.48 Petrus, ein schwacher Mensch, wurde gerade deshalb zum Felsen erwählt, damit offenbar werde, daß der Sieg Christus allein gehört und nicht menschlichen Kräften zuzuschreiben ist. Der Herr wollte seinen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen49 durch die Zeiten tragen: So ist die menschliche Schwachheit zum Zeichen der Wahrheit der göttlichen Verheißungen geworden.

Wann und wie wird das so sehr ersehnte Ziel der Einheit aller Christen erreicht werden? »Wie ist das zu erreichen? Durch die "Hoffung" auf den Geist, der uns von den Gespenstern der Vergangenheit, von den schmerzlichen Erinnerungen der Trennung abzubringen vermag; er kann uns Klarheit, Kraft und Mut verleihen, um die nötigen Schritte zu unternehmen, so daß unser Engagement immer glaubwürdiger wird.«50 Wir sind alle eingeladen, uns dem Heiligen Geist anzuvertrauen, uns Christus anzuvertrauen, indem wir uns Petrus anvertrauen.

Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt
Tarcislo Bertone, Erzbischof em. von Vercelli, Sekretär
 
 

Anmerkungen

1 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 25. Mai 1995,95.

2 Il Primato del Successore di Pietro, Atti del Simposio teologico, Roma 2-4 dicembre 1996, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1998.

3 Johannes Paul II., Schreiben an Joseph Kardinal Ratzinger: Ebd., 20.

4 Il Primato del Successore di Pietro nel mistero della Chiesa, Considerazioni della Congregazione per la Dottrina della Fede: Ebd., Appendice, 493-503. Der Text ist auch in einer eigenen von der Libreria Editrice Vaticana herausgegebenen Broschüre veröffentlicht worden.

5 Mt 10,2.

6 Vgl. Mk 3,16; Lk 6,14; Apg 1,13.

7 Vgl. Mt 14,28-31; 16,16-23 u. Par.; 26,33-35 u. Par.; Lk 22,32; Joh 1,42; 6,67-70; 13,36-38; 21,15-19.

8 Das Zeugnis für das Petrusamt findet sich in allen unterschiedlichen Ausdrucksformen der neutestamentlichen Tradition, sowohl bei den Synoptikern - hier mit verschiedenen Zügen bei Matthäus und Lukas wie auch beim hl. Markus - als auch in den paulinischen Schriften und in der johanneischen Tradition, stets mit eigenen Elementen, verschieden hinsichtlich der narrativen Aspekte, aber zutiefst übereinstimmend in der wesentlichen Bedeutung. Das ist ein Zeichen dafür, daß die petrinische Wirklichkeit als konstitutive Gegebenheit der Kirche betrachtet wurde.

9 Vgl. Mt 16,18.

10 Vgl. Lk 22,32.

11 Vgl. Joh 21,15-17. Zum neutestamentlichen Zeugnis über den Primat vgl. auch Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 90 ff.

12 Hl. Ambrosius v. Mailand, Enarrationes in Ps, 40,30: PL 14, 1134.

13 Vgl. z.B. hl. Siricius I., Brief Directa ad decessorem, 10. Februar 385: DH 181; II. Konzil v. Lyon, Professio fidei v. Michael Palaiologos, 6. Juli 1274: DH 861; Clemens VI., Brief Super quibusdam, 29. September 1351: DH 1053; Konzil v. Florenz, Bulle Laetentur caeli, 6. Juli 1439: DH 1307; Pius IX., Enzyklika Qui pluribus, 9. November 1846: DH 2781; I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, 2. Kap.: DH 3056-3058; II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 21-23; Katechismus der Katholischen Kirche, 882; usw.

14 Vgl. hl. Ignatius v. Antiochien, Epist. ad Romanos, Intr.: SChr 10, 106-107; hl. Irenäus v. Lyon, Adversus haereses, III, 3,2: SChr 211,32-33.

15 II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 20.

16 I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, Vorrede: DH 3051; vgl. hl. Leo d. Gr., Tract. in Natale eiusdem, IV,2: CCL 138, S.19.

17 II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 23; vgl. I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, Vorrede: DH 3051; Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 88; Pius IX., Schreiben des Hl. Offiziums an die Bischöfe von England, 16. September 1864: DH 2888; Leo XIII., Enzyklika Sans cognitum, 29. Juni l896: DH 3305-3310.

18 Vgl. Joh 17,21-23; II. Vatikan. Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, l; Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 8. Dezember 1975, 77; Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 98.

19 Vgl. II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 18.

20 Vgl. ebd., 23.

21 Vgl. I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, 3. Kap.: DH 3061; Gemeinsame Erklärung der deutschen Bischöfe, Januar - Februar 1875: DH 3112-3113; Leo XIII., Enzyklika Satis cognitum, 29. Juni 1896: DH 3310; II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 27. In der Ansprache nach der Promulgation der Konstitution Pastor aeternus erklärte Pius IX.: »Summa ista Romani Pontificis auctoritas, Venerabiles Fratres, non opprimit sed adiuvat, non destruit sed aedificat, et saepissime confirmat in dignitate, unit in caritate, et Fratrum, scilicet Episcoporum, iura firmat atque tueatur« (Mansi 52,1336 A/B).

22 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 95.

23 2 Kor 11,28.

24 Die ontologische Priorität des Mysteriums der Gesamtkirche in bezug auf jede einzelne Teilkirche (vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Communionis notio, 28. Mai 1992,9) unterstreicht auch die Bedeutung der universalkirchlichen Dimension des Dienstes eines jeden Bischofs.

25 Vgl. I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, 3. Kap.: DH 3059; II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 22; Konzil von Florenz, Bulle Leaetentur caeli, 6. Juli 1439: DH 1307.

26 Vgl. I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, 3. Kap.: DH 3060,3064.

27 Vgl. ebd.; II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 22.

28 II. Vatikan. Konzil, Dekret Christus Dominus, 11.

29 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Communionis notio, 13.

30 Vgl. II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 23; Dekret Orientalium Ecciesiarum, 7 und 9.

31 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 93.

32 Vgl. ebd., 94.

33 Vgl. Gemeinsame Erklärung der deutschen Bischöfe, Januar - Februar 1875: DH 3114.

34 I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, Vorrede: DH 3051.

35 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 94.

36 Vgl. II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 23; Leo XIII., Enzyklika Grande munus, 30. September 1880: AAS 13 (1880) 145; CIC, can. 782 § l.

37 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 14; vgl. CIC, can. 781.

38 Vgl. I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, 4. Kap.: DH 3065-3068.

39 Vgl. ebd.: DH3073-3074; II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25; CIC, can. 749 § l; CCEO, can. 597 § l.

40 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 94.

41 Vgl. II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25.

42 CIC, can. 1404; CCEO, can. 1058; vgl. I. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Pastor aeternus, 3. Kap.: DH 3063.

43 Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Communionis notio, 14; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1369.

44 II. Vatikan. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 48.

45 Vgl. ebd., 15.

46 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 97.

47 Ebd.

48 Vgl. Lk 5,8.

49 Vgl. 2 Kor 4,7.

50 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 102.
 

Text aus: L'OSSERVATORE ROMANO dt., 11. Dezember 1998; Orig. ital. in O.R. 31.10.98.
HTML-Format erstellt von Dr. Josef Spindelböck. Irrtum vorbehalten.

SANKT JOSEF - www.stjosef.at