Papst Johannes Paul II. (1978-2005)
Erstes Grußwort und Segen an die Gläubigen
nach seiner Wahl am 16. Oktober 1978
Gelobt sei Jesus Christus!
Liebe Brüder und Schwestern!
Wir sind immer noch von Schmerz erfüllt nach dem Tod unseres geliebten Papstes Johannes Paul I. Und hier haben die ehrwürdigen Kardinäle einen neuen Bischof von Rom berufen. Sie haben ihn aus einem fernen Land gerufen; es ist weit weg, aber doch immer nahe durch die Gemeinschaft im Glauben und in der christlichen Überlieferung. Ich hatte Angst davor, diese Ernennung anzunehmen, aber im Geist des Gehorsams gegenüber unserem Herrn Jesus Christus und im ganzen Vertrauen auf seine Mutter, die heiligste Madonna, habe ich es getan.
Ich weiß nicht, ob ich mich gut in eurer, [er verbessert sich:] in unserer italienischen Sprache ausdrücken kann. Wenn ich einen Fehler mache, werdet ihr mich korrigieren! Und so stelle ich mich euch allen vor, um unseren gemeinsamen Glauben zu bekennen, unsere Hoffnung, unser Vertrauen auf die Mutter Christi und der Kirche, und auch um von neuem einen Anfang zu machen auf diesem Weg der Geschichte und der Kirche, mit der Hilfe Gottes und der Hilfe der Menschen.
Italienisches Original:
Johannes Paul II.
(1978-2005)
Die erste Botschaft nach seiner
Wahl
verlesen beim Gottesdienst in der
Sixtinischen Kapelle, 17. Oktober 1978
Quelle:
Wort und Weisung im Jahr 1978 (Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II.),
Kevelaer-Vatikan 1979, Teil Johannes Paul II: 53-61
IN DER NACHFOLGE DES KONZILS
Ehrwürdige Brüder, liebe Söhne der heiligen Kirche, all ihr Menschen guten Willens,
die ihr uns Gehör schenkt!
Unter so vielen anderen Worten kam uns eins sofort
auf die Lippen, als wir auf den Stuhl Petri erhoben wurden: es ist das Wort,
das die ungeheure Verantwortung, die uns übertragen wurde, ins rechte Licht
stellt, wenn wir die engen Grenzen unserer menschlichen Möglichkeiten ihr
gegenüberstellen: „O Tiefe … der Weisheit und der Erkenntnis! Wie unergründlich
sind seine Urteile, wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm
11, 33). Wer konnte denn voraussehen, daß wir
nach dem Tod Pauls VI., dessen Gedächtnis immer bei uns lebendig bleibt, auch
den raschen Tod seines liebenswürdigen Nachfolgers Johannes Pauls I. erleben
würden? Und wie konnten wir selbst voraussehen, daß
ihre ungeheure Erbschaft auf unsere Schultern gelegt würde? Deshalb müssen wir
den verborgenen Ratschluß Gottes, seiner Vorsehung
und Güte, bedenken, nicht um ihn zu durchschauen, sondern um ihn anzubeten und
unsere Gebete auf ihn auszurichten. Wir fühlen uns also verpflichtet, mit den
Worten des Psalmisten, als er seine Augen zum Himmel erhob, auszurufen: „Woher
kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn!“ (Ps
121,1 f.).
Diese Ereignisse, die niemand voraussehen konnte und
die in so kurzer Zeit aufeinanderfolgten, und das
Unvermögen, darauf eine Antwort geben zu können, drängen uns nicht nur, unseren
Sinn auf den Herrn zu wenden und uns ihm ganz anzuvertrauen, sondern hindern
uns auch, ein Programm unseres Pontifikates zu entwerfen, das tägliche Überlegung
und sorgfältige Durcharbeitung erfordert. Statt dessen
wollen wir schon jetzt eine Art Grundsatzerklärung im Bewußtsein
um die tröstende Gegenwart Gottes vorlegen.
Es ist nämlich kaum ein Monat vergangen, seit wir
alle in dieser durch ihre Geschichte berühmten Sixtinischen Kapelle und außerhalb
Papst Johannes Paul I. zu Beginn seines Amtes haben sprechen hören, auf das so
große Hoffnungen gesetzt werden durften. Wir glauben, diese Ansprache nicht
übergehen zu dürfen, sei es wegen der Erinnerung daran, die noch in uns
lebendig ist, sei es wegen der klugen Mahnungen und Ratschläge, die in ihr
enthalten waren. Seine Worte scheinen trotz der veränderten Umstände, unter
denen sie gesprochen wurden, auch jetzt noch ihre Kraft zu behalten. Wir können
sie also zu Beginn dieses neuen Pontifikates, das uns anvertraut wurde, vor
Gott und der Kirche nicht beiseite legen.
Wir wollen aber jene Kapitel, die wir für besonders
wichtig halten, nach unserem Vorsatz und mit Gottes Hilfe nicht nur aufmerksam
und zustimmend weiterverfolgen, sondern ihnen auch ständig neue Anstöße geben,
damit sie im wirklichen Leben der Kirche eine Antwort finden. Vor allem wollen
wir an das Zweite Vatikanische Ökumenische Konzil
erinnern, das uns zu seiner sorgfältigen Durchführung verpflichtet. Ist denn
diese allgemeine Kirchenversammlung nicht ein Meilenstein und ein Ereignis von
höchster Bedeutung in der 2000jährigen Geschichte der Kirche und infolgedessen
in der religiösen Geschichte der Welt und der Menschheitsentwicklung? Das
Konzil steht aber nicht nur in den Dokumenten und endet nicht nur in den
Initiativen zu seiner Durchführung, die in den Jahren nach dem Konzil
unternommen wurden. Wir halten es für unsere erste Pflicht, die sorgfältige
Durchführung der Konzilsdekrete und Bestimmungen zu fördern, was wir in ebenso
kluger wie aneifernder Weise tun müssen mit dem Ziel, daß
vor allem eine entsprechende Geisteshaltung heranwächst. Denn es ist nötig, daß zuerst die Gesinnung sich dem Konzil anpaßt, damit seine Bestimmungen in die Praxis überführt
werden können und damit das, was zwischen den Zeilen steht oder, anders
ausgedrückt, implizit darin enthalten ist, unter Berücksichtigung der
inzwischen gemachten Erfahrung und der Forderungen, die sich aus den neuen
Umständen ergeben, herausgearbeitet wird. Kurz gesagt: der fruchtbare Samen,
den die Väter des Ökumenischen Konzils, vom Wort Gottes genährt, in gute Erde
gesät haben (vgl. Mt 13, 8-23), d.h.
die bedeutenden Dokumente und Pastoralbestimmungen sollen im Leben zur Reife
gebracht werden.
Dieser generelle Entschluß
zur Treue gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der ausdrückliche
Wille, es, soweit es auf uns ankommt, zum Erfolg zu führen, kann verschiedene
Punkte einschließen: die Glaubensverbreitung und die Ökumene, die Disziplin und
Organisation der Kirche; aber der Punkt, auf den wir besonders große Sorgfalt
verwenden werden, ist der ekklesiologische. Ehrwürdige Brüder und liebe Söhne
der ganzen katholischen Kirche! Wir müssen wieder die Magna Charta des Konzils,
d. h. die Dogmatische Konstitution Lumen gentium in die Hand nehmen, um mit erneuertem und
größerem Eifer die Natur und die Aufgabe der Kirche zu betrachten, ihre Art der
Existenz und der Tätigkeit. Wir müssen dies in der Absicht tun, daß nicht nur die lebendige Gemeinschaft in Christus derer,
die an Christus glauben und auf ihn hoffen, bewirkt wird, sondern auch um einen
Beitrag zu leisten zur größeren und festeren Einheit der ganzen
Menschheitsfamilie. Papst Johannes XXIII. drückte das mit den Worten aus: „Die
Kirche Christi ist das Licht der Völker.“ Denn die Kirche ist — das Konzil nahm
seine Worte wieder auf — das allgemeine Sakrament des Heils und der Einheit für
das Menschengeschlecht (vgl. Lumen gentium, Nr. 1, 48; Ad gentes,
Nr. 1).
Das Heilsgeheimnis, das sich auf die Kirche als
Mittelpunkt bezieht und das durch die Kirche zum Erfolg geführt wird; die
dynamische Kraft, die durch dieses Geheimnis das Volk Gottes antreibt; die
besondere Verbindung oder kollegiale Form, die die Hirten der Kirche
untereinander, „mit Petrus und unter Petrus“, verbindet, sind Kapitel, die wir
nie genug überdenken können, damit wir angesichts der ständigen oder
zeitgebundenen Bedürfnisse der Menschen die Art und Weise erkennen, in denen
die Kirche gegenwärtig und tätig sein muß. Deshalb
wird die Zustimmung, die diesem Konzilsdokument zu leisten ist, im Licht der
Überlieferung und der dogmatischen Formeln des Ersten Vatikanischen Konzils uns
Hirten und den Gläubigen ein sicherer Weg und ein Anstoß sein, um — wir sagen
es noch einmal — auf den Wegen des Lebens und der Geschichte zu wandeln. Aus
besonderem Grund betonen wir — damit
wir uns der zu übernehmenden Pflicht immer bewußter
werden —, das kollegiale Band gründlicher zu berücksichtigen, das die Bischöfe
eng mit den Nachfolgern des hI. Petrus und
untereinander verbindet, zur Erfüllung der ihnen anvertrauten Aufgaben der
Evangelisierung, der Heiligung durch die Mittel der Gnade und der Leitung des
ganzen Gottesvolkes. Diese kollegiale Form gehört zweifellos auch zum
Fortschritt der Einrichtungen, die teils neu, teils den heutigen
Notwendigkeiten angepaßt sind und durch die eine
möglichst große Einheit der Gesinnung, der Vorsätze, der Initiativen beim Werk
des Aufbaus des Leibes Christi, der Kirche (vgl. Eph
4,12; Kol 1,24), erreicht werden
soll. Hierzu erinnern wir vor allem an die Einrichtung der Bischofssynoden, die
vor Ende des Konzils von der bedeutenden Persönlichkeit Pauls VI. geschaffen
wurde (vgl. Motu proprio
Apostolica sollicitudo, AAS,
LVII, 1965, S.775—780).
Aber über das Konzil hinaus sind wir zur Treue
gegenüber dem Amt, das wir übernommen haben, in seiner ganzen Breite
verpflichtet. Berufen zum höchsten Amt in der Kirche, verpflichtet gerade uns
diese Stellung zu vorbildlichem Beispiel an Entschlossenheit und Einsatz. Wir
müssen diese Treue mit allen Kräften zum Ausdruck bringen, was sich nur
durchführen läßt, wenn wir den Schatz des Glaubens
unversehrt bewahren, indem wir besonders jene Gebote Christi erfüllen, mit
denen er den Simon als dem von ihm eingesetzten Fels der Kirche die Schlüssel
des Himmelreiches gegeben bat (vgl. Mt 16,18).
Ihm befahl er, die Brüder zu stärken (vgl. Lk
22,32) und die Lämmer und Schafe seiner Herde zu weiden zum Beweis seiner
Liebe (vgl. Joh 21,15 ff.). Wir sind
tief überzeugt, daß jede moderne Untersuchung über
das sogenannte „Petrusamt“ mit dem Ziel, das
Besondere und Spezifische an ihm immer besser herauszuarbeiten, nicht an diesen
drei Sätzen des Evangeliums vorbeigehen kann und darf. Es handelt sich
tatsächlich um drei Amtsverpflichtungen, die mit der Natur der Kirche selber
zusammenhängen, zur Bewahrung ihrer inneren Einheit und zum Schutz ihres
geistigen Auftrags. Sie sind nicht nur dem hl. Petrus, sondern auch seinen
rechtmäßigen Nachfolgern aufgegeben. Wir sind überzeugt, daß
dieses einzigartige Amt sich immer aus der Quelle der Liebe nähren muß. Auch die Atmosphäre, in der es sich entfaltet, muß sich davon nähren. Denn die Liebe ist die notwendige
Antwort auf die Frage Jesu: „Liebst du mich?“ Deshalb gefällt es uns, die Worte
des hl. Paulus zu wiederholen: „Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14),
denn wir wollen, daß unser Amt von Anfang an ein Amt
der Liebe sei und dies auf jede Weise darstellt und ausdrückt.
Dabei werden wir uns bemühen, dem Beispiel und der
hohen Schule unserer Vorgänger zu folgen. Wer erinnert sich nicht an die Worte
Pauls VI., der „die Gesellschaft im Zeichen der Liebe“ verkündete und in
prophetischer Weise ungefähr einen Monat vor seinem Tod bekräftigte: „Ich habe
den Glauben bewahrt“ (vgl. Homilie am Fest Peter und Paul, 20.6.78),
nicht um sich selbst zu loben, sondern um nach einem 15jährigen Pontifikat sein
Gewissen zu erforschen.
Was aber sollen wir von Johannes Paul sagen? Es
scheint uns, als wäre er erst gestern aus unserem Kreis gegangen, um das
päpstliche Gewand, das schwerer wiegt als man glaubt, anzulegen. Aber welch
glühende Liebe, mehr noch, welch überströmende Liebe — wie er sie in seiner
letzten Ansprache vor dem sonntäglichen Angelus ausdrückte — ist in den wenigen
Tagen seines Pontifikates von ihm in die Welt ausgegangen! Das wird auch durch
die klugen Katechesen bestätigt, die er bei den öffentlichen Audienzen über Glaube,
Hoffnung und Liebe hielt.
Ehrwürdige Brüder im Bischofsamt und geliebte Söhne!
Zur Treue gehört ohne Zweifel auch, wie sich von selbst versteht, der Gehorsam
gegen das Lehramt Petri, vor allem in Fragen der Lehre. Man muß
immer das „objektive“ Moment bei diesem Lehramt beachten und bewahren, zumal
angesichts der Schwierigkeiten, die man in unserer Zeit da und dort bestimmten
Glaubenswahrheiten macht. Zur Treue gehört ferner die genaue Einhaltung der
liturgischen Normen, welche die kirchliche Autorität erlassen hat. Abzulehnen
ist daher auch jene Haltung, die willkürlich und ohne amtliche Billigung
Neuerungen einführt, wie auch jene andere Haltung, die sich hartnäckig weigert,
das, was für die heiligen Riten legitim festgelegt wurde und nun zu ihnen
gehört, anzunehmen. Die Treue bezieht sich auch auf die große Disziplin der Kirche,
von der unser unmittelbarer Vorgänger gesprochen hat. Sie ist nicht von der
Art, daß sie niederdrückt oder, wie man sagt,
abtötet; sie will vielmehr die rechte Ordnung des mystischen Leibes Christi
schützen und gleichsam bewirken, daß die Verbindung
aller Glieder, aus denen er besteht, natürlich und normal ihren Aufgaben
entsprechend funktioniert. Treue ist endlich das gleiche wie die Erfüllung der
Anforderungen des Priester- und Ordensiebens, so daß
alles, was man in Freiheit vor Gott versprochen hat, auch immer gehalten wird
und sich entfaltet, indem man sein Leben beständig von übernatürlichen
Grundsätzen leiten läßt.
Was schließlich die Gläubigen angeht, so weist schon
ihr Name auf die Treue hin: Diese muß daher die ihrer
christlichen Berufung natürlicherweise entsprechende Haltung sein. Bereitwillig
und ehrlich mögen sie ihre Treue bezeugen im Gehorsam gegenüber ihren
geistlichen Oberhirten, die der Heilige Geist für die Leitung der Kirche
eingesetzt hat (vgl. Apg 20,28); sie
mögen sich auch gern an jenen Werken beteiligen, zu denen sie aufgerufen
werden.
Wir möchten an dieser Stelle auch nicht unsere Brüder
und Schwestern aus den anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften
vergessen. Die Sache des Ökumenismus ist derart erhaben und erfordert Klugheit,
daß wir jetzt nicht davon schweigen können. Wie oft
haben wir gemeinsam über den letzten Willen Christi betend nachgedacht, der für
seine Jünger vom Vater das Geschenk der Einheit erbat (vgl. Joh 17, 2 1-23)? Wer erinnert sich nicht daran, wie oft
der hl. Paulus die „Einheit des Geistes“ betont hat, aus der heraus die Jünger
Christi „die gleiche Liebe üben, eines Sinnes und eines Herzens sein“ sollten
(vgl. Phil 2,2.5-8)? Man möchte es daher kaum glauben, daß unter den Christen immer noch eine Spaltung zu beklagen
ist, die anderen Anlaß zum Zweifel oder gar zum
Ärgernis wird. Daher wollen wir den Weg, der schon glücklich begonnen wurde,
fortsetzen und alles fördern, was Hindernisse beseitigen kann; wir wünschen uns
dabei, daß wir in vereintem Bemühen doch schließlich
zur vollen Einheit gelangen.
Wir wenden uns auch an alle Menschen, die als Kinder
des allmächtigen Gottes unsere Brüder und Schwestern sind: Wir müssen sie
lieben und ihnen dienen. Daher möchten wir ihnen ohne Überheblichkeit, vielmehr
in echter Demut, unseren Willen kundtun, einen wirklichen Beitrag zum immer
aktuellen und wichtigen Anliegen des Friedens, des Fortschritts und der Gerechtigkeit
unter den Völkern zu leisten. Wir haben dabei keineswegs die Absicht, uns in
politische Angelegenheiten oder in die Regelung weltlicher Dinge einzumischen.
Denn wie die Kirche nicht in irgendeiner irdischen Gestalt aufgehen kann, so
leiten uns beim Aufgreifen gerade dieser Fragen der Menschen und Völker
ausschließlich religiöse und moralische Gründe. Wir stehen in der Nachfolge
dessen, der den Seinen jenes vollkommene Verhalten nahelegte,
Salz der Erde und Licht der Welt zu sein (vgl. Mt
5,13—16). Wir wollen uns daher um die Festigung der geistlichen Grundlagen
bemühen, auf welche sich die menschliche Gesellschaft stützen muß. Wir fühlen uns zur Wahrnehmung dieser Aufgabe um so
mehr verpflichtet, je mehr die Gegensätze und Zwistigkeiten andauern, die in
nicht wenigen Teilen der Welt zu Auseinandersetzungen und Konflikten geführt
haben und zur immer größeren Gefahr weiteren entsetzlichen Unheils werden. Wir
werden daher beharrlich — in rechtzeitigem und selbstlosem Bemühen, das sich
nur vom Geist des Evangeliums leiten läßt — diese
Fragen aufgreifen. Wir möchten uns jetzt wenigstens jene schwere Sorge zu eigen machen, die das Kardinalskollegium während der Sedisvakanz
des Apostolischen Stuhls über die Lage im geliebten Libanon und für dessen Volk
gezeigt hat, denen wir alle von ganzem Herzen Frieden in Freiheit wünschen.
Zugleich aber möchten wir auch allen Völkern und jedem einzelnen unsere Hand
entgegenstrecken und besonders jenen unsere Sympathie aussprechen die unter Ungerechtigkeit
und Diskriminierung zu leiden haben, ob auf wirtschaftlichem, sozialem oder
politischem Gebiet, ob es um die Gewissensfreiheit geht oder auch um die
gebührende Religionsfreiheit. Wir müssen mit allen Mitteln danach streben, daß sämtliche Formen der Ungerechtigkeit, die heute
vorkommen, gemeinsam erwogen und wirklich beendet werden, so daß alle Menschen ein wahrhaft menschenwürdiges Leben
führen können. Dies gehört auch zur Sendung der Kirche, die sich darüber auf
dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht nur in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium sondern
auch in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes ausgesprochen
hat.
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne! Die Ereignisse
der jüngsten Zeit in Kirche und Welt sind für uns alle eine heilsame Mahnung.
Wie wird unser Pontifikat verlaufen? Welches wird das Schicksal der Kirche nach
Gottes Fügung in den nächsten Jahren sein? Welchen Weg wird die Menschheit am
Ausgang dieses Jahrhunderts einschlagen, das sich dem Jahr 2000 nähert? Auf
diese kühnen Fragen gibt es nur eine Antwort: Gott weiß es! (vgl. 2 Kor 12,2.3).
Wie unser persönliches Leben verläuft, nachdem uns die schwere Last des
Apostolischen Dienstes unerwartet auferlegt worden ist, bedeutet kaum etwas.
Unsere eigene Person — das möchten wir hier mit aller Deutlichkeit sagen — muß völlig hinter dem schweren Amt zurücktreten, dem wir
gerecht werden müssen. Daher werden unsere Worte auch zur Bitte. Nachdem wir
unser Gebet an Gott gerichtet haben, spüren wir, daß
wir auch euer Gebet brauchen, damit uns jene unerläßliche
übernatürliche Hilfe zuteil wird, die wir zur Weiterführung der Aufgabe unserer
Vorgänger dort nötig haben, wo diese sie aus der Hand legten.
Mit der lebendigen Erinnerung an diese Vorgänger
verbinden wir den Gruß, den wir voll Anerkennung und Dankbarkeit an jeden von
euch, ehrwürdige Brüder, richten. Wir grüßen ferner voll Vertrauen und
Zuversicht auch alle unsere übrigen Brüder im Bischofsamt, die in den
verschiedenen Teilen der Welt die dortige Kirche, den ihnen so lieben Teil des
Volkes Gottes (vgl. Dekret Christus Dominus, Nr.
11), leiten und sich dafür einsetzen, daß das Wohl der
Gesamtkirche zunimmt. Hinter ihnen erblicken wir die Scharen der Priester und
die große Zahl der Missionare, die Gruppen der Ordensmänner und Ordensfrauen,
und wir wünschen sogleich aus ganzem Herzen, daß ihre
Zahl wachse. Wir rufen uns die Worte des Herrn ins Gedächtnis: „Die Ernte ist
groß, doch der Arbeiter sind wenige.“ Wir denken ferner an die Familien und
christlichen Gemeinschaften, an die zahlreichen Verbände des Apostolates, an
alle Gläubigen, die wir freilich nicht alle einzeln kennen, die aber dennoch
keine namenlose Menge sind. Sie sind uns nicht fremd
und auch keineswegs niederen Ranges, gehören sie doch zur erhabenen
Gemeinschaft der Kirche Christi. Unter ihnen aber blicken wir besonders
aufmerksam auf die Schwächeren, die armen, kranken und von Sorgen gequälten
Menschen. Ihnen besonders steht schon vom Anfang unseres obersten Hirtenamtes
an unser Herz offen. Habt ihr, Brüder und Schwestern, in eurem Leiden nicht
Anteil am Leiden unseres Herrn und Erlösers, und bringt ihr es nicht zur Fülle?
Der unwürdige Nachfolger des hl. Petrus, der „die unerforschlichen Reichtümer
Christi“ zu erschließen
sucht, bedarf dringend eurer Hilfe, eurer Gebete, eurer Hingabebereitschaft,
eurer Opfer.
Wir wollen auch euch grüßen, geliebte Brüder und
Söhne, die ihr uns hört,
denn mit unzerstörbarer Liebe sind wir dem Land verbunden, in dem wir geboren
wurden. Wir grüßen daher besonders alle Bürger unseres „immer getreuen“ Polens,
auch die Priester und Gläubigen der Kirche von Krakau. Mit unserem Gruß
verbinden sich viele Erinnerungen und Empfindungen, zartes Heimweh und unzerstörbare
Hoffnung.
In dieser Stunde voll Schwierigkeiten und Angst
können wir uns nur an die Jungfrau Maria wenden, die im Geheimnis Christi immer
als Mutter lebt und mitwirkt. Wir wenden uns ihr in kindlicher Verehrung zu und
wiederholen die Worte „Ganz allein Dir!“, die wir vor 20 Jahren am Tag unserer
Bischofsweihe in unserem Herzen und in unserem Wappen eingeschrieben haben. Wir
rufen ferner die hIl. Apostel Petrus und Paulus und
alle Heiligen und Seligen der ganzen Kirche an. Zugleich grüßen wir jetzt alle
Menschen, die Alten, die Erwachsenen, die Jugendlichen, die Kinder und
Kleinkinder, und unser Herz ist so voll von väterlicher Zuneigung, daß wir diese auch in Worte fassen müssen. Wir wünschen ihnen
aufrichtig, sie alle mögen „in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und
Retters Jesus Christus wachsen“ (2 Petr 3,18), wie es der Apostelfürst
gewünscht hat. Allen erteilen wir unseren ersten Apostolischen Segen, der nicht
nur ihnen persönlich sondern auch der gesamten Menschheitsfamilie die Fülle der
Gnaden unseres Vaters im Himmel schenken möge. Amen.