Dogmatische Bulle
„INEFFABILIS DEUS“
unseres Heiligen Vaters Pius IX.,
durch göttliche Vorsehung Papst
zur Erklärung des
Dogmas der
Unbefleckten
Empfängnis
8. Dezember 1854
Quelle: Heilslehre der Kirche. Dokumente von
Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P.
Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulusverlag
Freiburg/Schweiz 1953, S. 306-325, Rnr. 510-545; Imprimatur Friburgi Helv., die
22. maii 1953 L. Waeber V. G). Das lateinische Original von „Ineffabilis Deus“
findet sich in: Pii IX Acta, pars 1a, vol. I, p.597.
Elektronische Fassung für www.stjosef.at digitalisiert
von Armin Jauch. HTML-Format erstellt am 22. September 2004 und aktualisiert am
09. Dezember 2012 von Prof. Dr. Josef Spindelböck. Irrtum
vorbehalten.
Einleitung:
1.
Erlösung und Menschwerdung im Ratschlusse Gottes (510)
2.
Marias Sonderstellung (511)
3.
Begründung dieser Auserwählung (512)
A.
In der Liturgie der Kirche (513-514)
1.
Das Offizium von der Unbefleckten Empfängnis (515)
2.
Kirchliche Titel und Patronate (516)
3.
Die liturgische Festfeier (517)
4. Die Lauretanische Litanei (518)
5.
Ausdehnung des Festes auf die Gesamtkirche (519)
B.
In der Lehre der Kirche:
1.
Verlautbarungen der Päpste (520)
a) Zeugnis Alexanders VII. (521)
b) Übereinstimmung aller Vorgänger (522)
c) Maßnahmen gegen Anfeindungen (523-525)
2.
Einstimmige Lehre der Theologen (526)
3.
Die Lehre des Konzils von Trient (527)
4.
Schriftauslegung der Kirchenväter (528)
a) Das Protoevangelium (529)
b) Vorbilder im Alten Testament (530-531)
c) Der Gruß des Engels an Maria (532)
d) Vergleich mit Eva (533)
5.
Mariologie der Kirchenväter:
a) Vergleiche und Gleichnisse (534)
b) Marias ursprüngliche Makellosigkeit
(535)
c) Ihre vollkommene Gnadenausstattung (536)
d) Königin der Engel und Heiligen (537)
ll. Vorgeschichte der Glaubenserklärung
1.
Einmütige Bittschriften (538)
2.
Vorarbeiten des Lehramtes (539)
3.
Vorentscheid der Bischöfe und Theologen (540)
4.
Der Entscheid des Papstes (541)
1.
Formulierung des Glaubenssatzes (542)
2.
Lobpreis der Unbefleckten Jungfrau (543)
Schluß
1.
Aufruf zu vertrauensvoller Verehrung (544)
2.
Schlußbestimmungen (545)
510 Der über alle Worte erhabene Gott, dessen Wege
Erbarmen und Wahrheit[1],
dessen Wille die Allmacht ist, dessen Weisheit machtvoll wirkt von
einem Ende bis zum anderen[2]
und in Milde alles lenkt, sah von Ewigkeit her das unheilvolle Verderben des
ganzen Menschengeschlechtes infolge der Sünde Adams voraus. In seinem
geheimnisvollen, der Welt verborgenen Ratschluß beschloß er aber, das erste
Werk seiner Güte durch die Menschwerdung des Wortes auf eine noch
unbegreiflichere Weise zu ergänzen. Denn der Mensch, der entgegen seinen
liebevollen Absichten durch die List des Teufels in Schuld geraten war, sollte
nicht zugrundegehen, und das, was durch den ersten Adam gefallen war, sollte
durch den zweiten weit glücklicher wieder aufgerichtet werden. 511 Darum wählte er von Anfang an und vor
aller Zeit schon für seinen eingeborenen Sohn eine Mutter aus, und bestimmte,
daß er von ihr in der seligen Fülle der Zeiten als Mensch geboren werden
sollte; ihr wandte er mehr als allen anderen Geschöpfen seine besondere Liebe zu
und fand an ihr allein sein höchstes Wohlgefallen. So überhäufte er sie weit
mehr als alle Engel und Heiligen mit einer Fülle himmlischer Gnadengaben, die
er aus der Schatzkammer seiner Gottheit nahm, begnadete sie so wunderbar, daß
sie allzeit frei blieb von jeder Makel der Sünde, daß sie ganz schön und
vollkommen wurde und eine solche Fülle von Reinheit und Heiligkeit besaß, daß
man, außer in Gott, eine größere sich nicht denken kann und dass niemand außer
Gott sie begreifen kann. 512 Und es
war auch ganz entsprechend, daß sie stets im Glanze vollkommenster Heiligkeit
strahlte, daß sie sogar frei blieb von der Makel der Erbsünde und so über die
alte Schlange einen vollen Sieg errang, sie, die verehrungswürdige Mutter, der
Gott Vater seinen einzigen Sohn, der aus seinem Schoße ihm wesensgleich
hervorgeht und den er liebt wie sich selbst, voll und ganz anvertrauen wollte.
So sollte auf Grund natürlicher Bande ein und dieselbe Person das gemeinsame
Kind Gott Vaters und der Jungfrau werden. Der Sohn selber aber erwählte sich
diese Mutter, und der Heilige Geist wollte und bewirkte, daß der von ihr
empfangen und geboren wurde, aus dem er selbst hervorgeht.
513 Diese Reinheit der hochheiligen Jungfrau von der
Erbsünde, die ja mit ihrer wunderbaren Heiligkeit und ihrer erhabenen Würde als
Gottesmutter zusammenhängt, hat die heilige katholische Kirche, die vom
Heiligen Geiste belehrt wird und stets eine Säule und Grundfeste der Wahrheit
ist, als eine von Gott mitgeteilte und im Glaubensgut der göttlichen Offenbarung
enthaltene Lehre stets festgehalten. Sie hat diese Lehre fortwährend und ohne
Unterlaß in vielfacher, glänzender Weise von Tag zu Tag immer klarer
entwickelt, verkündigt und immer mehr gefördert. Dieser Glaube war nämlich
schon von ältester Zeit an vorhanden; er war in den Herzen der Gläubigen fest
verwurzelt und wurde durch die eifrigen Bemühungen der Bischöfe in der
katholischen Welt wunderbar verbreitet. Die Kirche selbst hat diese Lehre ganz
klar zum Ausdruck gebracht, als sie ohne Bedenken die Empfängnis der Jungfrau
den Gläubigen zur öffentlichen Verehrung und Andacht vorlegte. Durch diese
auffallende Tatsache hat sie offen bekundet, daß die Empfängnis der Jungfrau
ganz eigenartig und wunderbar ist, daß sie ganz anders vor sich ging als bei
den übrigen Menschen, daß sie ganz heilig und verehrungswürdig ist; denn die
Kirche nimmt nur heilige Dinge zum Gegenstand ihrer Feste. Deshalb verwendet ja
auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der
ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert,
im kirchlichen Stundengebet und bei der Feier des hochheiligen Opfers und
überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau; deren Erschaffung wurde ja auch
zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen. Dies alles
wurde von den Gläubigen überall gern aufgenommen. 514
Es ist dies ein Beweis dafür, mit welchem Eifer diese Lehre von der
Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch von der Römischen Kirche, der Mutter
und Lehrerin aller Kirchen, gepflegt wurde. Dennoch verdienen die wichtigsten
Schritte dieser Kirche einzeln aufgezählt zu werden; denn die Würde und das
Ansehen dieser Kirche ist so groß, ihr kommt es auch voll und ganz zu, da sie
der Zentralpunkt der katholischen Wahrheit und Einheit ist; in ihr allein wurde
der Glaube unverfälscht bewahrt; von ihr müssen alle übrigen Kirchen den
Glauben übernehmen.
Der Römischen Kirche lag
also nichts so sehr am Herzen, als mit den beredtesten Worten die Unbefleckte
Empfängnis der Jungfrau vorzutragen, die Andacht zu ihr und die Lehre über sie
zu schützen, zu verbreiten und zu verteidigen. Dies beweisen zur Genüge so
viele und hervorragende Maßnahmen Unserer Vorgänger, der römischen Päpste,
denen in der Person des Apostelfürsten von Christus dem Herrn selber auf
göttliche Weise das hohe sorgenvolle Amt anvertraut wurde, die Lämmer und
Schafe zu weiden, die Brüder zu stärken und die gesamte Kirche zu leiten und zu
regieren.
515 So haben es sich Unsere Vorgänger zum besonderen
Ruhme angerechnet, kraft ihrer apostolischen Vollmacht das Fest der Empfängnis
in der Römischen Kirche einzuführen; sie haben es mit einem eigenen
Stundengebet und einer eigenen Messe, worin das Vorrecht der Bewahrung von der
Erbschuld ganz deutlich zum Ausdruck kommt, ausgezeichnet und so das Fest
feierlicher gestaltet; 516 sie
suchten dann die bereits vorhandene Verehrung mit allen Mitteln zu fördern und
zu verbreiten, sei es durch die Gewährung von Ablässen, sei es dadurch, daß sie
Städten, Provinzen und Ländern gestatteten, die Gottesmutter unter dem Titel
der Unbefleckten Empfängnis als Patronin sich zu erwählen, oder daß sie
Vereinigungen,
Kongregationen und fromme
Bruderschaften bestätigten, die zur Verehrung der Unbefleckten Empfängnis
gegründet wurden, oder daß sie den frommen Sinn derer lobten, die Ordenshäuser,
Krankenhäuser, Altäre und Gotteshäuser unter dem Titel der Unbefleckten
Empfängnis errichteten oder unter einem Eide sich verpflichteten, für die
Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter nach Kräften einzutreten. 517 Mit ganz besonderer Freude verordneten sie
auch, daß das Fest der Empfängnis von jeder Kirche mit der gleichen
Feierlichkeit und in dem gleichen Rang zu feiern sei wie das Fest ihrer Geburt,
daß das Fest der Empfängnis auch mit einer Oktav von der ganzen Kirche begangen
und von allen als ein gebotener Feiertag gehalten werden soll, daß jedes Jahr
an dem der Empfängnis der heiligen Jungfrau geweihten Tage in Anwesenheit des
Papstes der Gottesdienst in der PatriarchaI-Basilika des Liberius stattfinden
solle.
518 Beseelt von dem Wunsche, in den Herzen der Gläubigen
diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis von Tag zu Tag immer mehr zu
verankern und ihren frommen Sinn zur Verehrung und Hochschätzung der unbefleckt
empfangenen Jungfrau immer mehr anzuregen, haben sie auch mit großer Freude
bereitwilligst gestattet, daß in der Lauretanischen Litanei und selbst in der
Präfation der Messe die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau erwähnt werde,
damit die Regel für den Glauben durch die Regel für das Beten festgelegt sei. 519 Wir aber sind den Fußstapfen dieser
Unserer ausgezeichneten Vorgänger gefolgt und haben nicht nur ihre frommen und
weisen Verordnungen gutgeheißen und angenommen, sondern auch eingedenk der
Verfügung Sixtus’ IV. ein eigenes Offizium von der Unbefleckten Empfängnis
autoritativ bestätigt und dessen Gebrauch mit freudigem Herzen der ganzen
Kirche gestattet.
520 Weil das, was zum Gottesdienst gehört, in inniger
Verbindung mit seinem Gegenstand steht und nicht Bestand haben kann, wenn der Gegenstand
ungewiß und zweifelhaft ist, deshalb haben Unsere Vorgänger, die Päpste, mit
allem Eifer die Andacht zur Empfängnis gefördert und sich angelegentlichst
bemüht, ihren Gegenstand und ihren Inhalt zu erklären und den Gläubigen
einzuprägen. Sie haben klar und deutlich gelehrt, daß das Fest die Empfängnis
der Jungfrau zum Gegenstand habe, und sie haben als falsch und mit der Meinung
der Kirche unvereinbar die Ansicht jener zurückgewiesen, die meinten und
behaupteten, daß nicht die Empfängnis selbst, sondern nur die Heiligung von der
Kirche gefeiert werde. Nicht weniger
streng gingen sie gegen jene vor, die zur Abschwächung der Lehre von der
Unbefleckten
Empfängnis der Jungfrau
einen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Augenblick machten und
behaupteten, es werde zwar die Empfängnis gefeiert, aber nicht die, welche im
ersten Augenblick erfolgte. 521 So
haben es Unsere Vorgänger als ihre Aufgabe betrachtet, das Fest der Empfängnis
der allerseligsten Jungfrau und ihrer Empfängnis vom ersten Augenblick an als
den wahren Gegenstand der Verehrung mit allem Eifer in Schutz zu nehmen und zu
verteidigen. Darum sprach Unser Vorgänger Alexander VII. die geradezu
entscheidenden Worte, und er brachte damit die richtige Auffassung der Kirche
zum Ausdruck: „Von altersher ist es die fromme Meinung der Christgläubigen, daß
die Seele der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria im ersten Augenblick
ihrer Erschaffung und ihrer Vereinigung mit dem Leib auf Grund einer besonderen
Gnade Gottes und eines besonderen Vorzuges im Hinblick auf die Verdienste ihres
Sohnes Jesus Christus, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von aller Makel
der Erbsünde rein bewahrt wurde; in diesem Sinne begeht man in feierlicher
Weise das Fest ihrer Empfängnis.“[3]
522 Vor allem betrachteten es Unsere Vorgänger als ihre
heilige Pflicht, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter mit
aller Sorgfalt, mit Eifer und Entschiedenheit unversehrt zu bewahren. So haben
sie in keiner Weise geduldet, daß die Lehre selbst von jemandem irgendwie
angegriffen oder lächerlich gemacht wurde. Ja, sie sind noch viel weiter
gegangen und haben zu wiederholten Malen ganz deutlich erklärt und verkündet,
die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau stimme voll und ganz mit
den Andachtsformen der Kirche überein, sie sei altehrwürdig und fast allgemein
verbreitet, die Römische Kirche habe es sich zur Aufgabe gesetzt, sie zu
fördern und zu schützen, ja sie verdiene es wirklich, in der heiligen Liturgie
und bei feierlichen Bittandachten erwähnt zu werden. Und damit nicht zufrieden,
haben sie, damit die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau selbst
unangetastet bleibe, strengstens verboten, die entgegengesetzte Ansicht
öffentlich oder
geheim zu verteidigen, und
haben erklärt, sie sei aus verschiedenen Gründen unhaltbar. Damit aber diese
wiederholten und offenkundigen Erklärungen nicht als unwirksam angesehen
werden, gaben sie ihnen auch die nötige Sanktion bei. All dies faßte Unser
schon erwähnter Vorgänger Alexander VII. in folgende Worte zusammen:
523 „Wir erneuern hiermit die Bestimmungen und
Beschlüsse, die von Unseren Vorgängern, den römischen Bischöfen, besonders von
Sixtus IV., Paul V. und Gregor XV. ergangen sind. Dabei lassen wir Uns von der
Erwägung leiten, dass die heilige Römische Kirche die Empfängnis der stets
makellosen Jungfrau feierlich als Fest begeht und daß einst Unser Vorgänger
Sixtus IV. auf Grund einer frommen, andächtigen und lobenswerten Verordnung
eigene Tagzeiten für dieses Fest angeordnet hat. Es ist auch Unser Wunsch,
diesen Frömmigkeitssinn und diese Andacht zu begünstigen, so wie es Unsere
Vorgänger, die römischen Päpste, taten, und zwar in der gleichen Weise, wie das
Fest und die Feier begangen wird und wie sich beides seit ihrer Einsetzung in
der Römischen Kirche unverändert erhalten hat. Diese Begünstigung bedeutet
zugleich auch einen Schutz dieser Andacht, die darauf abzielt, die seligste
Jungfrau zu verehren und zu verherrlichen, nachdem sie durch die zuvorkommende
Gnade des Heiligen Geistes vor der Erbsünde bewahrt geblieben ist. Wir
versprechen Uns auch von dieser Verehrung die Einheit des Geistes in der Herde
Christi, den Frieden durch die Beseitigung von Zwisten und Streitigkeiten und
die Tilgung von Ärgernissen. Endlich wollen Wir damit auch den inständigen
Bitten der genannten Bischöfe mit den Kapiteln ihrer Kirchen entgegenkommen,
sowie auch des Königs Philipp und seiner Länder. Wir schließen Uns also den
Bestimmungen Unserer Vorgänger an, nach denen die Seele der seligsten Jungfrau
bei ihrer Erschaffung und bei ihrer Vereinigung mit dem Körper von der Gnade
des Heiligen Geistes erfüllt und vor der Erbsünde bewahrt wurde; Wir genehmigen
deshalb auch die Festfeier von der Empfängnis der unbefleckten Gottesmutter, so
wie Wir es eben darlegten, und verhängen gegen Zuwiderhandelnde die gleichen
Strafen, wie sie in der genannten Konstitution ausgesprochen sind.“
524 „Damit wenden Wir Uns gegen alle jene, die entgegen
den genannten Bestimmungen und Beschlüssen diese Gunstbezeigung, wie sie dem
Festgedanken und der Verehrung zugrundeliegt, nach wie vor zu leugnen wagen. Es
fehlt ja leider nicht an solchen, die diese Unsere Ansicht, das Fest und die
Verehrung bezweifeln. Man verschanzt sich dabei hinter dem Vorwand, die Frage
ja nur untersuchen zu wollen, oder die Heilige Schrift, die Väter und die
Gottesgelehrten zu erklären und auszulegen. Ganz gleich nun, ob dies
schriftlich oder bloß mündlich geschieht, ob in Predigten, Abhandlungen oder
auf Konferenzen und Gesprächen, ob mit oder ohne Beweise. Wir verhängen über
alle diese jene Strafen, die schon Sixtus IV. ausgesprochen hat, und entziehen
ihnen die Erlaubnis zu predigen, Unterricht zu erteilen, die Heilige Schrift zu
erklären und Vorlesungen zu halten, sowie das aktive und passive Wahlrecht in
geistlichen Wahlhandlungen. Und zwar tritt die Strafe ipso facto in
Kraft, so daß sie ohne weitere Erklärung jener genannten Handlungen unfähig
sind. Die Lösung von dieser Strafe behalten Wir Uns selbst und Unseren
Nachfolgern vor. Wir erklären sie ferner auch jenen Strafen für verfallen, die
nach Unserem Ermessen und dem der römischen Päpste, Unserer Nachfolger, über
sie verhängt werden, und Wir unterwerfen sie hiermit gerade jenen
Strafbestimmungen der obenangeführten Konstitutionen Pauls V. und Gregors XV., die
Wir deshalb erneuern.“
525 „Dasselbe gilt auch von Büchern, die nach dem
genannten Dekret Pauls V. herausgegeben wurden oder in Zukunft erscheinen, wenn
sie die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, das Fest oder die Verehrung in
Zweifel ziehen oder sich dagegen aussprechen und Gespräche, Predigten,
Abhandlungen und Erörterungen dieser Art enthalten. Solche Druckerzeugnisse
verbieten Wir und belegen sie mit jenen Zensuren und Strafen, die in dem
Verzeichnis der verbotenen Bücher enthalten sind. Wir ordnen deshalb an, daß
solche Bücher ohne weiteres schon als verboten anzusehen sind.“[4]
526 Wir alle aber wissen, mit welchem Eifer diese Lehre
über die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von den
angesehensten Ordensgenossenschaften, von den berühmtesten theologischen
Hochschulen und den hervorragendsten Lehrern der göttlichen Wissenschaft
vertreten, dargelegt und verteidigt wurde. Ebenso ist bekannt, wie sehr die
Bischöfe besorgt waren, auch bei den Kirchenversammlungen öffentlich und vor der
ganzen Welt zu bekennen, dass die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria
schon im voraus im Hinblick auf die Verdienste unseres Herrn und Erlösers
niemals der Erbschuld unterworfen wurde, sondern voll und ganz von der Makel
der Erbsünde bewahrt blieb und so auf eine besonders hehre Weise erlöst wurde. 527 Dazu kommt noch eine überaus wichtige und
bedeutsame Tatsache. Das Konzil von Trient hatte bei der Verkündigung des
Glaubenssatzes von der Erbsünde auf Grund der Zeugnisse der Heiligen Schrift, der
Kirchenväter und der rechtmäßigen Kirchenversammlungen festgelegt und
entschieden, daß alle Menschen mit der Erbsünde behaftet zur Welt kommen; das
gleiche Konzil erklärte indessen ebenso feierlich, es sei nicht seine Absicht,
in dieses Dekret und in diese allgemeine Entscheidung die heilige und
unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria miteinzuschließen[5].
Durch diese Erklärung
haben die Väter von Trient
auf die Freiheit der allerseligsten Jungfrau von der Erbsünde den damaligen
Verhältnissen entsprechend deutlich genug hingewiesen und ganz klar zum
Ausdruck gebracht, daß aus der Heiligen Schrift, aus der Überlieferung und den
Zeugnissen der Väter nichts vorgebracht werden kann, was diesem erhabenen
Vorzug der Jungfrau irgendwie entgegensteht.
528 So herrscht denn in der Kirche bezüglich dieser
Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau eine völlige
Übereinstimmung in ihrer Lehrverkündigung und in ihrer sorgfältigen und weise
abgewogenen wissenschaftlichen Arbeit. Von Tag zu Tag aber tritt immer
deutlicher in Erscheinung, und dies zeigt sich bei allen katholischen Völkern
und Nationen auf dem ganzen Erdkreis in staunenswerter Weise, daß diese Lehre
wirklich in der Kirche stets als eine von den Vätern überlieferte und mit den
Kennzeichen einer geoffenbarten Wahrheit ausgestattete Lehre betrachtet wurde;
und dies bestätigen die wichtigsten Denkmäler des ehrwürdigen Altertums aus der
östlichen und westlichen Kirche in ganz überzeugender Weise.
Die Kirche Christi ist
nämlich nur die treue Bewahrerin und Verteidigerin der in ihr niedergelegten
Glaubenswahrheiten, an denen sie nichts ändert, an denen sie keine Abstriche
macht und denen sie nichts hinzufügt. Mit aller Sorgfalt, getreu und weise
behandelt sie das Überlieferungsgut der Vorzeit. Ihr Streben geht dahin, die
Glaubenswahrheiten, die ehedem gelehrt wurden und im Glauben der Väter
gleichsam noch im Keim niedergelegt waren, so auszusondern und zu beleuchten,
daß jene Wahrheiten der himmlischen Lehre Klarheit, Licht und Bestimmtheit
empfangen, zugleich aber auch ihre Fülle, Unversehrtheit und Eigentümlichkeit
bewahren und nur in ihrem eigenen Bereich, d. h. in ein- und derselben Lehre, in ein- und demselben
Sinn und in ein- und demselben Gehalt, ein Wachstum aufzuweisen haben.
529 Denn die in der himmlischen Offenbarung wohl
bewanderten Väter und Schriftsteller der Kirche hielten nichts für wichtiger,
als in den Werken, die sie zur Erklärung der Schrift, zur Verteidigung des
Glaubens und zur Belehrung der Gläubigen verfaßten, die höchste Heiligkeit und
Würde der Jungfrau, ihr Freisein von jeder Sündenmakel und ihren herrlichen
Sieg über den schlimmsten Feind des Menschengeschlechtes in vielfacher und
bewundernswerter Weise wie in edlem Wettstreit zu verkünden und hervorzuheben.
Sie kommen immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott das zur
Erneuerung der Menschheit von seiner Güte vorgesehene Rettungsmittel am Anfang
der Welt ankündigte und damit einerseits den Übermut der verführerischen
Schlange zurückwies, anderseits aber auch die Hoffnung unseres Geschlechtes in
wunderbarer Weise wieder aufrichtete; es war damals, als Gott sprach: Ich
will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen
und ihren Nachkommen[6];
sooft also die Väter darauf zu sprechen kamen, erklärten sie, daß durch diesen
Ausspruch Gottes klar und deutlich auf den barmherzigen Erlöser des
Menschengeschlechtes, auf den eingeborenen Sohn Gottes, Christus Jesus,
hingewiesen werde und damit auch auf seine heiligste Mutter, die Jungfrau Maria,
und daß damit zugleich die unerbittliche Feindschaft beider mit dem Teufel klar
angedeutet werde. Wie also Christus, der Mittler zwischen Gott und den
Menschen, nach der Annahme der menschlichen Natur die Urkunde, die gegen uns
zeugte, zerriß und sie als Sieger an das Kreuz heftete, so hatte auch die
heiligste Jungfrau, die ganz innig und unzertrennlich mit ihm verbunden ist,
mit ihm und durch ihn ewige Feindschaft mit der giftigen Sehlange; sie
triumphierte über sie in vollkommenster Weise und zertrat so ihren Kopf mit
ihrem makellosen Fuß.
530 Diesen herrlichen und ganz einzigartigen Triumph der
allerseligsten Jungfrau, ihre ganz ausgezeichnete Unschuld, Reinheit,
Heiligkeit und Unversehrtheit von jeder Sünde, diese unaussprechliche Fülle und
Erhabenheit aller himmlischen Gnaden, Tugenden und Vorzüge haben die Väter
schon in der Arche Noes vorgebildet gesehen, die auf Gottes Anordnung erbaut
wurde und dem allgemeinen Untergang der ganzen Welt heil und unversehrt
entging. Sie sahen ein Vorbild auch in jener Leiter, die Jakob von der Erde bis
in den Himmel reichen sah, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen und
auf deren oberster Sprosse der Herr selbst ruhte. Auch der Dornbusch gehört
hierher, den an heiliger Stätte Moses ringsum brennen sah, der jedoch in den
lodernden Flammen des Feuers nicht bloß nicht verzehrt oder im geringsten
verletzt wurde, sondern gar anmutig grün aufblühte. Maria gleicht jenem von dem
Feind unüberwindlichen Turm, von dem tausend Schilde, Schutzwehr und Rüstung
für Helden herabhängen. Sie gleicht dem verschlossenen Garten, den die Tücke
des Nachstellers weder zertreten noch schädigen kann. Maria ist die glänzende
Stadt Gottes, deren Grundfeste auf dem heiligen Berge ruht; sie ist der hehre
Tempel Gottes, der leuchtend im göttlichen Strahlenglanz erfüllt ist von der
Herrlichkeit Gottes. Außer diesen Bildern zählen die Väter noch viele andere
auf, die die erhabene Würde der Gottesmutter, ihre unversehrte Unschuld und
ihre nie von einer Makel getrübte Heiligkeit bedeutungsvoll versinnbilden.
531 Um diese unstreitig höchste unter allen Gottesgaben,
eben diese ursprüngliche Unversehrtheit der allerseligsten Jungfrau, von der
Jesus geboren wurde, zu erklären, haben die gleichen Kirchenväter sich auch der
Aussprüche der Propheten bedient. Und diese wiederum meinen Maria, wenn sie
sprechen von der reinen Taube, dem heiligen Jerusalem, dem erhabenen Thron
Gottes, der Bundeslade der Heiligung, dem Haus, das die ewige Weisheit sich
geschaffen, der Königin, die von Wonnen überfließend und geschmiegt an ihren
Geliebten aus dem Munde des Allerhöchsten hervorging, ganz vollkommen, schön
und Gott überaus angenehm und nie von einer Makel der Sünde befleckt.
532 Und schließlich fiel der Blick der Väter und der
kirchlichen Schriftsteller auf die Worte des Erzengels Gabriel, der Maria die
erhabene Würde einer Mutter Gottes verkündete und sie auf Befehl Gottes selber
als die Gnadenvolle[7]
bezeichnete. Und so lehrten sie denn, es werde durch diesen einzigartigen,
feierlichen und noch nie vernommenen Gruß schon gezeigt, daß die Mutter Gottes
der Sitz, die Stätte aller göttlichen Gnaden sei, daß sie mit allen Gaben des
Heiligen Geistes geziert sei; in gewissem Sinn sei sie sogar ein unendlicher
Schatz und unergründlicher Abgrund eben dieser Gaben, und da sie nie dem Fluch
unterworfen war, wurde sie mit ihrem Sohn ewigen Preises würdig. Deswegen
durfte sie aus dem Munde der vom Gottesgeist erleuchteten Elisabeth die Worte
vernehmen: Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die
Frucht deines Leibes[8].
533 So sind denn die Aussprüche der heiligen Väter über
Maria nicht bloß zahlreich, sondern auch einstimmig. Die glorwürdigste
Jungfrau, an der Gott in seiner Macht Großes getan hat[9],
besitzt Gottes Gnaden und Gaben und die Unschuld in einer solch leuchtenden
Fülle, daß sie dadurch gleichsam selber zu einem unaussprechlichen Wunder
Gottes oder viel mehr zum Gipfelpunkt aller Wundertaten Gottes geworden ist,
wie es sich eben für die Mutter Gottes geziemte. So steht sie Gott am nächsten,
soweit dies überhaupt einem geschaffenen Wesen möglich ist, und ihre Würde kann
weder ein Lob aus Menschen-, noch aus Engelsmund erreichen. Das ist auch der
Grund, warum die Väter Maria auf jede erdenkliche Weise noch höher stellen als
Eva, selbst wenn wir diese in ihrem Zustand der Jungfräulichkeit und der
unversehrten Unschuld betrachten, als sie noch nicht von den todbringenden
Nachstellungen der betrügerischen Schlange hintergangen war. Eva hörte leider
auf die Schlange, verlor ihre ursprüngliche Unschuld und wurde die Sklavin der
Schlange, während die allerseligste Jungfrau gerade dieses ursprüngliche
Geschenk Gottes noch bereicherte, indem sie der Schlange kein Gehör gab und
deren Macht mit Gewalt durch göttliche Kraft vollends zu Fall brachte.
534 Deshalb werden die Väter der Kirche nicht müde, die
Gottesgebärerin zu nennen: die Lilie unter den Dornen, die ganz Unberührte,
Jungfräuliche, Unbefleckte, Makellose, die immer Gesegnete; sie nennen sie das von
aller Ansteckung der Sünde freigebliebene Erdreich, aus dem der neue Adam
gebildet wurde; sie nennen sie das untadelhafte, helleuchtende, liebliche
Paradies der Unschuld, der Unsterblichkeit und Wonne, das Gott selbst gepflanzt
und gegen alle Nachstellungen der giftigen Schlange verteidigt hat; sie heißen
sie das unverwesliche Holz, das der Sünde Wurm nie benagte, den stets
ungetrübten Born, besiegelt durch die Kraft des Heiligen Geistes, den Tempel
Gottes, den Schatz der Unsterblichkeit, die einzige Tochter des Lebens und
nicht des Todes und des göttlichen Zornes, sondern die Knospe der Gnade, die
immer grünt und, behütet von der Vorsehung Gottes, aufsproßt gegen alle bisher
geltenden Gesetze und Gewohnheiten aus einer verdorbenen und von der Sünde angesteckten
Wurzel.
535 Doch als wären diese schon an sich überschwenglichen
Lobeserhebungen noch ungenügend, erklärten die heiligen Väter in neuen, ganz
bestimmten Wendungen, daß dort, wo von der Sünde die Rede ist, dies auf Maria
nicht zutreffe, weil gerade ihr, um die Sünde allseits zu besiegen, größere
Gnade mitgeteilt worden sei. Daher bekannten sie, Maria sei die
Wiederherstellerin unserer Stammeltern, die Lebensspenderin für deren
Nachkommen; der Allerhöchste habe sie von Anfang an auserwählt und sie sich
vorbereitet, als er zur Schlange sprach: Ich will Feindschaft setzen
zwischen dir und der Frau[10].
Und zweifellos hat ja Maria der Schlange das giftige Haupt zertreten. Und so
sagen wiederum die heiligen Väter, daß die allerseligste Jungfrau durch die Gnade
von aller Sündenmakel rein bewahrt geblieben sei, frei von aller Ansteckung des
Leibes, der Seele und des Verstandes, immer mit Gott vereint, durch ein ewiges
Bündnis mit ihm verbunden, niemals in der Finsternis, sondern immer im Lichte;
dadurch aber wurde sie zu einer würdigen Wohnung für Christus, nicht so sehr
wegen der Beschaffenheit ihres Leibes, als vielmehr wegen dieser einzigartigen
Gnade ihres Ursprungs.
Dazu kommen dann noch die
herrlichen Aussprüche der Väter, mit denen sie Zeugnis von der Empfängnis der
heiligen Jungfrau ablegen, so wenn sie sagen, daß bei Maria die Natur vor der
Gnade gewichen sei. Die Natur habe in ihrem Unvermögen voranzuschreiten
gleichsam furchtsam stillgehalten; denn es war ja bestimmt, daß die
jungfräuliche Gottesmutter nicht eher von Anna empfangen wurde, als bis die
Gnade ihre Frucht gebracht hatte; sollte doch die Erstgeborene empfangen
werden, die selber wieder den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung empfangen
sollte.
536 Weiterhin bezeugen die Väter, daß Maria, obwohl sie
dem Leibe nach von Adam stammte, doch die Sünde Adams nicht mitangenommen habe;
in dieser Hinsicht sei Maria das von Gott selbst erschaffene Zelt, das vom
Heiligen Geiste gebildet und aus Purpur gearbeitet sei; ein neuer Beseleel habe
es bunt und mit Gold durchwirkt verfertigt, und so sei sie wirklich die, als
die wir sie feiern, Gottes eigenstes und erstes Werk, das von den brennenden
Pfeilen des Bösen nicht erreicht worden sei. Schön von Natur und von aller
Makel frei, wie die Morgenröte in ihrem vollkommenen Glanze, so sei Maria in
ihrer Unbefleckten Empfängnis in der Welt erschienen. Denn es geziemte sich
nicht, daß jenes Gefäß der AuserwähIung an dem sonst allen Menschen gemeinsamen
Übel Anteil hatte; von den übrigen weit verschieden, habe sie wohl an ihrer
Natur, nicht aber an ihrer Schuld teilgenommen. Im Gegenteil; es geziemte sich
in jeder Weise, daß der Eingeborene, wie er im Himmel einen Vater hat, den die
Seraphim dreimal heilig preisen, so auch auf Erden eine Mutter habe, die nie
des Glanzes der Herrlichkeit entbehrte.
537 Somit ist es also nicht verwunderlich, daß diese
Lehre so sehr Verstand und Herz unserer Vorfahren ergriff, daß sie in
einzigartiger Weise zu Worten und Ausdrücken greifen, die häufig die
Gottesmutter gerade als die Unbefleckte feiern, als die Unschuldige und
Unschuldigste, die Makellose und gänzlich Makellose, die Heilige und die von
aller Unreinheit der Sünde vollkommen Freie, die ganz Reine und ganz
Unversehrte, als die Wesensgestalt sozusagen der Schönheit und Unschuld selbst.
Sie nennen Maria schöner als die Heiligkeit, die allein Heilige, die ganz Reine
an Seele und Leib, die, welche alle Unschuld und Jungfräulichkeit übertroffen
hat, die allein ganz die Wohnung aller Gnaden des Heiligen Geistes geworden
ist, die Gott allein aufgenommen hat, die über allen steht, die von Natur aus
schöner, vollendeter und heiliger ist als selbst die Cherubim und Seraphim und
das ganze Heer der Engel, die zu preisen die Zungen des Himmels und der Erde
keineswegs genügen. Diese Ausdrucksweisen sind, wie hinlänglich bekannt sein
dürfte, sogar in die heilige Liturgie und in die kirchlichen Tagzeiten wie von
selbst eingegangen. An vielen Stellen finden wir sie da, ja diese sind sogar
vorherrschend. Die Gottesmutter wird darin angerufen und gepriesen als die
einzige, unversehrte Taube der Schönheit, als die immer blühende, gänzlich
reine, stets unbefleckte und immer selige Rose; sie wird gepriesen als die
Unschuld selber, die niemals verletzt wurde, als die zweite Eva, die den
Emmanuel gebar.
538 Kein Wunder, wenn die Hirten der Kirche und das
gläubige Volk die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der jungfräulichen
Gottesmutter mit immer größerer Frömmigkeit, Verehrung und Liebe auszeichnen.
Ist doch diese Lehre nach dem Urteil der Väter in den heiligen Schriften
niedergelegt und in so vielen wichtigen Zeugnissen von diesen überliefert; in
vielen herrlichen Denkmälern der verehrungswürdigen Vergangenheit kommt sie zum
Ausdruck, und zudem hat sie durch das höchste und gewichtigste Urteil der
Kirche ihre Verkündigung und Bestätigung erfahren. Hirten und Herde rühmen
sich, daß ihnen nichts angenehmer und lieber wäre, als mit tiefster Inbrunst
die ohne Erbsünde empfangene jungfräuliche Gottesmutter überall zu verehren,
anzurufen und zu preisen. Deshalb haben schon in früheren Zeiten Bischöfe,
Priester, Ordensgenossenschaften und sogar Kaiser und Könige den Apostolischen
Stuhl gebeten, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Gottesmutter als
Glaubenssatz zu erklären. Diese Bitten wurden auch in der Gegenwart wiederholt,
und sie wurden besonders Unserem Vorgänger Gregor XVI. seligen Angedenkens und
Uns selbst von Bischöfen, von Weltpriestern, von Ordensgenossenschaften, von
hochstehenden Fürsten und vom gläubigen Volke vorgetragen.
539 Dies alles wußten Wir sehr wohl und erwogen es
ernstlich, und es machte Unserem Herzen besondere Freude. Sobald Wir also ohne
Unser Verdienst nach dem unerforschlichen Ratschluß der göttlichen Vorsehung
auf diesen erhabenen Lehrstuhl des heiligen Petrus erhoben wurden und das
Steuer der ganzen Kirche übernahmen, betrachteten Wir es als Unsere heiligste
Pflicht, entsprechend Unserer großen, von früher Kindheit an gehegten
Verehrung, Andacht und Liebe zur allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter
Maria, alles durchzuführen, was die Kirche wünscht, damit die Ehre der
allerseligsten Jungfrau vermehrt werde und deren Vorzüge in noch hellerem
Lichte erglänzen.
Zur reiferen Prüfung dieser
ganzen Angelegenheit haben Wir eine besondere Kongregation aus Unseren
ehrwürdigen Brüdern, den Kardinälen der heiligen Römischen Kirche, bestellt.
Neben diesen durch Religiosität, Klugheit und Wissen in göttlichen Dingen
hervorragenden Männern haben Wir aus dem Welt- und Ordensklerus in der
Theologie bewanderte Männer ausgewählt, damit sie alles, was die Unbefleckte
Empfängnis der Jungfrau betrifft, reiflich erwägen und Uns ihre Ansicht darüber
mitteilen. Obwohl Uns auf Grund der erhaltenen Gesuche um die endgültige
Entscheidung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau die Ansicht
der meisten Oberhirten schon bekannt war, so sandten Wir trotzdem am 2. Februar
1849 von Gaëta aus ein Rundschreiben an alle ehrwürdigen Brüder, die
kirchlichen Oberhirten der ganzen katholischen Welt, mit der Aufforderung, sie
sollten nach Anrufung des Beistandes Gottes Uns schriftlich kundtun, wie die
Andacht ihrer Gläubigen zur Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter beschaffen
sei und was besonders sie selber, die Oberhirten, von einer solchen
Entscheidung hielten und ob sie ihnen erwünscht sei, damit Wir so auf eine
möglichst feierliche Weise Unser letztes Urteil darüber fällen könnten[11].
540 Es erfüllte Uns mit nicht geringem Trost, als Wir
die Antwortschreiben Unserer ehrwürdigen Brüder erhielten. Denn diese Antworten
zeugten von ihrer ungemeinen Freude und einer Uns völlig zustimmenden
Gesinnung. Sie bestätigten nicht bloß neuerdings ihren eigenen Andachtseifer
für die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau, sowie den ihrer
Geistlichkeit und ihres gläubigen Volkes, sondern sie richteten einstimmig an
Uns die Bitte, die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau durch unsere höchste
Autorität und Unseren Schiedsspruch zu definieren. Von ebenso großer Freude
wurden Wir erfüllt, als Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen
Römischen Kirche, die Mitglieder der erwähnten besonderen Kongregation und die
obengenannten zur Beratung gewählten Theologen mit gleichem Eifer nach dem
Abschluß ihrer sorgsamen Untersuchung Uns um die Definierung der Lehre von der
Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter baten.
541 Folgend nun dem erlauchten Beispiel Unserer
Vorgänger und von dem Wunsch beseelt, mit Sicherheit und so, wie es recht ist,
vorzugehen, hielten Wir ein Konsistorium ab. Hier richteten Wir eine Rede an
Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, und
vernahmen zu Unserer großen Befriedigung aus ihrem Munde den Wunsch, die
Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von Uns dogmatisch
definiert zu sehen[12]. So
sind Wir denn der festen Überzeugung im Herrn, daß jetzt der günstigste
Zeitpunkt gekommen ist, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau
und Gottesmutter Maria als Glaubenssatz zu verkünden; durch die Aussprüche der
Heiligen Schrift, die ehrwürdige Überlieferung, die ständige Überzeugung der
Kirche, die einzigartige Übereinstimung der katholischen Bischöfe und der
Gläubigen, die feierlichen Entscheidungen und Verordnungen Unserer Vorgänger
wird sie ja in ganz wunderbarer Weise beleuchtet und erklärt. Nach reiflicher
Überlegung all dieser Dinge und nach langen, heißen Gebeten zu Gott glauben Wir
auf keinen Fall länger zögern zu dürfen, kraft Unserer höchsten Lehrvollmacht
die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau als Glaubenssatz zu erklären und so den
frommen Wünschen der katholischen Welt und Unserer eigenen Zuneigung zur
allerseligsten Jungfrau entgegenzukommen
und zugleich mit ihr ihren eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mehr
und mehr zu ehren; denn auf den Sohn geht über, was der Mutter an Ehre und Lob
erwiesen wird.
542 Nachdem Wir also ohne Unterlaß in Demut und mit Fasten Unsere persönlichen und auch die gemeinsamen Gebete der Kirche Gott dem Vater durch seinen Sohn dargebracht haben, auf daß er durch den Heiligen Geist Unseren Sinn leite und stärke, nachdem Wir auch den ganzen himmlischen Hof um seine Hilfe angefleht und inständigst den Heiligen Geist angerufen haben, erklären, verkünden und entscheiden Wir nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes zur Ehre der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zum Ruhme und zur Verherrlichung der jungfräulichen Gottesmutter, zur Auszeichnung des katholischen Glaubens und zur Förderung der christlichen Religion, kraft der Autorität Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen:
Die Lehre, daß die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis auf Grund einer besonderen Gnade und Auszeichnung vonseiten des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers der ganzen Menschheit, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und muß deshalb von allen Gläubigen fest und unabänderlich geglaubt werden.
Wenn also jemand, was Gott verhüten wolle,
anders, als von Uns entschieden ist, im Herzen zu denken wagt, der soll wissen
und wohI bedenken, daß er sich selbst das Urteil gesprochen hat, daß er im
Glauben Schiffbruch erlitten hat und von der Einheit der Kirche abgefallen ist.
Alle diese verfallen
außerdem durch ihre Tat schon den vom kirchlichen Rechte bestimmten Strafen,
wenn sie das, was sie im Herzen sinnen, mündlich oder schriftlich oder auf was
immer für eine Weise nach außen hin zur Kenntnis zu geben wagen.
543 So ist denn von Freude Unser Herz erfüllt und voll von
Jubel Unsere Zunge. Wir sagen jetzt und immerdar Unserem Herrn Jesus Christus
den demütigsten und höchsten Dank, daß er entgegen Unseren Verdiensten Uns die
Gnade verliehen hat, diese Ehre, diesen Ruhm und diesen Lobpreis seiner
heiligsten Mutter darzubringen und zu beschließen. Auf sie setzen wir Unsere
ganze Hoffnung und Unser vollstes Vertrauen. Ist sie doch ganz schön und ohne
Makel; sie hat das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt
das Heil gebracht; sie ist der Ruhm der Propheten und Apostel, die Ehre der
Blutzeugen, die Freude und Krone der Heiligen, die sicherste Zuflucht und treue
Helferin aller Gefährdeten des ganzen Erdkreises, die mächtige Mittlerin und
Versöhnerin bei ihrem eingeborenen Sohne, der herrlichste Schmuck, die Zierde
der heiligen Kirche und ihre unüberwindliche Schutzwehr; sie hat stets alle
Irrlehren vernichtet und die gläubigen Völker und Nationen den größten
Drangsalen entrissen und Uns selbst aus so manchen drohenden Gefahren befreit.
Und so erwarten Wir denn von ihr, sie werde durch ihre mächtige Fürbitte
bewirken, daß unsere heilige Mutter, die Kirche, nach Beseitigung aller
Hindernisse, nach Überwindung aller Irrtümer unter allen Völkern und an allen
Orten von Tag zu Tag an Kraft gewinne, blühe und herrsche von Meer zu Meer,
vom großen Strom bis zu den Grenzen des Erdenrundes[13],
daß sie des Friedens, der Ruhe und der Freiheit sich erfreue. Wir erwarten, daß
sie den Schuldigen Verzeihung, den Kranken Heil, den Kleinmütigen Starkmut, den
Betrübten Trost, den Gefährdeten Hilfe bringe und alle Irrenden nach Aufhellung
der Finsternis des Geistes auf den Pfad der Wahrheit und Gerechtigkeit
zurückführe, auf daß ein Hirt und eine Herde werde[14].
544 Diese Unsere Worte sollen vernehmen die Uns so
teuern Söhne der katholischen Kirche; sie sollen fortfahren mit stets
glühenderem Eifer der Frömmigkeit, der Liebe und Hingabe die seligste
Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, die ohne Makel der Erbsünde empfangen
wurde, zu verehren, anzurufen und anzuflehen; sie sollen zur süßen Mutter der
Barmherzigkeit und Gnade in jeglicher Gefahr, Angst und Not ihre Zuflucht
nehmen und in Zweifeln und Furcht mit allem Vertrauen sich ihr nahen. Keine
Furcht und kein Zweifel braucht den zu schrecken, den sie leitet, über dem sie
schwebt, dem sie gnädig ist und den sie beschützt. Zweifellos ist sie von
Mutterliebe gegen uns erfüllt, sie sorgt für unser Heil und ist für das ganze
Menschengeschlecht besorgt. Sie ist gesetzt vom Herrn als Königin des Himmels
und der Erde, über alle Chöre der Engel erhaben und über alle Heiligen und
steht zur Rechten ihres eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Wenn
sie ihn mit ihren mütterlichen Bitten bestürmt, so hat sie Erfolg; sie findet,
was sie von ihm zu erlangen sucht, und ihre Wünsche bleiben nicht unerfüllt.
545 Damit endlich die ganze Kirche zur Kenntnis dieser
Unserer Definition über die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau
gelange, so verordnen Wir, daß dieses Unser apostolisches Schreiben zum ewigen
Gedächtnis aufbewahrt werde. Wir befehlen ferner, daß den abgeschriebenen oder
gedruckten Exemplaren, die von einem öffentlichen Notar unterzeichnet und mit
dem Siegel einer in kirchlichen Würden stehenden Person versehen sind, von
allen jene Glaubwürdigkeit beigemessen wird, die man dem Original selbst
beimessen würde, falls es zur Einsichtnahme dargeboten oder vorgelesen würde.
Niemandem sei es also
gestattet, die Urkunde dieser Erklärung, Unseres Entscheides und Unserer
Definition zu verletzen, noch sich ihr mit vermessenem Ansinnen zu widersetzen
oder ihr entgegenzutreten. Wer sich aber erkühnen sollte, solches zu versuchen,
der wisse, daß er den Zorn des Allmächtigen und seiner Apostel Petrus und
Paulus auf sich ladet.
Gegeben zu Rom bei St. Peter im Jahr
der Menschwerdung des Herrn 1854,
am 8. Dezember, im 9. Jahre Unseres
Pontifikates.
PAPST PlUS IX.
[1] Tob. 3,2.
[2] Weish. 8,1.
[3] Alexander VII., Konst. Sollicitudo, 8. Dezember
1661, BR XVI 739.
[4] Alexander VII, Konst. Sollicitudo,
8. Dezember 1661, BR XVI 740f.
[5] Vgl. Konzil von Trient, Sess. V., 17. Juni 1546,
Denzinger Nr.792.
[6] Gen. 3,15.
[7] Luk. 1,28.
[8] Luk. 1,42.
[9] Luk. 1,49.
[10] Gen. 3,15.
[11] Vgl. Pius IX., Rundschreiben Ubi primum, 2. Februar 1849. Pii
IX Acta, pars la, vol. I, p. 162. Typ.
Bonarum Artium.
[12] Vgl. Pius IX., Ansprache Inter graves beim geheimen
Konsistorium vom 1. Dez. 1854. Acta, Pars la, vol. I, p. 594. Typ. Bonarum
Artium.
[13] Ps. 71,8.
[14] Joh. 10,16.