Rundschreiben
unseres Heiligen Vaters
PIUS XII.
durch
göttliche Vorsehung Papst
an die ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten,
Erzbischöfe, Bischöfe und die anderen Oberhirten, die in Frieden und
Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
über einige falsche Ansichten, die die
Grundlagen
der katholischen Lehre zu untergraben drohen
12.08.1950
Quelle: Offizieller deutscher Text, Wien 1950; Überschriften
und Übersicht aus: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII.
Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin
O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg Schweiz 1953; Imprimatur
Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G. Ein sinnentstellender Fehler der
Übersetzung von Nr. 29 wurde entsprechend der Rohrbasser-Ausgabe
korrigiert. Die Nummerierung entspricht der englischen
Fassung. Die Rechtschreibung ist der gegenwärtigen Form angeglichen. Digitalisiert von Armin Jauch. HTML-Format überarbeitet am 01.09.2005
von Dr. Josef Spindelböck. Irrtum
vorbehalten.
Lesen Sie auch den Kommentar von
Dr. David Berger
über den
theologiegeschichtlichen Kontext der Enzyklika
Inhaltsübersicht
Einleitung : Moralische Notwendigkeit der Offenbarung (1)
I. Irrtümliche Lehren der Gegenwart
1. Irrtümer über die
Vernunft und die Offenbarung (5)
2. Gefährliche Haltungen im kirchlichen
Bereich (9)
3. Theologischer und dogmatischer
Relativismus (14)
4. Falscher Begriff vom Lehramt der Kirche
(18)
5. Missverstandene Auslegung der Heiligen
Schrift (22)
6. Zehn theologische Irrtümer der Gegenwart
(25)
1. Die Philosophie betreffend :
a) Richtige Einschätzung des
menschlichen Verstandes (29)
b) Die traditionelle Philosophie (29)
c) der wahre philosophische
Fortschritt (30)
d) Die Lehre des heiligen Thomas von
Aquin (31)
e) Aufgabe der Theodizee
und der Ethik (34)
2. Die positiven Wissenschaften
betreffend (35)
a) Biologische und anthropologische
Fragen (36)
b) Der historische Wert der Genesis
(38)
Schluss :
Pflichten der kirchlichen
Behörden und Professoren (40)
Anmerkungen
Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !
Einleitung : Moralische Notwendigkeit der Offenbarung
1
Die Uneinigkeit der Menschen in Dingen der Religion und Moral wie auch ihr Abirren von der Wahrheit war von jeher für alle Guten, besonders die
gläubigen und aufrechten Söhne der Kirche, der Grund und die Ursache allertiefsten Schmerzes. Heute gilt das ganz besonders, da Wir überall Angriffe gegen die Grundlagen
der christlichen Kultur wahrnehmen.
2
Es wundert Uns zwar nicht, dass eine solche Uneinigkeit
und solche Irrtümer sich immer außerhalb der
Kirche Christi fanden; denn wenn auch der menschliche Verstand mit seinen
natürlichen Erkenntniskräften an sich zur
wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der durch seine
Vorsehung die Welt schützt und regiert, sowie des Naturgesetzes, das der
Schöpfer in unser Herz legte, kommen kann, so bestehen doch für ihn nicht
wenige Hindernisse, von seiner ursprünglichen Fähigkeit einen wirklich
fruchtbaren Gebrauch zu machen; denn alle Dinge, die sich auf Gott beziehen und das zwischen Gott und den Menschen
bestehende Verhältnis angehen, ruhen in Wahrheiten, die die Welt der Sinne
überragen. Diese verlangen vom Menschen die Eigenhingabe und Selbstverleugnung,
wenn sie auf die Lebensführung Einfluss gewinnen und sie bestimmen. Der
menschliche Verstand wird in der Erkenntnis solcher Wahrheiten behindert durch die Gewalt der Sinne und der
Einbildungskraft, wie auch durch die verkehrten Leidenschaften, die ihren
Ursprung in der Erbsünde haben. Darum reden sich Menschen in diesen Dingen gern
ein, es sei das falsch oder zweifelhaft, was sie nicht wahrhaben möchten.
3
Darum muss gesagt werden, dass die göttliche ”Offenbarung” moralisch notwendig
ist, damit, was in Fragen der Religion und der Sitten dem Verstand an sich
nicht verborgen ist, auch bei dem gegenwärtigen Zustande des
Menschengeschlechts, von allen leicht, mit fester Gewissheit und ohne jeglichen
Irrtum erkannt werden kann1.
4
Ja, zuweilen kann der menschliche Verstand Schwierigkeiten haben bei der
Bildung eines sicheren Urteils der ”Glaubwürdigkeit” um den katholischen
Glauben selbst, obwohl so zahlreiche und wunderbare Zeichen von Gott kamen, auf
Grund derer schon in der Kraft des natürlichen Verstandes der göttliche
Ursprung der christlichen Religion sicher bewiesen werden kann. Der Mensch kann
ja entweder durch Vorurteile verleitet oder durch Leidenschaft und schlechten
Willen angestachelt, sowohl die Evidenz der äußeren Zeichen leugnen, die
feststeht, wie auch den übernatürlichen Einflüsterungen widerstehen, durch die
Gott zu unseren Herzen spricht.
1. Irrtümer über die Vernunft und
die Offenbarung
5
Wer heute die Welt außerhalb der Hürde Christi beobachtet, kann leicht die
Hauptwege erkennen, die nicht wenige Gelehrte wählten. Einige lassen unklug und
urteilslos die sogenannte Entwicklungslehre, die auf
dem eigenen Gebiet der Naturwissenschaften noch nicht sicher bewiesen ist, für
den Ursprung aller Dinge zu und verlangen sie; vermessentlich huldigen sie der monistischen und pantheistischen Auffassung, dass das
Weltall einer ständigen Entwicklung unterworfen sei. Die Freunde des
Kommunismus aber benützen mit Freuden diese Ansicht, um ihren „dialektischen
Materialismus” wirkungsvoller zu verteidigen und verbreiten, wobei sie jeden
Gedanken an Gott aus den Herzen entfernen.
6
Die Behauptungen dieser Entwicklungslehre, die alles, was absolut, fest, unveränderlich
ist, leugnet, haben dem Irrtum einer neueren Philosophie, die mit dem
”Idealismus”, ”Immanentismus” und ”Pragmatismus”
wetteifert und sich ”Existenzialismus” nennt, die Wege bereitet; er kümmert
sich nicht um das unveränderliche Wesen der Dinge und wendet seine
Aufmerksamkeit nur der ”Existenz” der Einzelgegenstände zu.
7
Dazu kommt noch ein falscher ”Historizismus”, der nur
auf das Geschehen im menschlichen Leben achtet und die Grundlagen jeder
Wahrheit und jedes allgemein gültigen Gesetzes vernichtet, sowohl für die
Philosophie wie auch für die christlichen Glaubenssätze.
8
Bei einer solchen Verwirrung der Meinungen tröstet es Uns ein wenig, zu sehen,
dass solche, die in den Grundsätzen des ”Rationalismus” erzogen wurden, heute
nicht selten zu den Quellen der göttlichen Offenbarung zurückkehren wünschen
und das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift enthalten ist, als Grundlage
der Theologie anerkennen und verkünden. Zugleich aber ist es zu beklagen, wie
nicht wenige von ihnen, je fester sie dem Worte Gottes anhängen, desto mehr die
menschliche Vernunft herabsetzen, und je höher sie in ihrer Begeisterung die
Autorität der göttlichen Offenbarung erheben, desto heftiger das Lehramt der
Kirche verachten, das Christus, der Herr, einsetzte, um die von Gott geoffenbarten Wahrheiten zu bewahren und zu
erklären. Das steht aber nicht nur in offenem Widerspruch zur Heiligen Schrift,
sondern erweist sich auch in der Erfahrung als falsch; häufig nämlich beklagen
sich diese, die sich von der wahren Kirche getrennt halten, über ihre eigene
Uneinigkeit in dogmatischen Fragen, so dass sie gegen ihren Willen die
Notwendigkeit des lebendigen Lehramtes bezeugen.
2.Gefährliche Haltungen im kirchlichen Bereich
9
Es ist aber Pflicht der katholischen Theologen und Philosophen, die die große
Aufgabe haben, die göttliche und menschliche Wahrheit zu verteidigen und den
Herzen der Menschen einzupflanzen, diese mehr oder weniger vom rechten Weg
abirrenden Ansichten zu kennen und zu beachten. Ja, diese Lehrmeinungen selbst
sollen ihnen gut bekannt sein, weil schon Krankheiten nicht gut geheilt werden
können, wenn sie nicht richtig erkannt
sind, dann auch, weil in falschen Ansichten häufig ein Körnchen Wahrheit liegt;
endlich auch drängen diese dazu, bestimmte philosophische und theologische
Wahrheiten eifriger zu untersuchen und durchzudenken.
10 Wenn unsere
Philosophen und Theologen aus der gründlichen Untersuchung dieser Lehren nur
solche Früchte suchen wollten, hätte das kirchliche
Lehramt keinen
Grund, Einspruch zu erheben. Aber wenn Wir auch wissen, dass die katholischen Lehrer sich im
allgemeinen vor diesen Irrtümern hüten, so fehlt es doch heute, wie in den
apostolischen Zeiten, nicht an solchen, die
allzu sehr das Neue suchen, oder aber auch fürchten, in den Dingen des wissenschaftlichen Fortschritts für unwissend gehalten zu werden, und darum sich der
Leitung des heiligen Lehramtes zu entziehen
trachten; so laufen sie Gefahr, sich unmerklich den geoffenbarten Wahrheiten zu entfernen und
auch andere mit sich in den Irrtum zu ziehen.
11 Es zeigt sich auch eine andere Gefahr, die umso größer ist, als sie sich mehr in den
Schein der Tugend hüllt. Viele, die den Zwiespalt und die Verirrung der Geister
betrauern, lassen sich von einem unklugen Eifer treiben, von ihrem Inneren
drängen und brennen in unüberlegter Begierde, die Umzäunungen zu entfernen,
durch die gute und aufrechte Menschen
voneinander getrennt sind; sie geben sich einem solchen ”Irenismus”
hin, dass sie unter Beiseitesetzung der trennenden Fragen nicht nur auf den
Atheismus schauen, den sie mit vereinten Kräften
bekämpfen, sondern auch auf die Beseitigung der Gegensätze in den Glaubenslehren.
Und wie es eine Zeit gab, da sich manche fragten,
ob nicht die herkömmliche Apologetik mehr ein Hindernis
sei, die Seelen für Christus zu gewinnen, so fehlt
es auch heute nicht an
solchen, die so weit zu gehen wagen, dass sie
ernstlich die Frage vorlegen, ob nicht die heutige Theologie und ihre Methode, die von der
kirchlichen Autorität gebilligt werden, nicht nur vervollkommnet, sondern ganz
reformiert werden müsste, damit das Reich Christi auf der ganzen Welt, unter Menschen jeder Kultur und jeder religiösen
Anschauung wirkungsvoller verbreitet werden könne.
12 Wenn diese
nur die Absicht hätten, durch Einführung irgendeiner Neuerung die kirchliche
Lehre und ihre Methode den modernen Verhältnissen und Anforderungen anzupassen,
gäbe es kaum
einen Grund zur Besorgnis; aber in dem
unklugen Übereifer ihres ”Irenismus”
halten anscheinend einige auch die Dinge für
Hindernisse der brüderlichen Verständigung, die auf
den Gesetzen und Grundsätzen Christi und den von ihm gegründeten Einrichtungen
selbst beruhen, oder die als Bollwerk und Stütze des unversehrten Glaubens
dastehen; wenn diese fallen, dann ist zwar alles geeint, aber nur zum allgemeinen Ruin.
13
Moderne Ansichten dieser Art, ob sie nun aus der traurigen Sucht
nach Neuerungen hervorgehen oder einen
lobenswerten Grund haben, werden nicht immer in der gleichen Abstufung,
derselben Deutlichkeit oder den gleichen Ausdrücken vorgelegt, auch nicht immer
unter einmütiger Zustimmung ihrer Urheber; denn was heute von einigen mit
gewissen Einschränkungen und Unterscheidungen, in mehr verdeckter Weise gelehrt
wird, das bringen morgen andere, die weniger zurückhaltend sind, offen, in
übertriebene Weise vor; und zwar zum Ärgernis für viele, besonders den jüngeren
Klerus und zum Schaden der kirchlichen . Autorität. Was bei Veröffentlichungen in Buchform mit mehr Vorsicht behandelt wird,
das wird offener vorgestellt in privat verarbeiteten Schriften, in Verlesungen
und Besprechungen. Diese Auffassungen finden ihre Verbreitung nicht nur beim
Welt und Ordensklerus und in den Seminarien, sondern auch in Laienkreisen, besonders bei den Jugenderziehern.
3. Theologischer und dogmatischer Relativismus
14
In der Theologie aber gehen einige darauf aus, den Begriff der Dogmen möglichst
abzuschwächen; das Dogma selbst möchten sie von der in der Kirche seit langem
üblichen Ausdrucksweise und den Begriffen der katholischen Philosophie
freimachen, um bei der Erklärung der katholischen Lehre zu den Formulierungen
der Heiligen Schrift und der heiligen Väter zurückzukehren. So hoffen sie, dass
das Dogma, gereinigt von allen Bestandteilen, die nach ihren Worten äußerliche
Bestandteile der göttlichen Offenbarung sind, zu einem fruchtbaren Vergleich kommt mit
den Glaubenssätzen der von der Kirche Getrennten, um dann so den Weg zu finden,
das katholische Dogma und die von ihm abweichenden
Ansichten einander anzugleichen.
15
Haben sie dann die katholische Lehre zu diesem Stand gebracht, so glauben sie,
werde der Weg bereitet, auf dem den modernen Bedürfnissen entsprechend das
Dogma auch in den Begriffen der heutigen Philosophie ausgedrückt werden könne,
ganz gleich, ob es der ”Immanentismus”, ”Idealismus”,
”Existenzialismus“ oder irgendein anderes System ist. Es könne und müsse das deshalb auch geschehen,
behaupten einige mit einiger Kühnheit, weil die Geheimnisse des Glaubens sich niemals in Begriffe fassen lassen, die
vollständig der Wahrheit entsprechen, sondern
nur in Ausdrücken, die ”annäherungsweise” wahr, und ständig Veränderungen
unterworfen sind; diese deuten die Wahrheiten zwar einigermaßen, gestalten sie aber
auch notwendigerweise um. Darum halten sie es nicht für abwegig, sondern für durchaus notwendig, dass die Theologie entsprechend den
verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe der Zeit als Instrument
bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze, so dass sie auf
verschiedene Weise, die unter sich sogar in gewissem Sinn im Widerspruch
stehen, aber, wie sie sagen, das gleiche
bedeuten, die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art ausdrücken.
Sie fügen noch hinzu, die Geschichte der Dogmen bestehe in der Wiedergabe der
verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen, in die die
Wahrheit sich gekleidet habe, entsprechend den
verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten entstanden.
16
Die bisherigen Ausführungen zeigen deutlich, dass diese Versuche nicht nur zum sogenannten dogmatischen ”Relativismus” führen, sondern ihn
bereits enthalten; er ist auch allzu sehr begünstigt durch die Verachtung der
gewöhnlich überlieferten Lehre gegenüber, sowie der Worte, mit denen sie sich
ausdrückt. Es leugnet wohl niemand, dass die Bezeichnungen für diese Begriffe,
wie sie in der Schule und vom kirchlichen Lehramt benützt werden, verbessert
und gefeilt werden können; außerdem ist bekannt, dass sich die Kirche im
Gebrauch dieser Ausdrücke noch immer gleich blieb. Klar ist auch, dass sie sich nicht
an irgendein kurzlebiges philosophisches System binden kann; die Begriffe und
Bezeichnungen, die von den katholischen Gelehrten nach gemeinsamer Übereinkunft
im Laufe mehrerer Jahrhunderte geprägt wurden, um eine Glaubenslehre
verständlich zu machen, stützen sich wahrhaftig nicht auf ein so hinfälliges Fundament. Sie stützen sich
im Gegenteil auf Prinzipien und Begriffe, die
aus wahrheitsgemäßer Erkenntnis der geschaffenen Welt abgeleitet wurden;
allerdings erleuchtete die geoffenbarte Wahrheit durch die Kirche wie ein
heller Stern den Verstand des Menschen. Es wundert Uns darum nicht, wenn einige
von diesen Begriffen von den Allgemeinen Konzilien nicht nur angewandt, sondern
auch feierlich bestätigt wurden; es ist darum unrecht, sie fallen zu lassen.
17
Es wäre sehr töricht, die Begriffe und Bezeichnungen, an denen Menschen
außergewöhnlicher Geisteskraft und Heiligkeit unter der Aufsicht des
kirchlichen Lehramtes, in der Gnade und unter Leitung des Heiligen Geistes
Jahrhunderte lang geformt und gefeilt haben, um geistige Glaubenswahrheiten noch stets
genauer in Werte zu fassen, zu vernachlässigen, zu verwerfen oder ihres Wertes
zu berauben, um ihre Stelle mutmaßliche Begriffe
zu stellen und Worte einer neuen Philosophie, die weder eine feste Form noch
Gestalt hat, Begriffe, die wie die Blumen des Feldes heute bestehen und morgen
fallen; es macht diese Auffassung das Dogma zu einem Rohr, das vom Winde
hin- und hergetrieben wird. Die
Verachtung der Bezeichnungen und Begriffe, die die scholastische Theologie
gebraucht, führt auch von selbst zur Schwächung der spekulativen Theologie, der
sie keine Sicherheit zuschreiben, weil sie sich auf theologische Beweisgründe
stützt.
4. Falscher Begriff vom Lehramt der Kirche
18
Leider gehen diese Neuerer von der Verachtung der scholastischen Theologie sehr
leicht dazu über, das Lehramt der Kirche selbst, das diese Theologie mit ihrer
Autorität so sehr stützt, nicht zu beachten oder sogar zu verachten. Sie
stellen dieses Lehramt als ein Hemmnis für den Fortschritt und als ein
Hindernis für
die Wissenschaft hin. Einige Nichtkatholiken aber sehen es als ungerechten
Zwang an, der Theolegen von höherer Bildung davon abhält, ihre Lehrmeinungen zu reformieren. Und wenn auch
dieses heilige Lehramt für einen jeden
Theologen in Dingen des Glaubens und der Sitten die nächste und allgemeine Norm sein muss (da Christus, der Herr, ihm den
ganzen Glaubensschatz anvertraut hat, d. h.
die Heilige Schrift und die göttliche Überlieferung, um ihn zu behüten, zu
verteidigen und zu erklären), so gerät doch immer wieder in Vergessenheit, als
wenn sie nicht bestände, die Pflicht der Gläubigen, ebenfalls diese Irrtümer zu
fliehen, die sich mehr oder weniger der Häresie nähern, und also ”auch die
Konstitutionen und Erlasse zu beachten, mit denen der Heilige Stuhl falsche
Ansichten dieser Art verworfen und verboten hat“ 2. Mit Absicht haben sich einige daran
gewöhnt, das nicht zu beachten, was die Rundschreiben
der Römischen Päpste über die Natur und die Einrichtung der Kirche sagen, nur
um eine mehr unbestimmte Auffassung vorherrschen zu lassen, die sie aus den
Schriften der alten Väter, besonders der griechischen, geschöpft zu haben behaupten. Die Päpste, so pflegen sie zu sagen, wollen kein
Urteil abgeben in den Fragen, über die die Theologen disputieren, und darum sei
es nötig, zu den ersten Quellen zurückzugehen und die neueren Konstitutionen
und Erlasse des kirchlichen Lehramtes nach den Schriften der Alten zu
erklären.
19
Wenn das auch geistreich zu sein scheint, es liegt doch ein Irrtum darin. Wahr
ist, dass die Päpste im allgemeinen den Theologen die Freiheit lassen in den
Fragen, in denen hervorragende Geisteslehrer verschiedener Meinung sind; die
Geschichte lehrt aber auch, dass in verschiedenen Fragen, die vorher umstritten
waren, nachher keine Verschiedenheit der Meinungen zugelassen wurde.
20
Man darf ebenfalls nicht annehmen, man brauche den Rundschreiben nicht
zuzustimmen, weil die Päpste darin nicht ihr höchstes Lehramt ausüben. Sie sind
aber doch Äußerungen des ordentlichen Lehramtes, von dem auch das Wort Christi
gilt: ”Wer euch hört, der hört mich”3. Sehr häufig gehört das, was die Enzykliken lehren und
einschärfen, sonst wie schon zum katholischen Lehrgut. Wenn die Päpste in ihren
Akten ein Urteil über eine bislang umstrittene Frage aussprechen, dann ist es
für alle klar, dass diese nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht
mehr der freien Erörterung unterliegen kann.
21
Wahr ist ebenfalls, dass die Theologen ständig auf die Quellen der göttlichen
Offenbarung zurückgreifen sollen; es ist ja ihre Aufgabe, aufzuzeigen,. warum das, was das lebendige Lehramt vorbringt, sich in
der Heiligen Schrift und in der göttlichen
„Überlieferung” entweder ausdrücklich oder einschließend findet4. Sicher ist, dass dieser doppelte Quell der Lehre
göttlicher Offenbarung so viele und so große Schätze der Wahrheiten enthält, dass er nie wirklich ganz ausgeschöpft werden kann. Darum erneuern auch
die heiligen Wissenschaften durch das Studium der heiligen Quellen ihre Kraft, während die Spekulation, die eine weitere
Untersuchung des Glaubensschatzes vernachlässigt,
wie Wir durch Erfahrung feststellen konnten, ohne Frucht bleibt. Aus diesem
Grunde kann auch die sogenannte positive Theologie
nicht einfach mit der Geschichtswissenschaft gleichgestellt werden, da Gott der
Kirche zusammen mit diesen heiligen Quellen das lebendige Lehramt schenkte, um
auch die Wahrheiten zu erklären und zu entfalten,
die im ”Depositum fidei” nur dunkel und gleichsam
eingehüllt enthalten sind. Diesen Glaubensschatz hat der Heiland weder den
einzelnen Christgläubigen noch auch den Theolegen selbst zur authentischen
Erklärung hinterlassen, sondern allein dem kirchlichen Lehramt. Wenn aber die
Kirche dieses ihr Amt, wie es im Laufe der Zeiten häufig geschehen ist, durch
einen ordentlichen oder außerordentlichen Akt ausübt,
so steht als sicher fest, dass die Methode falsch ist, nach der man klare
Wahrheiten aus unklaren beweisen will; im Gegenteil müssen alle den entgegengesetzten Weg gehen. Darum fügte Unser
unvergesslicher Vorgänger, Pius IX., bei der Erklärung, dass es vornehmste,
Aufgabe der Theologie sei, zu zeigen, wie die von der Kirche feierlich
aufgestellte Lehre in den Quellen enthalten sei, nicht ohne wichtigen Grund die
Worte hinzu : ”in dem gleichen Sinn, wie die Kirche sie definierte”.
5. Missverstandene Auslegung der Heiligen Schrift
22
Kehren wir zu den neuen Ansichten zurück, die oben berührt wurden. Mehrere
Dinge werden von einigen vorgetragen und den Herzen eingeflößt zum Schaden der göttlichen
Autorität der Heiligen Schrift. Sie verdrehen kühn den Sinn der Definition des Vatikanischen Konzils über Gott als den Urheber
der Heiligen Schrift und erneuern den bereits öfters verworfenen Satz, nach dem
sich die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift nur auf die Gegenstände bezieht, die über Gott, und Fragen der
Moral und der Religion handeln. In falscher Weise sprechen sie über einen
menschlichen Sinn der heiligen Bücher, unter dem nach ihrer Exklärung der göttliche Sinn verborgen liege. Bei der
Auslegung der Heiligen Schrift wollen sie der Analogie des Glaubens und der
”Überlieferung” keine Rechnung tragen, so dass mehr die Lehre der heiligen
Väter und des kirchlichen Lehramtes zu messen
sei nach der Heiligen Schrift – die von den Exegeten in rein menschlicher Weise
erklärt werden müsse –, als die Heilige Schrift zu erklären: sei nach dem Sinn
der Kirche, die aber von Christus dem Herrn als Hüterin und Erklärerin
des ganzen von Gott offenbarten
Glaubensschatzes aufgestellt ist.
23
Außerdem müsste der wörtliche Sinn der Heiligen Schrift und ihre Auslegung, die
von so vielen und so großen Exegeten unter der Aufsicht der Kirche ausgearbeitet wurde, nach
ihrer falschen Ansicht einer neuen Schrifterklärung weichen, die sie die
symbolische oder geistige nennen; nach dieser Exegese würden endlich einmal die
Bücher des Alten Testamentes, die heute wie ein verschlossener Brunnen in der
Kirche verborgen lägen, allen geöffnet werden. Auf die gleiche Weise, so
behaupten sie, verschwinden alle Schwierigkeiten, die nur für solche ein
Hindernis bilden, die am wörtlichen Sinn der Heiligen Schrift festhalten.
24
Jeder sieht, wie sich alle diese Ansichten von den Grundsätzen und Normen der Schrifterklärung entfernen,
die mit Recht aufgestellt wurden von Unseren Vorgängern sel. Angedenkens, Leo
XIII. in der Enzyklika ”Providentissimus”,
von Benedikt XV. in der Enzyklika ”Spiritus Paraclitus”
und von Uns selbst in der Enzyklika „Divino afflante spiritu”.
6. Zehn theologische Irrtümer der Gegenwart
25
Es braucht uns nicht zu wundern, dass das Gift dieser Neuerungen in alle Teile
der Theologie gelangte. So wird in Zweifel gezogen, dass der menschliche
Verstand ohne Hilfe der göttlichen 0ffenbarung und der Gnade mit Beweisen aus
der Schöpfung die Existenz eines persönlichen Gottes beweisen könne; geleugnet
wird, dass die Welt einen Anfang hat, und gezeigt, dass die Schöpfung notwendig
ist, da sie aus der notwendigen Freigebigkeit Gottes hervorgehe; verneint wird ebenfalls das
ewige und unfehlbare Vorherwissen Gottes um die
freien Handlungen der Menschen: All diese Ansichten stehen im Widerspruch zu
den Erklärungen des Vatikanischen Konzils5.
26
Einige werfen auch die Frage auf, ob die Engel persönliche Geschöpfe sind, ob Stoff und Geist sich wesentlich
unterscheiden. Andere verwerfen es, dass die übernatürliche Ordnung ein
freies Geschenk Gottes sei, mit der Behauptung, Gott könne keine
vernunftbegabten Wesen schaffen, ohne sie auf die Anschauung der Seligen
hinzuordnen und sie dazu zu berufen. Damit nicht genug :
Der Begriff der Erbsünde wird, unter Außerachtlassung der Entscheidungen des
Konzils von Trient, ebenso wie dieser der Sünde im allgemeinen als Beleidigung
Gottes vernichtet, wie auch der Begriff
der Genugtuung, die Christus für uns leistete. Es finden sich auch solche, die
behaupten, die Lehre von der Wesensverwandlung, die sich auf den veralteten
philosophischen Begriff der Substanz stütze, müsse so verändert werden, dass
die wirkliche Gegenwart Christi in der heiligsten Eucharistie auf einen
gewissen Symbolismus zurückgeführt werde. Demnach sollen die heiligen Gestalten
nur wirksame Zeichen sein der geistigen Gegenwart Christi und Seiner innigen
Vereinigung mit den gläubigen Gliedern im geheimnisvollen Leibe Christi.
27 Einige
halten sich nicht gebunden an die vor einigen Jahren in einem Rundschreiben
erklärte Lehre, die sich auf die Quellen der ”Offenbarung” stützt und erklärt,
dass der geheimnisvolle Leib Christi und die Römische katholische Kirche ein
und dasselbe seien6. Andere schwächen die Notwendigkeit der Zugehörigkeit
zur wahren Kirche, um das ewige Heil zu erlangen, zu einer bloßen Formel ab.
Schließlich tun wieder andere dem Charakter der ”Glaubwürdigkeit”
des christlichen Glaubens, der dem Verstand einsichtig ist, Gewalt an.
28 Es steht
fest, dass diese und ähnliche Irrtümer sich in die Herzen einiger unserer Söhne
einschlichen, die sich täuschen ließen von einem, unklugen Seeleneifer oder
einer Wissenschaft, die diesen Namen nicht verdient; traurigen Herzens sind Wir
mit schwerer Sorge gezwungen, diese bereits bekannten Wahrheiten zu wiederholen
und offenbare Irrtümer wie ihre Gefahren anzuzeigen.
1. Die Philosophie betreffend :
a) Richtige Einschätzung des menschlichen Verstandes
29 Es ist allen
bekannt, wie hoch die Kirche den Wert der menschlichen Vernunft stellt, der es
zukommt, die Existenz des einen persönlichen Gottes mit Sicherheit zu beweisen,
wie auch die Grundlagen des christlichen Glaubens unwiderleglich durch
göttliche Zeichen aufzuzeigen; gleicherweise soll sie auch das Gesetz, das der
Schöpfer in die Herzen der Menschen schrieb, in das rechte Licht stellen;
endlich auch zu einer beschränkten, aber äußerst fruchtbaren Erkenntnis der
Geheimnisse kommen7.
b) Die traditionelle Philosophie
Aber
dieser Aufgabe kann die Vernunft nur dann in entsprechender Weise und mit
Sicherheit gerecht werden, wenn sie nach Gebühr ausgebildet wird; wenn sie also
mit jener gesunden Philosophie genährt wird, die wie ein Erbteil früherer
christlicher Jahrhunderte überliefert ist, also auch ein höheres Ansehen besitzt,
weil das Lehramt der Kirche selbst, ihre Grundsätze und wesentlichsten
Behauptungen, die von geistvollen Männern allmählich aufgedeckt und bestimmt
wurden, zum Maßstab der göttlichen „Offenbarung“ gemacht hat. Diese gleiche
Philosophie, von der Kirche anerkannt und zugelassen, verteidigt den wirklichen
Wert der menschlichen Erkenntnis, die unerschütterlichen Grundgesetze der
Metaphysik – vom hinreichenden Grund, von der Ursächlichkeit und Zweckhaftigkeit – und endlich die Erreichung der sicheren
und unveränderlichen Wahrheit.
c) Der wahre philosophische Fortschritt
30
In dieser Philosophie gibt es sicherlich
verschiedene Fragen, die sich weder unmittelbar noch mittelbar auf den Glauben
und die Sitten beziehen, und die von der Kirche der freien Erörterung der
Fachgelehrten überlassen werden; aber für verschiedene andere Dinge, besonders
die Grundsätze und Hauptlinien, die Wir oben erwähnten, kann nicht die gleiche
Freiheit gelten. Aber es kann auch in diesen wesentlichen Fragen der
Philosophie ein mehr entsprechendes und reicheres Gewand angelegt werden; man
kann ihre Kraft vergrößern durch die Formung neuer zweckentsprechender
Ausdrücke, sie von weniger passenden, schulmäßigen Dingen freimachen, sie auch
– aber mit Vorsicht – bereichern mit bestimmten Anteilen des Fortschritts
menschlichen Geistes; nie aber hat man das Recht, sie zugrundezurichten
oder sie mit falschen Grundsätzen zu beflecken oder sie als ein gewaltiges,
aber doch veraltetes Monument zu achten; denn die Wahrheit und jede ihrer philosophischen
Äußerungen kann nicht täglichen Veränderungen unterworfen werden. Das gilt
besonders, wenn es sich um der menschlichen Vernunft an sich bekannte
Grundsätze handelt oder jene Sätze, die sich auf die Weisheit von Jahrhunderten
wie auch auf die Zustimmung und das Fundament der göttlichen Offenbarung
stützen. Die Wahrheiten, die der menschliche Verstand in ehrlichem Suchen
entdecken wird, vermögen nicht im Gegensatz zu stehen zu einer bereits
entdeckten Wahrheit; Gott, die höchste Wahrheit, hat den menschlichen Verstand
erschaffen und leitet ihn, aber nicht so, dass er der in ehrlichem Streben
erworbenen Wahrheit täglich neue Erkenntnisse entgegenstellt, sondern um nach
Entfernung etwaiger Irrtümer, das Wahre durch andere neue Erkenntniswahrheiten
zu überhöhen, in der gleichen Ordnung und Verbindung, in der wir die Natur
selbst, aus der wir die Wahrheit schöpfen, aufgebaut sehen. Darum soll der
Christ, Philosoph oder Theologe, nicht eilfertig und leichtsinnig all die neuen
Ideen in sich aufnehmen, die täglich ausgedacht werden, sondern muss sie mit
größter Sorgfalt prüfen und nach rechtem Maß abwägen, um nicht die bereits
erworbene Wahrheit mit großer Gefahr und großem Schaden für seinen Glauben zu
verlieren oder zu verderben.
d) Die Lehre des heiligen Thomas von Aquin
31 Nach diesen
Überlegungen versteht man leicht, warum die Kirche verlangt, dass ihre
zukünftigen Priester in den philosophischen Fächern unterrichtet werden ”nach der Methode, der Lehre und den Grundsätzen des
Englischen Lehrers8. Sie weiß ja nach einer Erfahrung von Jahrhunderten gut,
dass die Methode des Aquinaten sich vor andern
bewährt, sowohl im Unterricht wie auch in der Suche nach verborgenen
Wahrheiten; dass seine Lehre fernerhin in Harmonie mit der göttlichen
Offenbarung steht und in wirkungsvoller Weise sichere Fundamente des Glaubens
legt, wie auch mit Nutzen und Sicherheit die Früchte eines gesunden
Fortschritts bringt9.
32 Darum ist es
sehr zu beklagen, dass man die Philosophie, die von der Kirche aufgenommen und
anerkannt ist, heute von mancher Seite der Verachtung preisgibt, als veraltet
in der Form und rationalistisch –, wie sie sagen – in der Denkweise erklärt.
Die Gegner behaupten, dass diese unsere Philosophie irrtümlicherweise die
Meinung verteidige, es gebe eine absolut gültige Metaphysik; während sie im
Gegenteil sagen, die Wahrheiten, besonders die transzendenten, könnten keinen geeigneteren Ausdruck finden als in ganz verschiedenen
Lehrsätzen, die sich ergänzen, obwohl sie untereinander in gewisser Weise im
Gegensatz stehen. Darum geben sie auch zu, dass die auf unseren Schulen
gelehrte Philosophie mit ihrer klaren Beschreibung der Fragestellung und
Lösung, mit der genauen Bestimmung der Begriffe und ihren klaren
Unterscheidungen wohl nützlich sein könne zum Studium der scholastischen
Theologie, die sich der Denkungsart des mittelalterlichen Menschen in
hervorragender Weise anpasste; aber – so fügen sie hinzu – sie kann keine
philosophische Methode bieten, die unserer modernen Kultur mit ihren
Bedürfnissen entspricht. Sie wenden ferner ein, dass die ”philosophia
perennis” nur eine Philosophie der unveränderlichen
Wesenheiten sei, während das moderne Denken interessiert sein müsse an der
”Existenz” der Einzeldinge und dem stets fließenden Leben. Während sie aber
diese Philosophie verachten, preisen sie andere Systeme hoch, alte oder neue,
solche östlicher oder westlicher Völker, in einer Art, die andeuten zu wollen
scheint, jede beliebige Philosophie oder Meinung könne unter Beifügung – wenn
das notwendig ist - einiger Verbesserungen oder Ergänzungen mit dem
katholischen Dogma vereint werden. Aber kein Katholik kann daran zweifeln, dass
dieses ein vollständiger Irrtum ist, besonders da es sich um Systeme handelt,
wie den ”Immanentismus”, ”Idealismus”, den
geschichtlichen oder dialektischen ”Materialismus” oder auch den
”Existenzialismus”, entweder in der Form des Atheismus oder wie er sich
wenigstens gegen den Wert der metaphysischen Schlussfolgerung wendet.
33 Schließlich
werfen sie der Philosophie unserer Schulen noch vor, dass sie im
Erkenntnisvorgang nur den Verstand berücksichtige, die Tätigkeit des Willens
aber und der Gemütsbewegungen vernachlässige. Das entspricht nicht der Wahrheit.
Denn niemals hat die christliche Philosophie den Nutzen und die Wirksamkeit
geleugnet, die die gute Verfassung der Gesamtseele für die volle Erkenntnis und
Erfassung der religiösen und sittlichen Wahrheiten haben; im Gegenteil, sie hat
immer gelehrt, dass das Fehlen einer solchen Verfassung der Grund dafür sein
kann, dass der Verstand unter dem Einfluss der Leidenschaften und des bösen
Willens so verdunkelt wird, dass er nicht mehr richtig sieht. Mehr noch, der ”Doctor Communis” glaubt, dass der Verstand in irgendeiner
Weise die höheren Güter der natürlichen oder übernatürlichen Sittenordnung
begreifen könne, insofern, als er in seinem Innern eine gewisse gemütsmäßige natürliche oder gnadenhafte ”Naturgleichheit” (Connaturalitas)
mit diesen Gütern verspürt10. Es versteht sich, wie sehr diese, wenn auch nur im
Unterbewusstsein liegende Erkenntnis den Bemühungen der Vernunft helfen kann.
Den Willensaffekten die Kraft zuerkennen, der Vernunft zu helfen, zu einer
sichereren und festeren Erkenntnis der sittlichen Wahrheiten zu kommen,
bedeutet aber nicht, was diese Neuerer behaupten, dass nämlich der Wille und
das Gefühl eine gewisse intuitive Kraft haben, und dass der Mensch, wo er durch
Verstandestätigkeit nicht mit Sicherheit die Wahrheit erkennen kann, sich an
den Willen wendet, mit dem er einen freien Entschluss und eine Wahl zwischen entgegengesetzten Meinungen treffen kann; dabei vermischt
er in übler Weise die Erkenntnis und den Willensakt miteinander.
e) Aufgabe der Theodizee und der
Ethik
34 Es nimmt
kein Wunder, dass diese neuen Ansichten zwei philosophische Fächer in Gefahr
bringen, die ihrer Natur nach sehr eng mit dem Glaubensunterricht verbunden
sind, die natürliche Gotteserkenntnis (Theodizee) und
die natürliche Sittenlehre (Ethik). Sie sind der Ansicht, dass es nicht die
Aufgabe dieser beiden Fächer sei, mit Sicherheit irgendeine Wahrheit über Gott
oder ein anderes transzendentes Wesen zu beweisen, sondern vielmehr zu zeigen,
wie doch die Wahrheiten, die der Glaube über den persönlichen Gott und seine Gebote lehrt, so eng mit den
Bedürfnissen des Lebens zusammenhängen und wie diese Wahrheiten darum von allen
anzunehmen seien, um der Verzweiflung aus dem Wege zu gehen und das ewige Heil
zu erreichen. Alle diese Behauptungen und Ansichten stehen in offenem
Widerspruch mit den Entscheidungen Unserer Vorgänger Leo XIII. und Pius X.; sie
sind auch unvereinbar mit Verordnungen des Vatikanischen Konzils. Es wäre
unnötig, diese Irrtümer zu betrauern, wenn alle, auch auf dem Gebiet der
Philosophie, mit gebührender Ehrfurcht auf das Lehramt der Kirche schauten.
Seine Aufgabe ist es nach göttlicher Anordnung nicht nur, den Glaubensschatz
der Offenbarung zu bewahren und zu erklären, sondern auch über die philosophischen
Fächer zu wachen, damit die katholischen Glaubenslehren durch diese Irrtümer
keinen Schaden leiden.
2. Die positiven Wissenschaften betreffend
35 Es ist jetzt
noch zu den Fragen Stellung zu nehmen, die aus den positiven Wissenschaften
entspringen und mehr oder weniger mit den Wahrheiten des christlichen Glaubens
zusammenhängen. Nicht wenige bitten ja dringend darum, die katholische Religion
möge mit dieser Wissenschaft möglichst stark Rechnung halten. Es ist das
lobenswert, soweit es sich um bewiesene Tatsachen handelt; es heißt aber,
vorsichtig voranzugehen, wenn es sich mehr um Hypothesen handelt – auch wenn
sie irgendwie wissenschaftlich begründet sind –, mit denen Lehren der Heiligen
Schrift oder der Tradition in Berührung stehen. Wenn diese Hypothesen sich
direkt oder indirekt gegen die Offenbarung wenden, so können sie in keiner
Weise zugelassen werden.
a) Biologische und anthropologische Fragen
36 Aus diesem
Grund verbietet das Lehramt der Kirche nicht, dass in Übereinstimmung mit dem
augenblicklichen Stand der menschlichen Wissenschaften und der Theologie die
Entwicklungslehre Gegenstand der Untersuchungen und Besprechungen der Fachleute
beider Gebiete sei, insoweit sie Forschungen anstellt über den Ursprung des
menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie, während
der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, dass die Seelen
unmittelbar von Gott geschaffen sind. Es sollen diese Verhandlungen in der
Weise geschehen, dass die Gründe für beide Ansichten, also dieser, die der
Entwicklungslehre zustimmt, wie jener, die ihr entgegensteht, mit nötigen Ernst
abgewogen und beurteilt, vorausgesetzt, dass alle bereit sind, das Urteil der
Kirche anzunehmen, der Christus das Amt anvertraut hat, die Heilige Schrift authentisch
zu erklären und die Grundsätze des Glaubens zu schützen11. Einige überschreiten nun verwegen
diese Freiheit der Meinungsäußerung, da sie so tun, als sei der Ursprung des
menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie durch
bis jetzt gefundene Hinweise und durch Schlussfolgerungen aus diesen bereits
mit vollständiger Sicherheit bewiesen; ebenso tun sie, als ob aus den Quellen
der Offenbarung kein Grund vorliege, der auf diesem Gebiet nicht die
allergrößte Mäßigung und Vorsicht geböte.
37 Wenn es sich
aber um eine andere Hypothese handelt, den so genannten Polygenismus,
lässt die Kirche nicht die gleiche Freiheit. Darum können Gläubige sich nicht
der Meinung anschließen, nach der es entweder nach Adam hier auf Erden
wirkliche Menschen gegeben habe, die nicht von ihm, als dem Stammvater aller
auf natürliche Weise abstammen, oder dass Adam eine Menge von Stammvätern
bezeichne, weil auf keine Weise klar wird, wie diese Ansicht in Übereinstimmung
gebracht werden kann mit dem, was die Quellen der Offenbarung und die Akten des
kirchlichen Lehramts über die Erbsünde sagen; diese geht hervor aus der
wirklich begangenen Sünde Adams, die durch die Geburt auf alle überging und
jedem einzelnen zu eigen ist12.
b) Der historische Wert der Genesis
38 Wie in den
biologischen und anthropologischen Wissenschaften, so missachten auch in der Geschichte einige kühn die von der Kirche vorsichtig gezogenen Grenzen. In besonderer
Weise gibt ein System Anlass zur Trauer, das die geschichtlichen Bücher des
Alten Testamentes mit allzu großer Freiheit erklärt. Um ihre Gründe zu
verteidigen berufen sich die Vertreter dieses Systems auf ein Schreiben, das
vor nicht langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von
Paris gerichtet wurde13. Es weist ausdrücklich darauf hin, dass die ersten elf
Kapitel des Buches der Schöpfung doch in einem wahren Sinn, der von den
Exegeten noch weiter zu erforschen und zu erklären ist, geschichtlich sind,
wenn sie auch eigentlich nicht der Methode der Geschichtsschreibung
entsprechen, die von den besten griechischen und lateinischen Autoren, auch von
den Fachleuten unserer Zeit, angewandt wurde. Die gleichen Kapitel, so heißt es
weiter, berichten in ihrer einfachen und bildhaften, der Denkart eines wenig
gebildeten Volkes angepassten Sprache die Hauptwahrheiten, die für unser Heil
von grundlegender Bedeutung sind; zugleich geben sie aber auch einen
volkstümlichen Bericht vom Ursprung des Menschengeschlechtes und des
auserwählten Volkes.
39 Wenn auch
die alten Verfasser der Heiligen Bücher einiges aus den volkstümlichen
Erzählungen nahmen – was ruhig zugegeben werden kann –, so darf man doch nie
vergessen, dass sie es unter dem Beistand göttlicher Eingebung taten, der sie
bei der Wahl und der Wertung dieser Dokumente vor allem Irrtum bewahrte. Es
können auch die der Heiligen Schrift eingefügten volkstümlichen Erzählungen in
keiner Weise mit Mythologien oder dergleichen auf die gleiche Stufe gestellt
werden, da diese mehr Frucht einer ausschweifenden Einbildungskraft sind als
des Strebens nach Wahrheit und Einfachheit, das in den Büchern des Alten
Testamentes sosehr hervorleuchtet; darum muss auch von seinen Verfassern gesagt
werden, dass sie alle Profanschriftsteller deutlich übertreffen.
Schluss : Pflichten der kirchlichen
Behörden und Professoren
40 Wir wissen
nun gut, dass die meisten katholischen Lehrer, die die Früchte ihrer Studien
den Universitäten, Seminarien und religiösen Kollegien zukommen lassen, weit
von diesen Irrtümern entfernt sind, die heute offen oder versteckt durch
Neuerungssucht oder übertriebenen apostolischen Eifer Verbreitung finden. Wir wissen
aber auch, dass diese neuen Auffassungen die Unvorsichtigen anlocken können;
darum wollen Wir ihnen lieber gleich beim Beginn entgegentreten, als dann erst
die Heilmittel verordnen, wenn das Übel bereits eingewurzelt ist.
41 Um daher
Unserer heiligen Pflicht nachzukommen, schreiben Wir nach reiflicher Überlegung
im Herrn den Bischöfen und Obern der Ordensgenossenschaften unter schwerer
Verpflichtung für ihr Gewissen vor, mit allem Eifer dafür zu sorgen, dass weder
in der Schule, bei Zusammenkünften, in Schriften irgendwelcher Art solche
Meinungen vorgebracht, noch sie auch Klerikern oder Christgläubigen auf
irgendeine Weise vorgetragen werden.
42 Alle, die in
kirchlichen Anstalten lehren, sollen wissen, dass sie das ihnen anvertraute
Lehramt nicht ruhigen Gewissens ausüben können, wenn sie die von Uns erlassenen
Lehrnormen nicht in religiösem Geist annehmen und beim Unterricht genauestens
befolgen. Diese schuldige Ehrfurcht und diesen Gehorsam, die sie fortwährend in
ihrem Wirken dem kirchlichen Lehramt entgegenbringen müssen, sollen sie auch
dem Verstand und dem Herzen ihrer Schüler einprägen.
43 Sicher
sollen sie mit aller Kraft und Anstrengung ihr Lehrfach fördern, sich aber auch
davor hüten, die von Uns zum Schutz der Wahrheit des Glaubens und der
katholischen Lehre gezogenen Grenzen zu missachten. Die neuen Fragen, wie sie
die moderne Kultur und der Fortschritt aufwirft, sollen sie sehr genau, aber
auch mit der gebotenen Klugheit und Vorsicht untersuchen. Schließlich sollen
sie nicht in einer falschen Friedensliebe (oder ”Irenismus”)
glauben, die Getrennten und Irrenden könnten anders glücklich in den Schoß der
Kirche zurückgeführt werden, als dass
sie ehrlich die ganze Wahrheit der Kirche, ohne jegliche Entstellung und jeden
Abstrich, entgegennehmen.
44
In dieser Hoffnung, die wächst durch
Eure Hirtensorge, geben Wir als den Träger himmlischer Gnaden und als den
Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens Euch allen einzeln, Ehrwürdige Brüder,
wie auch Eurem Klerus und Volk von Herzen den Apostolischen Segen.
Gegeben
zu Rom, bei St. Peter, am 12. August 1950,
im
zwölften Jahr unseres Pontifikates.
PIUS PP. XII.
1 Conc, Vatic. D. B., 1876, Const. De Fide cath., cap. 2, De revelatione.
2 C. I. C., e an. 1324; cfr. Conc. Vat., D, B. 1820, Cost. De Fide cath., cap. 4, De fide et ratione, post canones.
3 Luc. 10, 16.
4 Pius IX, Inter gravissimas, 28 oct. 1870, Acta, voI,
I,p. 260.
5 Cfr. Conc. Vat., Const. De Fide cath., cap. 1, De Deo rerum omnium creatore.
6 Litt. Enc. Mystici CORPORIS Christi,
A.A.S. vol. XXXV, p. 193 sq.
7 Cfr. Conc. Vat., D. B., 1796.
8 C.I.C., can. 1366, 2.
9 A.A.S. vol. XXXVIII, 1946, p. 387.
10 Cfr. S. Thom., Summa
Theol., II – II, quaest. 1, art. 4 ad 3 et quaest. 45, art 2, in 6.
11 Cfr. Allocut. Pont, ad membra Academiae Scientiarum, 30 novembris 1941 : A.A.S voL XXXIII, p. 506.
12 Cfr.
13 Die 16 ianuarii 1948 : A.A.S. vol. XL, pp. 45-48.