Prof. Dr. Andreas Laun, Weihbischof von
Salzburg
Die Entwicklung der Arten - und der Mensch
Evolution oder Schöpfung
- das war einmal so etwas wie ein Kampfruf der Gläubigen gegen die Atheisten,
der Atheisten gegen die Gläubigen. Und heute? Ist die Schlacht vorbei? Wer ist
der Sieger, wer hat verloren?
Es scheint, als hätte sich
die Kirche endlich der Wissenschaft ergeben und also endlich „nachgegeben“. Es
gab jedenfalls Zeitungsmeldungen,
die klangen so! Wie kam es dazu? Tatsächlich meinte Johannes
Paul II. gegenüber den Mitgliedern der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften
vor kurzem: Die Evolutionstheorie ist „mehr als eine Hypothese“. Von vielen
übersehen wurde aber, daß der Papst gleichzeitig auf dem alles entscheidenden
Punkt beharrte: Die personale Seele kann nicht aus der Materie hervorgegangen
sein!
Da viele Menschen nicht
gewöhnt sind, genau zuzuhören, entstand in der Öffentlichkeit eine gewisse
Aufregung, und spitze Zungen fragten: Ist der Papst ein Häretiker? Andere
meinten, er hätte jetzt endlich die Abstammung des Menschen vom Affen
„zugegeben“, und Darwin hätte recht bekommen. Aber gerade das hat er eben
nicht! Es verrät ein beachtliches Maß an Unverständnis für die katholische
Kirche zu meinen, dieser oder irgendein anderer Papst könnte jemals eine
wesentliche Position des Glaubens - geradezu zwischen Tür und Angel -
preisgeben! Ich bin kein Spezialist in der Frage der Evolution, möchte aber
gerade als „gebildeter Laie“ helfen, Licht in die Sache zu bringen:
1.
Wissenschaft und Glaube
Den vielfach behaupteten
Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube gibt es nicht. Es ist eine
katholische Selbstverständlichkeit: Wenn ein wirkliches Ergebnis der
Wissenschaft dem Glauben zu widersprechen scheint, dann haben wir den Glauben
mißverstanden, oder umgekehrt: Steht ein wirklicher Glaubenssatz im Widerspruch
zu wissenschaftlichen Thesen und hat man überprüft, daß es sich wirklich um
einen unvereinbaren Gegensatz handelt, können diese „Ergebnisse“ nur falsch
sein, und es gilt herauszufinden, wo sich der unerlaubte Übergang von
empirischem Faktum zur deutenden und fehlerhaften Folgerung befindet. Denn es
gibt nur eine Wahrheit, und Widersprüche zwischen wirklichem Glauben und
wirklicher Wissenschaft sind unmöglich. Wenn sie zu bestehen scheinen, muß man
mit Geduld den Fehler suchen - genauso, wie wenn man zwischen dem Experiment
und der Theorie einen Widerspruch entdeckt: Entweder haben wir unseren Glauben
falsch verstanden oder das wissenschaftliche „Ergebnis“ ist kein Ergebnis!
2. Die
Einheit des Lebendigen
Wahr ist, daß es im Reich
des Lebendigen viele Gemeinsamkeiten gibt: Alle Lebewesen haben ein
„genetisches Programm“, fast alle Tiere sind zweigeschlechtlich angelegt, viele
Organe haben wir Menschen gemeinsam mit vielen Tieren - und der Fachmann weiß
noch unzählige andere solche gemeinsame Strukturen zu benennen. Unbestreitbar
ist auch, daß sich die Tier- und Pflanzenwelt im Lauf der Erdentwicklung
verändert hat: Früher gab es Lebewesen, die aus zum Teil heute noch unerklärten
Gründen verschwunden sind, heute gibt es andere, die es früher nicht gab, und
der Vergleich zeigt, daß die Tiere von einst mit den Tieren von heute verwandt
sind.
3. Die Frage
der Evolution und einige Unterscheidungen
Die weltanschaulich
betrachteten Fragen lauten: Haben sich die Lebewesen aus einer Urzelle
„herausentwickelt“? Wenn ja, wodurch ist das geschehen? Steht auch der Mensch
in der Reihe dieser Entwicklung?
Bei der Beantwortung dieser
Fragen sollte man behutsam sein und unterscheiden:
- Den Glauben berührt
eigentlich nur die letzte Frage, nämlich diejenige nach dem Menschen.
- Wer immer sich zu dieser
letzten Frage eine Meinung bilden will, sollte sich zunächst einmal von der
Voreingenommenheit des Zeitgeistes befreien. Suggestive Zeichnungen, wie sie
heute bis in die Schulbücher hinein angeboten werden, um zu zeigen, wie sich
der „Affe“ langsam aufrichtet und immer „menschlicher“ wird, beweisen natürlich
gar nichts.
- Man sollte die erste und
die zweite Frage nicht vermengen: Die These, daß es Zusammenhänge zwischen den
Arten des Lebens gibt bzw. gab, ist nicht dasselbe wie die Behauptung Darwins,
die Arten hätten sich durch das Gesetz des jeweils Stärkeren gebildet.
- Mit dem Begriff
„Evolution“ kann man die These bezeichnen, daß es Zusammenhänge im Reich des
organischen Lebens gibt (Antwort auf die erste Frage), man kann die Theorie
Darwins meinen (Antwort auf die zweite Frage) oder auch behaupten, daß sich
auch der Mensch aus der Entwicklung der Zellen erklären ließe und daß dieser
Mensch daher auch nur ein höheres Tier sei (Antwort auf die dritte Frage).
4. Darwins
eigener Vorbehalt
Darwin selbst wußte bereits
Beispiele, die zeigen, daß sich manche Lebewesen und viele Organe unmöglich
langsam, über viele hundert Jahre hin, entwickelt haben können, und zwar aus
einem einfachen Grund: Manche Fähigkeiten eines Lebewesens können nur ganz oder
gar nicht funktionieren. Außerdem gibt es Symbiosen von verschiedenen Lebewesen
(etwa Bienen und bestimmte Blüten), die gleichzeitig und vom ersten Augenblick
ihrer Existenz an dagewesen sein müssen.
5. Evolution
- Fakten und Interpretation
Eine Sache ist es, erstaunliche
Ähnlichkeiten der Lebewesen festzustellen und Funde von bestimmten Lebewesen
oder „ersten“ Menschen wissenschaftlich [12:] aufzuarbeiten, eine andere, diese
Fakten und Entdeckungen als kausale Abhängigkeit (“Das Lebewesen A ist im Lauf
vieler Millionen Jahre aus dem Lebewesen B hervorgegangen“) zu deuten. Dabei
ist es zudem ein Unterschied, ob jemand nur das Faktum als erwiesen annimmt
oder ob er meint, es einleuchtend erklären zu können. Natürlich genügt es
nicht, der „Ursuppe“ Jahrmillionen zuzufügen, um die Evolution „verständlicher“
zu machen.
6. Evolution
als rein wissenschaftliche Frage
Zur Frage, ob sich aus der
Amöbe ein Elefant entwickelt haben könnte, schweigt der Glaube ebenso wie zu
jener anderen, ob der „Lehm“, dem Gott die Seele „einhauchte“, anorganische
Materie war oder ob sich Gott dabei einer schon lebenden Substanz bediente.
Diese Fragen zu beantworten ist Sache der Vernunft mit Hilfe der jeweils
angemessenen, empirischen und philosophischen Methode.
7. Die
Freiheit des Denkens in Fragen,
die nicht den Glauben berühren
Da sich der Glaube aus dem
Streit über Evolution im vor-personalen Bereich heraushält, ist es jedem
Katholiken unbenommen, über die Evolution im Tierreich zu denken, wie er meint,
denken zu müssen. Vom Standpunkt des Glaubens aus darf es in diesem Punkt
verschiedene Meinungen innerhalb der Kirche geben. Auch der Papst will diesen
möglichen Pluralismus nicht einschränken, weder in die eine noch in die andere
Richtung. Er könnte es gar nicht, weil ihm dazu keine Kompetenz von oben
gegeben ist.
8.
Evolutionstheorie als Häresie
Durch die Seele
unterscheidet sich der Mensch durch eine Welt vom Tier. Sie ist nicht eine Art
Aura des Hirns, die mit diesem steht und fällt, sondern umgekehrt, sie ist eine
geistige Realität, in deren Dienst das Gehirn in einer
undurchdringlich-geheimnisvollen Einheit steht. Sie ist durch keine
„Entwicklung von unten“ erklärbar. Wer behauptet, der Mensch sei nur ein „Tier
unter Tieren“ und prinzipiell nicht mehr als wohlorganisierte Materie, der
tritt mit dem Glauben in einen unversöhnlichen, häretischen Gegensatz.
9.
Evolutionstheorie als Widerspruch zur Vernunft
Die Geistseele von Materie
und Entwicklung herzuleiten, widerspricht auch der Vernunft. Denn wer das Wesen
der personalen Seele begriffen hat, weiß, daß eine „Erklärung“ der Seele „aus“
dem Tier absurd ist. Keine Gemeinsamkeit und keine Ähnlichkeit im Bereich des
Leibes können diesen „Graben“ zwischen Mensch und Tier sozusagen zuschütten.
Der menschen-ähnlichste Menschenaffe ist, genau genommen, ähnlicher der
Kaulquappe oder einer Amöbe als dem Menschen - trotz allen Respekts, den wir
besonders den höheren Tieren schulden.
10. Das
bleibende Geheimnis des Lebens
Das Geheimnis bleibt auf
jeden Fall bestehen: Sogar wenn die Entwicklung aller Tiere - und des
menschlichen Leibes? - aus den Urzellen des Lebendigen unbestreitbar bewiesen
wäre, bliebe es ein undurchdringliches Geheimnis, wie das möglich ist, ein
Geheimnis, das wir vielleicht in etwa beschreiben, aber nicht wirklich
„erklären“ könnten. Wirklich bewiesen ist aber nur: Es gibt verschiedene
Tierarten, und sie sind untereinander verwandt, sogar mit dem Menschen. Offen
bleibt die Frage, wie sie ins Dasein kamen.
Erst recht geheimnisvoll
bleibt die Erschaffung des Menschen: „Die Kirche lehrt, daß jede Geistseele
unmittelbar von Gott geschaffen ist - sie wird nicht von den Eltern
‘hervorgebracht’ - und daß sie unsterblich ist: sie geht nicht zugrunde, wenn
sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von
neuem mit dem Leib vereinen“ (KKK 366). Dieser Satz ist für den Gläubigen
unantastbar - alles übrige ist Sache der natürlichen Wissenschaft.
Quelle: KIRCHE heute,
Dezember 1996 (Thema: Evolution und Darwinismus), S.11 f.
KIRCHE heute Verlags-GmbH
Postfach 1406
D-84498 Altötting
E-Mail: info@kirche-heute.de
Der
wichtigste Bezugstext dieses Artikels ist die Botschaft
von Papst Johannes Paul II. an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften
anläßlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996 über „Christliches
Menschenbild und moderne Evolutionstheorien“ (deutsch in: L`Osservatore Romano,
Wochenausgabe in deutscher Sprache, 1. November 1996, Nummer 44, S. 1 f).
Lesen Sie auch:
Keine Evolution durch blinden Zufall!
Christoph Kardinal Schönborn nimmt Stellung zur Evolutionstheorie und zum
Schöpfungsglauben der Kirche
Verantwortlich für die
HTML-Publikation dieses Beitrages: Dr. Josef Spindelböck. Aktualisiert am 11.07.2005.
·
Homepage
von Weihbischof Dr. Andreas Laun: http://www.kirchen.net/bischof/laun/
·
Risse
im Mauerwerk - Zu Bischof Stechers Papstkritik (Kirche heute, Februar 1998)
Zur Leitseite
Gemeinschaft vom heiligen
Josef