Neben viel Licht auch SchattenEine Anfrage zu den Laudationes zum 100. Geburtstag von Hans Urs von Balthasar (14. August 2005)
David Berger
Hinweis/Quelle: Der Verfasser ist habilitierter Theologe und war korresp. Professor der Päpstlichen Thomasakademie, Vatikan. Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers auf www.stjosef.at veröffentlicht. Hinweis: DDr. David Berger, der Verfasser dieses Beitrags, hat inzwischen (2010) eine Kehrtwende vollzogen, was sein Verhältnis zur kirchlichen Lehre und christlichen Lebenspraxis betrifft. stjosef.at distanziert sich ausdrücklich von dem Weg, den Berger nun eingeschlagen hat! Zugleich bleibt das, was Berger früher an Wahrem erkannt und formuliert hat, gültig. Insofern kann dieser Beitrag so lange im Internet bleiben, als sein Verfasser damit einverstanden ist.
Viel Lob war zum 100. Geburtstag des Theologen Hans Urs von Balthasar zu hören. Und in der Tat: Er gehört ganz ohne Zweifel mit zu den einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Insbesondere in den romanischen Ländern dürfte sein Einfluss – auch auf das Denken wichtiger kirchlicher Würdenträger – den von Karl Rahner noch übersteigen. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass sich in Balthasars Theologie neben viel Licht auch nicht unbedeutende Schattenseiten zeigen. Gut wurde dies auf einem Internationalen Kolloquium deutlich, das sich vor einiger Zeit in der Schweiz, ausgerichtet vom „Centro Studi Hans Urs von Balthasar“ der theologischen Fakultät der Universität Lugano, sehr ausführlich mit einem der zentralsten Fundamentalpunkte der Balthasarschen Theologie beschäftigt: dem engen Verhältnis von systematischer Theologie und mystischer Erfahrung („Esperienza mistica e teologia“).[1] Nun könnte man auf den ersten Blick denken, hier würde wieder eine neue Sammlung an Studien geboten, die – ganz dem gegenwärtig in der Theologie herrschenden Zeitgeist entsprechend – jeden kritischen Blick auf Balthasar vermissen lassen. Dem ist aber nicht so. Der Sammelband hebt sich von dem Hauptstrom der gegenwärtig herrschenden Balthasarforschung in weiten Teilen wohltuend ab.
Die Heiligen als locus theologicus?
Da Mystik und Spiritualität keinen der klassischen, von Melchor Cano auf der Basis der Summa Theologiae des Doctor angelicus (Ia, q.1) systematisierten loci theologici (Erkenntnisquellen der Theologie) bilden und dennoch die Theologie Balthasars gerade in ihren umstrittensten Stellen den Verdacht erweckt, dieser neuen Erkenntnisquelle gegenüber den konstituierenden Erkenntnisquellen der klassischen Theologie den Vorrang einzuräumen, wurde hier ein Ansatzpunkt gewählt, der vor jeder weiteren Beschäftigung mit der Theologie des Schweizer Theologen geklärt sein sollte. Wir müssen uns hier auf einige der insgesamt 13 Beiträge beschränken: Während Grzegor Strelczyk, Dozent an der Gregoriana, sehr vorsichtig an die hier weichenstellende Frage herangeht, ob mystische Erfahrung ein vollwertiger locus theologicus systematischer Theologie sein kann, zeigt der Grazer Theologe Bernhard Körner weniger Zurückhaltung. Die von Balthasar (zurecht) geforderte enge Verbindung von Heiligkeit und Theologie wird in dessen Beitrag – durchaus mit der Stoßrichtung des Denkens Balthasars selbst vereinbar – soweit ausgezogen und zugespitzt, dass die Heiligen als locus theologicus verstanden werden können (238).
Dennoch macht die Lektüre der Kongressakten deren aufmerksamem Leser unzweideutig deutlich: Unabhängig von der Frage, ob eine solche generelle Ergänzung der loci nötig ist und welche Probleme sie mit sich bringt, zu einer Rechtfertigung der problematischen Stellen der Theologie Balthasars dürfte sie kaum hinreichen.
Der Einfluss Adrienne von Speyrs und die Theorie der „Effigien“
Manfred Lochbrunner zeigt in seinem Beitrag trotz einer gewissen Sympathie für die Balthasarsche Theologie sehr kenntnisreich und ehrlich, wie die neuartige Auslegung, die dieser vom descensus ad inferos gibt und die mit dessen Karsamstagstheologie bzw. seiner der Apokatastasis nahekommenden Theorie über die Hölle in engstem Zusammenhang steht, weitgehend von den visionären Erlebnissen der Ärztin und Konvertitin Adrienne von Speyr, die Balthasar zum Austritt aus dem Jesuitenorden veranlasste, abhängig ist und gleichzeitig auf diese zurückgewirkt hat: „Hans Urs von Balthasar hielt die Schau des Karsamstags, mit dem Abstieg Jesu in die Unterwelt, für das größte Geschenk, das Adrienne von Speyr der Kirche hinterlassen habe. Die visionären Erlebnisse Adriennes sind eng verwoben mit der theologischen Auslegung ihres Seelenführers.“ (193) Auch jene Stellen, die zeigen, dass gerade diese „Privatoffenbarungen“ im Hinblick auf die kirchliche Lehre nicht unbedenklich sind, verschweigt Lochbrunner nicht. So etwa die seltsamen Visionen der „Effigien“. Balthasar ersetzt in Abhängigkeit von den Visionen Speyrs den vom Dogma geschützten Begriff der Seele durch ein Konstrukt, das sich aus „Effigien“ und der „Sünde an sich“ zusammensetzt. Die unter dem Einfluss der Visionen Adriennes entstandenen Spekulationen Balthasars sind so seltsam, dass wir hier ein längeres wörtliches Zitat, das Lochbrunner bringt, wiedergeben: „Der durch dieses von Gott Wegverdammte [nämlich die durch das Kreuz von der Menschheit getrennte Sündenmasse] wandelnde tote und für Adrienne nie sichtbare Christus begegnet auf diesem Gang noch einer Realität, die Adrienne mit dem Wort ‚Effigien’ bezeichnet hat. Was sind diese? Diese sind das, was Gott von jedem Sünder von sich weg verdammen, also in die Hölle werfen musste, um ihn als lebendigen Menschen zu retten, aus ihm durch Christus ein Kind Gottes zu machen. Die Effigien sind nicht unreal, weil der sündige Mensch der Sünde etwas von seiner lebendigen Wirklichkeit weggeschenkt hat. So hat jeder erlöste Sünder etwas wie ein Abbild seiner selbst in der Hölle ... Was geschieht mit diesen Effigien? Adrienne sieht, dass sie beim Durchgang des Herrn durch die Hölle ausgelöscht werden. Und trotzdem sagt sie auch: ‚Der Mensch kann, wenn er in die Sünde zurückfällt, wenn er gleichsam bereut, sie bereut zu haben, sie erneut zum Leben bringen’“ (191). Balthasar hat selbst erkannt, dass sich so nicht nur die quälende Last der Hölle mindern, sondern über die Hintertüre auch Luthers „gerecht und Sünder zugleich“ (simul iustus et peccator) in die katholische Theologie einführen lässt.
Wenden wir nun unseren Blick wieder auf die systematische, von Körner und Strelczyk aufgeworfene Frage: Sind Heilige, ist deren spirituelle Erfahrung ein locus theologicus?; dann kann man natürlich beruhigt feststellen, dass bei allem Wohlwollen des regierenden Pontifex für die Person Balthasars und Speyrs (192) weder Adrienne eine Heilige ist, noch ihre Visionen kirchlich anerkannt sind. Es gilt aber immer noch: „Ipsa doctrina ... ab Ecclesia auctoritatem habet.“[2]– Nur die unfehlbare Lehre der Kirche sagt uns, welche Lehrer als authentische Zeugen der katholischen Doktrin zu betrachten sind. Eine solche Aussage liegt weder bezüglich der Privatoffenbarungen Adriennes noch der Schriften von Balthasars vor.
Doch Prof. Lochbrunner bemerkt sehr vorsichtig dass die Visionen Adriennes „(noch) nicht“ anerkannt sind (191). Aber selbst dann, wenn Adrienne zur Ehre der Altäre erhoben werden sollte, bedeutet dies noch keine grundsätzliche Billigung all dessen, was sie jemals gesagt bzw. in „Privatoffenbarungen“ erfahren hat. Auch die fundamentaltheologische Theorie Körners von den Heiligen als locus theologicus, die Lochbrunner anscheinend teilt (191), hilft in diesem Fall nicht weiter. Was für die Vätertheologie gilt, müsste dann nämlich auch für die Heiligen gelten. Wie dort ein unanimis consensus patrum vorausgesetzt wird, wäre wohl auch hier ein unanimis consensus sanctorum nötig[3]. Dass die genannte Position von Speyrs und Balthasars aber in der Communio sanctorum mindestens Außenseitervorstellungen sind, wird jeder, der sich in der Materie ein wenig auskennt, konzedieren. Hinzukommt, dass Balthasar nicht selten die Lehre der Heiligen jeweils so rezipiert hat, wie er sie für seine eigenen systematischen Vorentscheide brauchte. Für die heilige Therese von Lisieux[4] kann dies die in Lugano lehrende Professorin Karin Heller schlüssig nachweisen, die dem Baseler Theologen ziemlich grobe, unwissenschaftliche, doch seiner Theorie konvenierende Entstellungen in der Deutung der kleinen Therese vorwirft.[5]
Die letzte große Kontroverse Balthasars in neuem Licht gesehen
Dies ist auch anlässlich des Beitrags („Sperare per tutti“? Il ricorso all’esperienza die santi nell’ultima grande controversia di Hans Urs von Balthasar: S.195–220), den der verdiente Dogmatiker Manfred Hauke verfasst hat, im Auge zu behalten. Auch Haukes Überlegungen gehen von der Balthasarschen, apokatastasischen These der Hoffnung für alle aus. Diese hat zur letzten großen Kontroverse des Schweizer Theologen geführt, an die sich viele Leser von „Theologisches“ noch sehr gut werden erinnern können: Von Pater Hermes im Fels im Jahre 1984 eröffnet, verlagerte sie sich bald auf „Theologisches“, wo Männer wie Wilhelm Schamoni, Karl Besler, Heribert Schauf und Johannes Bökmann in ihren Artikeln auf die problematischen Punkte in der Eschatologie Balthasars – ausgezeichnet durch eine profunde Kenntnis der Sache und mit großer, von dem selbstbewussten Balthasar nicht immer erwiderter Höflichkeit („con grande rispetto“: S.203) – hinwiesen[6]. Hauke schließt sich nicht der sonst gängigen Front des Totschweigens an, die die progressistische Theologie gegen die Publikationen der der Tradition verbundenen Katholiken aufgebaut haben. Mit einem deutlichen Bemühen, sowohl Balthasar als auch seine Kritiker zu verstehen, und ohne jede Polemik oder abwertende Bemerkungen referiert er gut unterrichtet den Ablauf der letzten großen Kontroverse. Auch hier wird zum einen deutlich, dass Balthasar für seine bekannte These, dass am Ende alle gerettet werden, sich ganz zentral auf die spirituelle Erfahrung einiger Heiliger zu stützen sucht. Zugleich vollzieht der Artikel Haukes und die Kritik, die er an Balthasar übt (diese schließt sich in wesentlichen Punkten jener in „Theologisches“ geübten an), aber auch eine Rehabilitierung der Rolle von „Theologisches“. Und dies bezüglich einer Auseinandersetzung, die ohne Zweifel in die Kirchen- und Theologiegeschichte eingehen wird. In der gegenwärtigen Kontroverse um die Theologie des kurz vor seinem Tod (1988) zum Kardinal erhobenen Theologen, die ganz durch die Brille Balthasars geführt wird, werden die diesbezüglichen Stellungnahmen in „Theologisches“ meistens inhaltlich ignoriert, gelegentlich ohne weitere Begründung auch als Äußerungen von intransigenten Ignoranten hingestellt.[7] Sehr gut wird durch Haukes Abhandlung aber deutlich, dass die von den genannten Autoren in „Theologisches“ geübte Kritik durchaus zutreffend war und die nötige Balthasarkritik in ihnen eine unverzichtbare Basis hat.[8]
Bei aller vorherrschenden wissenschaftlichen Akribie und kritischen Sympathie, die die meisten Autoren des Sammelbandes Urs von Balthasar entgegenbringen, zeigen doch letztlich fast alle Beiträge mehr oder weniger direkt, dass neben den Verdiensten, die sich der Schweizer Theologe ohne Zweifel um die Theologie erworben hat, am Ende doch in zentralen Punkten seiner Theologie, besonders jedoch in seiner Eschatologie, ein seltsames Missverhältnis zur Doktrin der katholischen Kirche besteht. Insofern bietet dieser Sammelband eine neue Gelegenheit den von den genannten Theologen („Theologisches“, „Fels“) grundgelegten, längst überfälligen Paradigmenwechsel in der Balthasarrezeption endlich ernsthaft anzugehen.
Es steht uns nicht zu, Empfehlungen auszusprechen. Dennoch wird man nach dem Gesagten feststellen dürfen: Für die kirchlichen Verantwortungsträger kann es wohl kaum verkehrt sein, mit Lobreden auf Balthasar, die letztlich als Empfehlung, mindestens jedoch als Unbedenklichkeitsbescheinigung angesehen werden könnten, zurückhaltend zu sein.
[1] Manfred Hauke / André Marie Jerumanis (Hg.), Atti XIV Colloquio di Teologia di Lugano: Esperienza mistica e teologia. Ricerca epistemologica sulle proposte die Hans Urs von Balthasar (= RTLu 6 [2001] 1–264), Lugano 2001; ISSN 1420–6730.
[2] THOMAS VON AQUIN, IIa-IIae q.10 a.12
[3] ID., In Sent II d. 14 q.1 a.2 ad1.
[4] Balthasar bemerkte gegenüber Pater Hermes, der durch die Vermutung Balthasars, die Hölle könne auch leer sein, verunsichert, diesem einen besorgten Brief geschrieben hatte: “Lesen Sie genau die kleine Therese!”
[5] Esperienza e fede secondo Teresa di Lisieux. Una rilettura dell’interpretazione di von Balthasar, S.152: “La tendenza di Balthasar che consiste nel favorire una lettura più dominata dall’intuizione personale che dal rigore inerente ai metodi scientifici, non gli ha probabilmente permesso di evitare qualche scoglio.”
[6] Diesen Respekt vermisst er allerdings in der Studie Rothkranzs („Die Kardinalfehler des Hans Urs von Balthasar, Durach 1988) zur Theologie Balthasars: „Rothkranz, più giovane, mescola la sua critica acuta con una polemica molto dura“ (203).
[7] Einen Anfang hat hier schon Balthasar gemacht, der seinen Kritikern von „Theologisches“ und dem „Fels“ den Vorwurf der Ignoranz machte, ohne diese Anschuldigung allerdings genauer zu belegen: „Die Verwunderung beider Blätter zeigt, dass sie meine größeren Publikationen nie zur Kenntnis genommen haben ...“ URS VON BALTHASAR, Was dürfen wir hoffen?, einsiedeln 1986, 14.
[8] Cgl. dazu besonders die sehr kritischen Fragen bezüglich des Origenismus Balthasars und Adriennes in der Sintesi conclusiva: S.262–263.
