Was neue Religionsbücher empfehlen / von Dr. David Berger
Bereits vor einigen Jahren haben der Arbeitskreis für Theologie und Katechese sowie der Dogmatiker Manfred Hauke die nach wie vor sehr verbreiteten Religionsbücher von Hubert Halbfas einer vernichtenden Kritik unterzogen. Nun legt Steffen Köhler erneut eine Analyse der wichtigsten in den letzten drei Jahren neu erschienenen Religionsbücher für den katholischen Religionsunterricht an Gymnasien vor: „Kennzeichen C“ sowie „Leben gestalten“ (beide Auer-Verlag) und „Religion vernetzt“ (Kösel). Als Herausgeber dieser Lehrwerke zeichnen W. Wiater, B. Gruber, H. Mendl und M. Schiefer Ferrari verantwortlich.
Köhler geht bei seiner Analyse induktiv vor: er beginnt nicht mit einer Theorie, sondern mit der Direktlektüre, gleichsam mit den Augen des Benutzers. Um dann das Gelesene mit sich selbst und zu den Tatsachen, die die Texte beschrieben wollen, in ein Verhältnis zu setzen: Dabei tun sich schon nach wenigen Seiten Abgründe auf: Hier verbindet sich der vom Sound von ´68 geprägte theologische Zeitgeist des angestaubten deutschen Milieukatholizismus mit einem bewussten Demontieren von Autoritäten sowie dem Verschweigen wichtiger Glaubensinhalte und schweren sachlichen Fehlern: So wird etwa Luther zu einem Dominikanermönch gemacht. Es werden „verantwortete sexuelle Experimente“ (Heinz) sowie Blinde-Kuh-Spiele im Kirchenraum (Mendl) empfohlen, die „Genforschung allenfalls vor dem 8. Tag nach der Empfängnis“ als akzeptabel betrachtet (Wiater). Peinlich wirkt die Anbiederung an die Adressaten: so etwa in Themenformulierungen wie „Jesus – Megagut“ oder der Auswahl „moderner Lieder“. Während erstere bei den Schülern nur ein mitleidiges Lächeln auslösen, bemerkt der Verfasser zu zweiteren treffend: „Die Auswahl ‚moderner’, also schon mehr als dreißig Jahre alter Lieder beinhaltet wohl das, was heute die Vierzig- bis Sechzigjährigen hören ... Die verstaubten Gesänge gegen das Wettrüsten (Wiater), haben wenig Aktualität, das Demonstrieren gegen die Endlagerstätte Gorleben (Mendl) kommt kaum über gesinnungsethische Verkündigung hinaus.“ Als Praktiker fragt man sich: wie weit sind diese Buchautoren von der gegenwärtigen Jugend und dem Schulalltag entfernt? Wie weltfremd muss man heute sein, um zum Autor für ein Religionsbuch zu avancieren?
Nur der, der die gegenwärtige Lage bezüglich der Religionspädagogik nicht kennt, wird sich über die Tatsache wundern, die Köhler bereits im Vorwort anspricht: Die Bücher haben nicht nur mehrere Autoren, sie wurden nicht nur von den verschiedenen Herausgebern, sondern auch von den sieben bayerischen Bischöfen geprüft und „einzeln (!) zugelassen ...: Wurde hier bewusst großzügig verfahren oder ungewollt übersehen? Hat man sich auf den jeweils vorherigen Prüfer verlassen oder wollte man nicht anecken?“
Die besprochenen Religionsbücher, Dokumente massiver Wissenslücken, unhinterfragter Meinungen und ungeeigneter Methoden, offenbaren nach dem Autor eine Krise der Glaubensweitergabe in der Schule, die so tief ist, dass s.E. wenig Hoffnung auf eine baldige Überwindung besteht. Dennoch zeigt er im Schlussteil die wesentlichsten Punkte auf, die sich möglichst rasch verändern müssen: Lehrer und Schüler müssen von den Didaktikern und Pädagogen endlich wieder ernst genommen werden. Dazu muss im Hinblick auf die Schüler endlich das unterschwellige Ideologisieren aufhören. Sie sind nicht „das Kopiergerät zur Verbreitung der eigenen Ansichten“ - wobei der Autor unerwähnt lässt, dass dieses Ideologisieren letztendlich von der die Religionspädagogik in Deutschland weithin bestimmenden Korrelationsdidaktik herrührt. Die Religionslehrer müssen wieder lernen, sich nicht auf ihr defizientes Theologiestudium und in der Praxis dann auf die „von didaktischen Materialstellen zurecht gezimmerte Sicht der Dinge“ zu verlassen, sondern kontroverse Lektüre zu ihrem Thema studieren. Nur so werden sie Schüler auf verantwortete Weise unterrichten können. Wie recht der Verf. mit der Vorstellung hat, ein „Urübel des modernen Religionsunterrichts“ bestehe darin, dass „die Lehrer nicht mehr wissen, wovon sie sprechen“, kann eine kleine Anekdote veranschaulichen: als der Verf. dieser Rezension vor zwei Jahren in der Zusammenkunft aller katholischen Religionslehrer des Gymnasiums den Vorschlag machte, ein Exemplar des „Katechismus der Katholischen Kirche“ für die Lehrerbibliothek anzuschaffen, hatte noch keiner der Kollegen von der Existenz dieses Buches gehört – alle waren sich aber sofort einig, dass man dieses nicht brauche.
So aussichtslos der Kampf gegen den allgegenwärtigen katastrophalen Zustand des Religionsunterrichtes in Deutschland scheint, so notwendig ist er doch: dies sind wir dem „echten religiösen Anliegen, das glauben will und den Glauben wirklich überdenken, das Liturgie nachzeichnen will, und nicht Schülertheater“ schuldig. Das Buch ist ein wichtiger Mahnruf an die Verantwortlichen, dieser Aufgabe endlich nachzukommen! So deprimierend der behandelte Gegenstand ist, nicht zuletzt aufgrund seiner geschliffenen Formulierungen und seines auf hohem Niveau essayistischen Stils stellt der Text doch ein echtes Lesevergnügen dar.
Steffen Köhler: Religion ohne Unterricht, Verlag J.H. Röll: Dettelbach – Heidenmauer Bücher: Lindau: 2005, 130 S., ISBN 3-89754-239-0, € 17,80.