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Das Heiligste Herz Jesu im Katechismus der Katholischen Kirche
(22. Januar 2005)

Josef Spindelböck

Hinweis/Quelle: Vortrag beim 14. Herz-Jesu-Studientag am 22.01.2005 in Wien. Bei der 14. Herz-Jesu-Studientagung am 22.01.2005 in Wien wurde außerdem noch folgender Vortrag gehalten: Dr. Ildefons Manfred Fux: Der selige Karl von Österreich und seine Beziehung zum Heiligsten Herzen Jesu

Zur Hinführung: Der „Katechismus der Katholischen Kirche“

Am 25. Juni 1992 approbierte Papst Johannes Paul II. den „Katechismus der katholischen Kirche“ und ordnete seine Veröffentlichung an[1], die daraufhin zuerst auf Französisch, dann in verschiedenen anderen Sprachen und schließlich am 15. August 1997 auch in lateinischer Sprache[2] erfolgte. Aufgrund dieses gleichsam „nachgereichten“, aber dennoch als „editio typica“, d.h. als maßgebliche Fassung geltenden lateinischen „Urtextes“ wurden im Anschluss daran die landessprachlichen Fassungen überarbeitet, präzisiert und gegebenenfalls korrigiert. Dieses wichtige theologische und katechetische Unternehmen im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils ging zurück auf ein im Jahr 1985 von der Außerordentlichen Versammlung der Bischofssynode an den Papst gerichtetes Ersuchen, einen Katechismus bzw. ein Kompendium der ganzen katholischen Glaubens- und Sittenlehre erstellen zu lassen. Damit sollte dem dringenden Bedürfnis nach inhaltlicher Orientierung in Glaubensfragen entsprochen werden. Nicht wenige Menschen hatten nämlich im Zuge der nachkonziliaren Entwicklung den Eindruck, in der Kirche sei alles bisher Geltende nunmehr überholt und sogar der Glaube der Kirche habe sich grundlegend verändert.

Der aus vier Hauptteilen bestehende „Katechismus der Katholischen Kirche“ steht in der Tradition des „Catechismus Romanus“, welcher auch als „Katechismus des Konzils von Trient“ bekannt geworden ist.[3] Papst Johannes Paul II. sieht im gegenwärtigen „Weltkatechismus“, welcher demnächst durch eine Kurzform ergänzt werden soll, „eine Darlegung des Glaubens der Kirche und der katholischen Lehre, wie sie von der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und vom Lehramt der Kirche bezeugt oder erleuchtet wird.“ Ausdrücklich stellt der Papst kraft seines apostolischen Amtes fest: „Ich erkenne ihn als sichere Norm für die Lehre des Glaubens an und somit als gültiges und legitimes Werkzeug im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft. Möge er der Erneuerung dienen, zu der der Heilige Geist die Kirche Gottes, den Leib Christi, die Pilgerin auf dem Weg zum unvergänglichen Licht des Reiches, unablässig ruft.“[4]

Wenn davon auszugehen ist, dass in den Hauptteilen, welche sich mit dem Glaubensbekenntnis (Nr. 26–1065), der Feier des christlichen Mysteriums in der Liturgie und den Sakramenten (Nr. 1066–1690), dem sittlichen Leben in Christus (Nr. 1691–2557) sowie dem christlichen Gebet (Nr. 2558–2865) befassen, das Wesentliche des katholischen Glaubens in prägnanter Kürze dargeboten wird, dann ist gleichsam von vornherein anzunehmen, dass im KKK auch über die Thematik des Heiligsten Herzens Jesu Wichtiges und Wesentliches ausgesagt und zusammengefasst wird. Diese heuristische Annahme bestätigt sich durch einen Blick in das nunmehr für die Neuauflage 2003 überarbeitete thematische Register der deutschen Ausgabe, wo sich unter dem Stichwort „Herz Jesu“ ausdrücklich drei Nummernangaben finden. Zwei davon (Nr. 112 und 478) sind fettgedruckt[5], was auf einen eigenen thematischen Bezug verweist, während die Nr. 1439 nicht hervorgehoben ist, was auf die Behandlung innerhalb eines anderen Themas hinweist. Außerdem wird zusätzlich unter dem Stichwort „Verehrung des Herzens Jesu“ die nicht hervorgehobene Nr. 2669 angeführt. Von daher ist es nahe liegend, die angezeigten Stellen des KKK im Hinblick auf die Inhalte ihrer Aussagen zum Heiligsten Herzen Jesu zu befragen. Von der Lektüre und Analyse dieser Stellen ergeben sich wichtige Weiterführungen und Verweise auf andere Quellen innerhalb und außerhalb des KKK, auf die ebenfalls im Rahmen der Möglichkeiten dieser Darlegung eingegangen werden soll.

Die Rede vom „Herzen Christi“ bei der Auslegung der Heiligen Schrift (KKK 112)

Die erste ausdrückliche Bezugsstelle des KKK auf das Heiligste Herz Jesu findet sich an einem Ort und in einem Zusammenhang, wo man dies kaum vermuten würde. Es geht um die Prinzipien der rechten Schriftauslegung. Wenn nämlich die Heilige Schrift das Wort Gottes ist, da Gott selber die menschlichen Verfasser der Heiligen Schrift inspiriert hat[6], dann gelten folgende Auslegungsgrundsätze oder Kriterien für das rechte Verständnis des Gotteswortes: Erstens ist sorgfältig auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Heiligen Schrift zu achten. Zweitens muss die Bibel in der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche gelesen werden, und drittens ist dabei stets die Analogie des Glaubens, d.h. der Zusammenhang der Glaubenswahrheiten zu beachten.[7]

Bei der Erklärung dieser Grundsätze wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem „Herzen Christi“ und dem „Herzen der Kirche“. In KKK 112 heißt es bei der Beschreibung des ersten Auslegungskriteriums, man müsse dabei:

„Sorgfältig ‚auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift’ achten. Wie unterschiedlich auch die Bücher sind, aus denen sie sich zusammensetzt, bildet die Schrift doch eine Einheit aufgrund der Einheit des Planes Gottes, dessen Zentrum und Herz Jesus Christus ist. Seit seinem Pascha ist dieses Herz geöffnet …“ [8]

Zuerst wird also Jesus Christus selber als das „Herz“ oder Zentrum des Planes Gottes bezeichnet. Im Mittelpunkt all dessen, was Gott um unseres Heiles willen angeordnet und beschlossen hat, steht unser Herr Jesus Christus. Er ist gleichsam das „Herz“ der Schöpfung und des Heilsplans.[9] Er ist das „Zentrum des geoffenbarten Mysteriums“.[10] Diese Christozentrik drückt sich in einem frühen liturgischen Hymnus der Kirche aus, den der Apostel Paulus wiedergibt:

„Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.“[11]

Wenn nun seit dem Pascha, d.h. seit dem in der Heilsgeschichte offenbar gewordenen Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi, dieses Herz, das Christus selber ist, geöffnet ist, dann heißt das nichts anderes, als dass die Sinnfülle der geoffenbarten Wahrheit gleich einem lebendigen Quell in der Kirche gegenwärtig ist. Die Wahrheit des Heiles ist in diesem Verständnis keine abstrakte, rein satzhafte, sondern immer eine personale, auf Christus bezogene, ja in ihm sich erfüllende Wahrheit, welche das göttliche Leben in sich birgt und mitteilt. Auf diese Weise empfangen die Glaubenden aus seiner Fülle Gnade über Gnade.[12] Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist daher die tiefste Selbstmitteilung Gottes, der „die Liebe“[13] ist. Wer auf diese Weise die Heilige Schrift liest, begegnet wirklich Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort Gottes.

Der Bezug von KKK 112 zum Herzen Christi setzt sich jedoch noch fort, indem der Katechismus den großen Kirchenlehrer und Theologen Thomas von Aquin mit einer wichtigen Aussage anführt, die folgendermaßen lautet:

„Unter ‚Herz Christi‘ ist die Heilige Schrift zu verstehen, die das Herz Christi kundtut. Dieses Herz war vor der Passion verschlossen, denn die Schrift war dunkel. Nach der Passion aber ist die Schrift geöffnet, damit diejenigen, die sie jetzt verstehen, erwägen und unterscheiden, wie die Weissagungen auszulegen sind.“[14]

Die Bedeutung des Ausdrucks „Herz Christi“ verschiebt sich in diesem Thomas-Zitat also auf die Heilige Schrift selber. In der Heiligen Schrift offenbart sich das Herz Christi, weshalb sie selber im uneigentlichen Sinn als das Herz Christi bezeichnet werden kann. Der Bezug zum Paschamysterium ist gleichsam der hermeneutische Schlüssel zum Verständnis der alttestamentlichen Weissagungen.

Die im KKK zitierte Auslegung des heiligen Thomas von Aquin hat im Hintergrund den im Johannesevangelium bezeugten realen Vorgang, dass der Soldat mit der Lanze die Seite des am Kreuz entschlafenen Herrn durchbohrte:

„Ein Soldat stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.“[15]

Bekanntlich haben die Kirchenväter diesen Vorgang im Hinblick auf die Kirche und ihre in der Kraft des Heiligen Geistes wirksamen Sakramente gedeutet:

„Das Blut und das Wasser, die der durchbohrten Seite des gekreuzigten Christus entflossen, sind Urbilder der Taufe und der Eucharistie, der Sakramente des neuen Lebens.“[16]

Somit haben in Christus, der sich am Kreuz für das Heil der Menschen geopfert hat, alle Gnadengaben ihren Ursprung. Aus dem Herzen des Erlösers wurde die Kirche geboren: So wie Eva von Gott aus der Rippe des schlafenden Adam gebildet wurde, entstand die Kirche aus der geöffneten Seite des am Kreuz entschlafenen Christus.[17]

Ähnlich wie die Seite Christi in realer Weise durch die Lanze des Soldaten geöffnet wurde, so ist die Schrift des Alten Bundes durch das Paschamysterium gleichsam geöffnet, d.h. erschlossen und in ihrem Sinngehalt offenbar gemacht. Wer nunmehr die Schriften liest, wird in ihnen die Kunde von Jesus dem Christus finden und so einen Zugang zu seinem Herzen erhalten. Dies ist die erste wichtige Aussage des KKK zum Heiligsten Herzen Jesu.

Die Hauptaussage des Katechismus zum Heiligsten Herzen Jesu (KKK 478)

Unter dem Titel „Das Herz des menschgewordenen Wortes“ gibt der KKK in Nr. 478 gleichsam in gedrängter Weise eine theologische Begründung der Herz-Jesu-Verehrung und fasst ihren wesentlichen Inhalt zusammen.

Zuerst weist der Katechismus auf die unsagbar große Liebe des Erlösers hin, der „während seines Lebens, seiner Todesangst am Ölberg und seines Leidens uns alle und jeden einzelnen gekannt und geliebt und sich für jeden von uns hingegeben“ hat. Es handelt sich um eine ganz persönliche Liebe und Hingabe des Sohnes Gottes für einen jeden von uns.[18] Diese Hingabe wird durch ein besonderes Zeichen zum Ausdruck gebracht, wie KKK 478 weiter ausführt:

„Er hat uns alle mit einem menschlichen Herzen geliebt. Aus diesem Grund wird das heiligste Herz Jesu, das durch unsere Sünden und um unseres Heiles willen durchbohrt wurde, ‚als vorzügliches Kennzeichen und Symbol für jene ... Liebe angesehen, mit der der göttliche Erlöser den ewigen Vater und alle Menschen beständig liebt’ (Pius XII., Enz. ‚Haurietis aquas’: DS 3924).“[19]

Mit dem Hinweis auf die Liebe mit einem menschlichen Herzen wird hier das Ursymbol des Herzens angesprochen. Das „Herz“ ist in diesem Sinn nicht bloßes Körperorgan, sondern Prinzip und „Organ“ des menschlichen Personlebens, der innere Konzentrationspunkt des Wesens und Wirkens des Menschen als geistiger Persönlichkeit und daher auch Quellort und Sitz des religiös-sittlichen Lebens. Herz ist der Inbegriff von Mut und Tapferkeit, von innerlicher Einsicht, von Planen und Wollen sowie der sittlichen Entscheidung des ganzen, ungeteilten Menschen.[20] Es handelt sich um ein Zeichen, das in seiner Bedeutung kaum erschlossen zu werden braucht, sondern in den meisten Kulturen und Sprachen von vornherein präsent ist.[21] Die biblische Anthropologie sowie die geistliche Tradition der Kirche sieht das Herz als „Wesensgrund“ oder „Inneres“ des Menschen an, worin sich die menschliche Person für oder gegen Gott entscheidet.[22] Wenn der Sohn Gottes wirklich Mensch geworden ist, dann liebt er uns auch mit einem menschlichen Herzen!

Die hypostatische Union der göttlichen mit der menschlichen Natur in der einen Person des göttlichen Wortes hebt die menschliche Urbedeutung des Herzens hinauf auf eine höhere Ebene: Das Herz des Erlösers wird zum Zeichen nicht nur für seine menschliche Liebe, sondern – wie KKK 478 mit einem Zitat aus der Enzyklika „Haurietis aquas“ zum Ausdruck bringt – für die Liebe des Gottes und Menschen Jesus Christus, der kraft dieser Liebe seinen himmlischen Vater und alle Menschen liebt.[23]

Im heilsgeschichtlichen Kontext wird die Liebe dieses heiligsten Herzens nochmals bekräftigt. Eigentlich würde man das Gegenteil erwarten: Da das Herz Jesu am Kreuz „durch unsere Sünden … durchbohrt wurde“, scheint es, dass seine Liebe zu Ende ist. Sie wurde geschmäht und verraten, nicht angenommen und bekämpft. Nun scheint sie besiegt zu sein. Und doch war es ein Durchbohrtwerden nicht nur wegen unserer Sünden, sondern vor allem „um unseres Heiles willen“, was die freiwillige Opferhingabe des Sohnes Gottes in seiner heiligen Menschheit für uns alle zum Ausdruck bringt. Die Sünde kann die Liebe Gottes nicht besiegen, sondern wird gleichsam zum Anlass der erneuten, ja verstärkten Zuwendung des Herzens Jesu zu den Menschen. Auf diese Weise wird der Heilsplan Gottes nicht durchkreuzt, sondern erfüllt. Die Liebe des Herzens Jesu ist daher nicht am Ende, sondern zeigt sich in ihrer durch die Hingabe bis in den Tod offenbar gewordenen Vollendung.

Im Herzen Jesu wird die Unbedingtheit der göttlichen Liebe offenbar, die sich nicht abhängig macht von den Launen und Stimmungen der Menschen oder von ihrem Wohlverhalten. Gott hat uns zuerst geliebt.[24] Er hat uns sogar geliebt, als wir noch Sünder waren und wir deshalb von Rechts wegen keine Gnade und kein Erbarmen erwarten konnten. Welch große Huld und Güte!

Im angeführten Zitat aus KKK 478 ist ein Verweis auf die Enzyklika „Mystici corporis“ von Papst Pius XII. angeführt. Was wird an jener Stelle angesprochen? Dort wird das Wissen der Seele Christi näher erläutert. Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, hat ja nicht nur einen menschlichen Leib angenommen, sondern auch eine menschliche Seele. In besagter Stelle aus „Mystici corporis“ geht es um die von der Liebe getragene Erkenntnis des menschgewordenen Gottessohnes, die er von uns allen und jedem einzelnen bereits während seines Erdenlebens hatte. Wir können auch sagen: In seinem Heiligsten Herzen hatte und hat Jesus Christus einen jeden von uns beständig gegenwärtig. Bedenken wir die wichtige Aussage von Papst Pius XII. im Wortlaut der Enzyklika:

„Jene liebevolle Erkenntnis aber, womit uns der göttliche Erlöser vom ersten Augenblick seiner Menschwerdung an entgegenkam, übertrifft alles menschliche Bemühen und Begreifen. Denn vermöge jener seligen Gottschau, deren Er sich sogleich nach der Empfängnis im Schoße der Gottesmutter erfreute, sind Ihm alle Glieder seines mystischen Leibes unablässig und jeden Augenblick gegenwärtig und umfängt Er sie alle mit seiner heilbringenden Liebe. O wunderbare Herablassung der göttlichen Güte zu uns; o unbegreifliche Tiefe einer Liebe ohne Grenzen! In der Krippe, am Kreuz, in der ewigen Glorie des Vaters hat Christus immerdar alle Glieder der Kirche vor Augen und im Herzen, mit weit größerer Klarheit und Liebe als eine Mutter ihr Kind auf dem Schoße, als ein jeder sich selbst kennt und liebt.“[25]

Wir sind demnach nicht einfach von einem blinden Schicksal hineingeworfen in eine anonyme Welt, in der uns nur wenige kennen und lieben; vielmehr werden wir von Jesus Christus, dem Erlöser, ganz persönlich erkannt und geliebt. Das Heiligste Herz Jesu ist Ausdruck der Liebe des Gottes und Menschen Jesus Christus nicht nur in der Weise affektiver Zuneigung oder einschlussweiser Liebe, sondern jeder von uns ist und war dem Erlöser geistig präsent in einer für uns unbegreiflichen direkten Weise.[26] Da es sich um ein von Liebe erfülltes Wissen handelt, das mit dem Wissen und der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind verglichen wird, soll der Glaube daran die Grundlage sein für ein vertieftes, ja unbegrenztes Vertrauen in die göttliche Güte und Liebe, welche der Vorsehung und Gnadenführung Gottes zugrunde liegen. Für einen jeden von uns will Gott das Heil. Niemand ist davon ausgeschlossen. Selbst ein Leben, das durch die Sünde und ihre Folgen nach menschlichen Maßstäben „zerstört“ wurde, kann von Gott wieder in seiner Kraft erweckt werden. Er vermag es, er will es; er wird es bewirken, wenn wir uns ihm ganz anvertrauen, denn er ist der „Heiland“ der Welt.

An diesem Zitat zeigt sich, wie fruchtbar die recht verstandene Herz-Jesu-Verehrung sein kann für das hoffnungsfrohe Glaubensleben des Christen und sein sittliches Streben. Es gibt keine Situation, in der wir aufgeben müssten. Gott ist bei uns, der Erlöser hat uns in Liebe gegenwärtig in jedem Augenblick unseres Lebens. In seinem Heiligsten Herzen sind wir geborgen.

Die Erfahrung göttlicher Barmherzigkeit (KKK 1439)

Es führt uns auch im angesprochenen Thema des Vertrauens auf die Liebe des Heiligsten Herzens Jesu weiter, wenn nun KKK 1439 zur Sprache kommt. In diesem Artikel ist der Hinweis auf das Herz Jesu zwar nicht Hauptinhalt der Aussage, wohl aber wird es im Schlussteil ausdrücklich genannt. In besagtem Artikel geht es in grundsätzlicher Weise um die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters, der den verlorenen Sohn in Liebe wieder aufnimmt. Dabei werden die Etappen dieses Bekehrungsvorgangs beschrieben. Da uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. vom barmherzigen Vater von unserem Herrn Jesus Christus im Evangelium erzählt wurde[27], kommt der Katechismus zu folgender abschließenden Feststellung, welche Bezug nimmt auf das Heiligste Herz Jesu:

„Einzig das Herz Christi, das die Tiefen der Liebe seines Vaters kennt, konnte uns den Abgrund seiner Barmherzigkeit auf eine so einfache und schöne Weise schildern.“[28]

Das Herz Jesu ist gemäß dieser wichtigen Aussage als zentrale Offenbarung der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters anzusehen. In diesem Zusammenhang soll auf die vielfach verwirklichte Intention des gegenwärtigen Heiligen Vaters verwiesen werden, gerade die Barmherzigkeit Gottes neu hervorzuheben und auf diese Weise die Menschen einzuladen zur Umkehr und Heimkehr zu Gott, dem barmherzigen Vater. In seiner Enzyklika „Dives in misericordia“ („Über das göttliche Erbarmen“) vom 30. November 1980 schrieb der Papst gleich zu Beginn:

„Gott, der voll Erbarmen ist, wurde uns von Jesus Christus als Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und kennen gelehrt.“

Damit wollte der Papst aufzeigen, wie sehr Christus die Offenbarung und Verkörperung der Barmherzigkeit des Vaters ist. „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“, sagte Jesus zu seinen Jüngern.[29] Und auf den Wunsch des Philippus, ihm den himmlischen Vater zu zeigen, antwortete Jesus: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?“[30]

Ausdrücklich verwies der Heilige Vater dann in der Enzyklika „Dives in misericordia“ auf das Heiligste Herz Jesu. Er führte aus:

„Die Kirche bekennt und verehrt das Erbarmen Gottes, so will es scheinen, auf besondere Weise, indem sie sich an Christi Herz wendet. Tatsächlich erlaubt uns gerade die Hinwendung zu Christus im Geheimnis seines Herzens, bei diesem Thema der Offenbarung, der erbarmenden Liebe des Vaters, zu verweilen, das den innersten Kern der messianischen Sendung des menschgewordenen Gottessohnes ausmacht: ein zentraler Punkt und gleichzeitig der dem Menschen am leichtesten zugängliche.“[31]

Auch in der Gegenwart, wenige Wochen nach jener verheerenden Flutkatastrophe in Südostasien mit ihren zahlreichen Opfern, dürfen wir uns fragen, ob denn die Verkündigung Gottes in seiner erbarmenden Liebe überholt sein kann angesichts dessen, dass viele glauben, einem blinden Schicksal ausgeliefert zu sein, und keinen Sinn in diesem irdischen Leben sehen. Echte Bekehrungen zu Gott können gerade von der Erfahrung des göttlichen Erbarmens ausgehen, wie es sich im Geheimnis des Heiligsten Herzens Jesu offenbart.

Im Apostolischen Schreiben „Reconciliatio et paenitentia“ vom 2. Dezember 1984 über „Versöhnung und Buße in der Sendung der Kirche heute“ hatte Papst Johannes Paul II. die Gläubigen dazu eingeladen, sich zusammen mit ihm

„an das Herz Jesu zu wenden, Zeichen und Ausdruck des göttlichen Erbarmens, ‚Sühne für unsere Sünden’, ‚unser Friede und unsere Versöhnung’, um von dorther den inneren Antrieb zu erhalten, die Sünde zu verabscheuen und zu Gott umzukehren, und um dort die göttliche Güte zu erfahren, die auf menschliche Reue in Liebe antwortet.“[32]

So weist uns dieser wie eine „Randbemerkung“ scheinende Hinweis in KKK 1439 auf eine ganz und gar wesentliche Dimension des gegenwärtigen Pontifikats und der christlichen Glaubensverkündigung insgesamt hin. Zur Abrundung soll noch ein Hinweis auf die am 17. August 2002 erfolgte Weihe des neuen Heiligtums der göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Łagiewniki gegeben werden. In seiner Predigt stellte Papst Johannes Paul II. unter anderem fest:

„Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes! Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Hass und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfassbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet. In diesem Heiligtum möchte ich daher heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, dass die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyna verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort ausgehend, überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden.“[33]

Die Empfehlung der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu (KKK 2669)

In Nr. 2669 des „Katechismus der Katholischen Kirche“ werden die bisher dargestellten theologischen Einsichten fruchtbar gemacht für das Gebets- und Frömmigkeitsleben des Christen. Eine wesentliche Ausdrucksform, ja gleichsam die Seele für das christliche Beten ist die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu. Die Kirche betet immer durch unseren Herrn Jesus Christus im Heiligen Geist zu Gott dem Vater. Auf diese Weise wird die universale Heilsmittlerschaft des Erlösers herausgestellt. Auch jene Gebete und Gottesdienstformen, in denen dies nicht in jener dargestellten Klarheit zum Ausdruck kommt, folgen dem uns von Christus gewiesenen Weg zum Vater, der er selber in seiner in der Person des Logos mit der göttlichen Natur geeinten Menschheit ist.

In besonderer Weise stellt nun der Katechismus zur Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu in Nr. 2669 fest:

„Das Gebet der Kirche ehrt und verehrt das Herz Jesu, wie es seinen heiligsten Namen anruft. Die Kirche betet das menschgewordene Wort und sein Herz an, das sich aus Liebe zu den Menschen von unseren Sünden durchbohren ließ.“ [34]

Mit diesen knappen Worten wird der ganze Zusammenhang der theologischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Entfaltung der Herz-Jesu-Verehrung in der Kirche angesprochen: beginnend bei den Zentralthemen der Heiligen Schrift, insofern uns diese auf die Menschheit des Erlösers verweist, im Hinblick auf die Theologie und Spiritualität der Väter der Kirche, welche uns die Durchbohrung der Seite des Erlösers als grundlegendes Ereignis für die Entstehung der Kirche deuten, die Mystik des Mittelalters und der Neuzeit, und hier besonders jene von den Offenbarungen des Heiligsten Herzens Jesu an Margareta Maria Alacoque (1647–1690) ausgehende Frömmigkeitsform, welche dann in ihrer Bedeutung für die Kirche auch durch deren oberste Hirten anerkannt, durch theologische Reflexion noch tiefer begründet und oftmals von der Kirche den Gläubigen empfohlen wurde.

Dies kann hier nur angedeutet werden und ist nicht mehr Thema der Ausführungen. Es zeigt uns aber, wie im „Katechismus der Katholischen Kirche“ gleichsam wie in einem Kern („in nuce“) all das enthalten ist, was die Kirche über das Heiligste Herz Jesu lehrt, woran sie glaubt und wozu sie in liturgischer und privater Frömmigkeit sowie in gläubiger Lebenspraxis aufruft. Mögen wir uns alle neu inspirieren lassen vom Gedanken der Barmherzigkeit Gottes, wie er uns in besonderer Weise im Geheimnis des Heiligsten Herzens Jesu kundgemacht ist!

Vielleicht kann es uns im „Jahr der Eucharistie“ gelingen, mit dem im Tabernakel anwesenden Herrn Jesus Christus sozusagen „von Herz zu Herzen“ zu sprechen und auf diese Weise die barmherzige Liebe Gottes in reichem Maß aufzunehmen und in der Folge weiterzugeben an die Brüder und Schwestern. Das wäre bestimmt die beste Frucht dessen, was im „Katechismus der Katholischen Kirche“ über das Heiligste Herz Jesu in zusammenfassender Weise geschrieben und uns von der Kirche zur geistlichen Aneignung übergeben ist. In diesem Sinn sollen die Ausführungen mit zwei Zitaten aus der Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ beendet werden. Papst Johannes Paul II. setzt die Anbetung des eucharistischen Herrn in Beziehung zur Liebe seines Heiligsten Herzens und schreibt wörtlich:

„Es ist schön, bei ihm zu verweilen und wie der Lieblingsjünger, der sich an seine Brust lehnte (vgl. Joh 13,25), von der unendlichen Liebe seines Herzens berührt zu werden. Wenn sich das Christentum in unserer Zeit vor allem durch die ‚Kunst des Gebetes’ auszeichnen soll, wie könnte man dann nicht ein erneuertes Verlangen spüren, lange im geistlichen Zwiegespräch, in stiller Anbetung, in einer Haltung der Liebe bei Christus zu verweilen, der im Allerheiligsten gegenwärtig ist? Wie oft, meine lieben Brüder und Schwestern, habe ich diese Erfahrung gemacht, und daraus Kraft, Trost und Stärkung geschöpft!“[35]

An einer anderen Stelle der Eucharistieenzyklika deutet der Papst die heilige Kommunion am Beispiel der Gottesmutter Maria als Verbindung liebender Herzen:

„Der Empfang der Eucharistie musste für Maria gleichsam bedeuten, jenes Herz wieder in ihrem Schoß aufzunehmen, das im Gleichklang mit ihrem Herzen geschlagen hatte, und das von neuem zu erleben, was sie selbst unter dem Kreuz erfahren hatte.“[36]

Insgesamt dürfen wir sagen: Die Aussagen des „Katechismus der Katholischen Kirche“ sowie anderer lehramtlicher Stellungnahmen können nicht als Rechtfertigung dafür herangezogen werden, die Bedeutung der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu zu relativieren.[37] Im Gegenteil: Dadurch, dass im Zeichen des Herzens Jesu eine personale „Verdichtung“ der zentralen Wahrheiten über Gottes Liebe erfolgt, ergibt sich die Chance und der Aufruf an alle Gläubigen, in persönlicher Weise und im Rahmen der kirchlichen Gemeinschaft die Herz-Jesu-Verehrung neu zu verlebendigen und für das geistliche und pastorale Leben der Kirche fruchtbar zu machen!

 

 

 


 

[1] Vgl. Johannes Paul II., Apostolische Konstitution „Fidei depositum“ zur Veröffentlichung des „Katechismus der Katholischen Kirche“, der im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil verfasst wurde, vom 11. Oktober 1992, in: AAS 86 (1994) 113–118; dt. in: Katechismus der Katholischen Kirche (= KKK). Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München-Vatikan 2003, 29–35.

[2] Catechismus Catholicae Ecclesiae (= CCE), Città del Vaticano 1997. Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Laetamur Magnopere“ anlässlich der Approbation und Veröffentlichung der lateinischen „Editio typica“ des „Katechismus der Katholischen Kirche“ vom 15. August 1997, lat. in: AAS 89 (1997) 819–821; dt. in: L’Osservatore Romano, Jahrgang 1997, Nr. 38, S. 4.

[3] Catechismus Romanus ex Decreto Concilii Tridentini ad Parochos S. Pii V Pont. Max. iussu editus, Romae 1920; dt.: Katechismus nach dem Beschlusse des Konzils von Trient für die Pfarrer, auf Befehl der Päpste Pius V. und Klemens XIII. herausgegeben, Kirchen/Sieg 1970.

[4] Johannes Paul II., Fidei depositum, in: KKK, S. 33. Hervorhebung von mir.

[5] Ausgerechnet diese beiden wichtigsten Referenzen wurden im ersten thematischen Register der deutschen Ausgabe des KKK von 1993 überhaupt nicht angeführt (das Stichwort „Herz Jesu“ fehlte dort völlig, unter dem Stichwort „Herz-Jesu-Verehrung“ wurden die Nummern 2669 und 1439 benannt).

[6] Vgl. KKK 106.

[7] Vgl. KKK 112–114.

[8] Lat.: „Etenim licet libri qui illam componunt, valde sint diversi, una est Scriptura ratione unitatis propositi Dei, cuius Christus Iesus centrum est et post Suum Pascha apertum cor.” – CCE 112.

[9] In ähnlicher Weise wird auch in der Enzyklika “Ecclesia de Eucharistia” vom 17. April 2003 unser Herr Jesus Christus, gegenwärtig in der Heiligsten Eucharistie, als das „Herz der Welt“ bezeichnet (Nr. 59).

[10] KKK 158.

[11] Eph 1,15–20.

[12] Vgl. Joh 1,16.

[13] 1 Joh 4,8.16.

[14] Thomas von Aquin, Psal. 21,11. Lat.: „Per cor Christi intelligitur sacra Scriptura, quae manifestat cor Christi. Hoc autem erat clausum ante passionem, quia erat obscura: sed aperta est post passionem quia eam iam intelligentes considerant, et discernunt quomodo prophetiae sint exponendae.” – CCE 112.

[15] Joh 19,34.

[16] KKK 1225. Dabei ist, wie es in KKK 694 heißt, der Heilige Geist „in Person das lebendige Wasser, das aus dem gekreuzigten Christus quillt und uns das ewige Leben schenkt.“

[17] Vgl. ugo Rahner, Hugo Rahner, Die Anfänge der Herz-Jesu-Verehrung in der Väterzeit, in: Josef Stierli (Hg.), Cor Salvatoris. Wege zur Herz-Jesu-Verehrung, Freiburg 1954, 46–72; ders.; Flumina de ventre Christi. Die patristische Auslegung von Joh. 7,37 38, in: Biblica 22 (1941) 269–302 und 367–403; ders., Ströme fließen aus seinem Leib. Die aszetische Deutungsgeschichte von Joh. 7,37, in: ZAM 18 (1943) 141–149.

[18] Vgl. Gal 2,20.

[19] Lat.: „Iesus in vita Sua, in agonia Sua in Suaque passione nos cognovit et amavit omnes et singulos atque pro unoquoque nostrum Se tradidit: Filius Dei ‘dilexit me et tradidit Semetipsum pro me’ (Gal 2,20). Ipse nos omnes corde amavit humano. Hac de causa, sacrum cor Iesu, propter nostra peccata et pro nostra salute transfixum, ‘praecipuus consideratur index et symbolus [...] illius amoris, quo divinus Redemptor aeternum Patrem hominesque universos continenter adamat’.” – CCE 478.

[20] Vgl. Hugo Rahner, Gedanken zur biblischen Begründung der Herz-Jesu-Verehrung, in: Josef Stierli (Hg.), Cor Salvatoris. Wege zur Herz-Jesu-Verehrung, Freiburg 1954, 19–45, hier 23.

[21] „Die Verbindung der Verehrung der in Christus menschgewordenen Liebe Gottes gerade mit dem Phänomen des menschlichen Herzens hat ihren Grund in der Symbolkraft des Herzens, das (unabhängig von den Erkenntnissen der Physiologie) im Verständnis der Menschen als personale Mitte der leib-seelischen Einheit gilt, in der die seelischen Fähigkeiten versammelt sind und aus der sie als geistige Kräfte hervorgehen.“ – Leo Cardinal Scheffczyk, Herz Jesu, Herz-Jesu-Verehrung. II. Systematisch-theologisch, in: LThK3 5 (1996) 53 f, hier 53.

[22] Vgl. KKK 368: „Die geistliche Tradition der Kirche legt auch Wert auf das Herz im biblischen Sinn des ‚Wesensgrundes’ oder ‚Inneren’ (Jer 31,33), worin sich die Person für oder gegen Gott entscheidet.“ In diesem Sinn ist das Herz der bevorzugte „Ort“ des menschlichen Betens, wie KKK 2563 feststellt: „Das Herz ist das Zuhause, in dem ich bin und in dem ich wohne (in semitischer oder biblischer Sprechweise: wo ich ‚absteige’). Es ist unsere verborgene Mitte, die weder unsere Vernunft noch andere Menschen erfassen können. Einzig der Geist Gottes kann es ergründen und erkennen. Im Innersten unseres Strebens ist das Herz Ort der Entscheidung. Es ist Ort der Wahrheit, wo wir zwischen Leben und Tod wählen. Es ist Ort der Begegnung, da wir nach dem Bilde Gottes in Beziehung leben. Das Herz ist der Ort des Bundes.“

[23] In diesem Zusammenhang ist auch auf den unmittelbar vorausgehenden Artikel 477 des KKK zu verweisen, wo es im Hinblick auf Abbildungen der Menschheit des Erlösers heißt, dass diese von der Kirche in ihrer grundsätzlichen Berechtigung anerkannt werden, da in ihnen die Person des Abgebildeten verehrt wird. Von Jesus Christus gilt aufgrund der hypostatischen Union: „In der Tat bringen die individuellen Besonderheiten des Leibes Christi die göttliche Person des Gottessohnes zum Ausdruck.“

[24] Josef Fiedler SJ (Er gibt sein Herz zum Pfande. Lesungen zu klassischen Stellen der Herz-Jesu-Verehrung, Aschaffenburg 1984, 65) hat es so formuliert: Wenn wir vom Herzen Jesu sprechen, dann „deuten wir an, dass das ganze Erlösungswerk, Sühne für unsere Sünden und Spendung des neuen, übernatürlichen Lebens, das Werk der Liebe ist, der Liebe des Vaters und der Liebe Jesu.“

[25] Pius XII., Enzyklika „Mystici corporis“, DH 3812. Die deutsche Übersetzung folgt der Online-Version unter http://www.stjosef.at/dokumente/mystici_corporis.htm gemäß W. Jussen (Hg.), Gerechtigkeit schafft Frieden. Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Papst Pius XII., Hamburg 1946, 276–347.

[26] In KKK 471–474 wird eingegangen auf die menschliche Seele und die menschliche Erkenntnis Christi. „Diese menschliche Seele, die der Sohn Gottes angenommen hat, ist mit wahrhaft menschlicher Erkenntnisfähigkeit begabt. Diese kann an sich nicht unbegrenzt sein: sie betätigte sich in den geschichtlichen Verhältnissen seines Daseins in Raum und Zeit. Deshalb wollte der Sohn Gottes, als er Mensch wurde, auch ‚an Weisheit und Alter und Gnade’ zunehmen (Lk 2,52). Er wollte das erfragen, was man als Mensch durch Erfahrung lernen muss. Das entsprach seiner freiwilligen Annahme der ‚Knechtsgestalt’“ (KKK 472). Dann heißt es: „Gleichzeitig aber kam in dieser wahrhaft menschlichen Erkenntnis des Sohnes Gottes das göttliche Leben seiner Person zum Ausdruck. ‚Die menschliche Natur des Sohnes Gottes kannte und bekundete in sich – nicht von sich aus, sondern aufgrund ihrer Vereinigung mit dem Wort – alles, was Gott zukommt’ (hl. Maximus der Bekenner, qu. dub., q. I, 67). Das gilt in erster Linie von der unmittelbaren, innigen Kenntnis, die der menschgewordene Gottessohn von seinem Vater hat. Der Sohn zeigte auch in seinem menschlichen Erkennen göttlichen Einblick in die geheimen Gedanken des Menschenherzens“ (KKK 473). – Diese Zitate zeigen, dass die Kirche nicht einen „kognitiven Reduktionismus“ im Hinblick auf das menschliche Wissen Christi vertritt. Jesus Christus wusste auch als Mensch, wer er wer; er wusste, wofür er starb, ja er erkannte und liebte auf geheimnisvolle Weise jeden einzelnen Menschen, für den er sein Leben hingab.

[27] Vgl. Lk 15,11–24.

[28] Lat.: „Solummodo Christi cor quod profunditates cognoscit amoris Patris Sui, potuit abyssum misericordiae Eius, modo ita simplicitate et pulchritudine pleno, nobis revelare.“ – CCE 1439.

[29] Joh 12,45.

[30] Joh 14,10.

[31] Johannes Paul II., Enzyklika über das göttliche Erbarmen „Dives in misericordia“, Nr. 13.

[32] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben über Versöhnung und Buße in der Kirche heute “Reconciliatio et paenitentia”, Nr. 35.

[33] Johannes Paul II., Predigt bei der Weihe des Heiligtums der göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Łagiewniki am 17. August 2002, Nr. 5.

[34] Lat.: „Ecclesiae oratio cor Iesu veneratur et honorat, sicut Eius sanctissimum invocat Nomen. Verbum Incarnatum Eiusque adorat cor quod amore hominum ob nostra peccata transfigi permisit.“ – CCE 2669.

[35] Johannes Paul II., Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“, Nr. 25.

[36] Johannes Paul II., Ecclesia de Eucharistia, Nr. 56.

[37] Hans J. Limburg (Herz Jesu, Herz-Jesu-Verehrung. 1. Geschichte, in: LThK3 5 [1996] 51–53, hier 52 f) beschreibt die gegenwärtige kirchlich-theologische Situation so: „In der Liturgiewissenschaft wird das Herz-Jesu-Fest als eurozentrisches Devotions- bzw. Ideenfest diskutiert und seine Aktualität angesichts der theologischen und liturgischen Entwicklung in der Kirche relativiert. Historisch werden die kirchliche Bedeutung und der pastorale Wert der Herz-Jesu-Verehrung in ihrer konzentrierenden und zu Christus führenden Wirkung angesichts der Zersplitterung mittelalterlicher und neuzeitlicher Frömmigkeit gesehen.“