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Der Heilige Geist - das Lebensprinzip der Kirche
(15. Mai 1998)

Josef Spindelböck

Wenn in der öffentlichen Meinung das Thema „Kirche“ derzeit „in“ ist, so wird darunter in verkürzter Weise meist nur die äußere Seite von Kirche und hier wiederum nur eine sogenannte „Amtskirche“ verstanden. Es besteht die Gefahr, das eigentliche Wesen und Mysterium der Kirche in ihrer zugleich göttlichen und menschlichen Realität zu übersehen und an einer so verstandenen „Kirche“ irre zu werden.

Das „Jahr des Heiligen Geistes“ 1998 lädt dazu ein, unsere Sicht der Kirche als Heiligtum, ja Tempel des Heiligen Geistes zu vertiefen.

Ähnlich wie ein Leib aus vielen Gliedern besteht und diese untereinander und mit ihrem Haupt eine Einheit bilden, ist es auch mit der Kirche als dem „geheimnisvollen Leib Christi“ (vgl. 1 Kor 12,12–27). Sie ist ein Leib aus vielen Gliedern: das Haupt ist Christus, die zur Kirche gehörenden Gläubigen sind die Glieder dieses Leibes.

Wie aber jeder Leib eine Seele braucht, um leben und sich entfalten zu können, so ist es auch bei der Kirche: Ihre „Seele“, ihr inneres Lebensprinzip, das ihre Einheit und lebendige Wirksamkeit garantiert, ist der Heilige Geist. „Was unser Geist, das heißt unsere Seele, für unsere Glieder ist, das ist der Heilige Geist für die Glieder Christi, für den Leib Christi, die Kirche“ (Augustinus, Sermo 268,2). Der Heilige Geist ist „ganz im Haupt, ganz im Leib, ganz in den einzelnen Gliedern“ (Pius XII., „Mystici corporis“). So wirkt er die Einheit der Kirche in der Verschiedenheit ihrer Dienste und Aufgaben.

Wo ist der Heilige Geist in besonderer Weise wirksam?

  • Der Heilige Geist ist gegenwärtig und wirksam im Worte Gottes, in der Heiligen Schrift, deren Verfasser er mit der sicheren Erkenntnis der göttlichen Offenbarung ausgestattet und vor jedem Irrtum bewahrt hat (Inspiration der Heiligen Schrift). Dieses Wort Gottes, das uns die Kirche in lebendiger Überlieferung vorlegt und erklärt, ist auch für den heutigen Leser ein machtvoller Quell der Gnade und des Lebens!
  • In den Sakramenten bildet der Heilige Geist die Kirche als den Leib Christi, schenkt er ihr Wachstum und Heilung und führt sie zur Vollendung. Die Taufe ist das grundlegende Sakrament, in dem wir Kinder Gottes werden und den Geist der Liebe empfangen (vgl. Röm 5,5). Als Brüder und Schwestern Christi rufen wir in diesem Geist voll Vertrauen zu Gott, den wir „Abba“ – Vater – nennen dürfen (vgl. Gal 4,6; Röm 8,15). Durch das Sakrament des Ordo (das Weihesakrament) bleibt das apostolische Amt in der Kirche erhalten, in dem die Bischöfe und ihre Mitarbeiter (die Priester und Diakone) zusammen mit dem Papst und unter seiner Autorität die Kirche Gottes lehren, leiten und heiligen.
  • Nicht zuletzt ist der Heilige Geist wirksam in den Tugenden, die uns zum guten Handeln befähigen. Hier sind vor allem die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe zu nennen, sowie die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Frömmigkeit sowie die Gottesfurcht. Es gibt darüber hinaus noch besondere Gnadengaben des Geistes Gottes, die eigentlichen „Charismen“. Ob es sich dabei nun um außergewöhnliche oder eher unauffällige und schlichte handelt, stets sind sie dem, der sie erhält, geschenkt zum Aufbau der Kirche, zum Wohl der Menschen und für die Nöte der Welt (vgl. KKK 799). Es ist Aufgabe der Hirten, die Charismen zu prüfen, ob sie wirklich vom Heiligen Geist stammen und entsprechend seinen Anregungen auch ausgeübt werden (vgl. Lumen gentium, 12).

Die Kirche hat Zukunft, weil in ihr der Geist Gottes lebt und wirkt. „Wo die Kirche ist, da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes ist, dort ist die Kirche und alle Gnade“, schreibt der heilige Irenäus von Lyon (Adv. haer. 3,24,1).

Mit Maria, der Braut des Heiligen Geistes und der Königin unseres Apostolats, wollen wir stets auf den Heiligen Geist blicken und ihn voll Vertrauen anrufen, damit er uns erleuchtet, stärkt und tröstet:

“Geist des Lebens, durch den das Wort im Schoß der Jungfrau, der Frau des Schweigens und des Zuhörens, Fleisch geworden ist, mach uns den Eingebungen deiner Liebe gegenüber fügsam und bereit, immer die Zeichen der Zeit zu erkennen, die Du auf dem Weg der Geschichte setzt. Komm, Geist der Liebe und des Friedens!“

Aus dem Gebet für das Jahr des Heiligen Geistes 1998 von Papst Johannes Paul II.